Stimmen aus Wissenschaft und Nachhaltigkeitsfeld

Prof. Dr. Klaus Töpfer I in Folge Umwelt- u. Bauminister a.D | Exekutivdirektor der UNEP | Gründungsdirektor IASS
Die ästhetische Dimension, also der Bereich von Ein- und Ausdruck, ist für den Einzelnen zentral, um sich in einer Gesell-schaft zu situieren – sei es in der Abgrenzung, in der Zugehörigkeit, im Protest oder in der Teilhabe. Die Vielfalt von Eindruck und Ausdruck, die Vielfalt des symbolischen Raums unserer kulturellen Praktiken, wird von den Anforderungen großer gesellschaftlicher Teilsysteme wie Wirtschaft oder Politik oft an den Rand gedrückt oder zum Schweigen gebracht. Damit verstopfen wir nicht nur Quellen der Erneuerungskraft und des Lernens, derer wir im Zuge der vor uns liegenden Umbrüche dringend bedürfen. Wir bringen uns vielleicht auch um einen der wichtigsten, die gesellschaftlichen Teilbereiche übergreifenden Kommunikations- und Kooperationsraum. Gerade Kunst, so ‚einsam‘ sie bisweilen entsteht, ist oftmals ein Bezugspunkt für gemeinschaftlichen Diskurs, der wiederum gemeinschaftliches Handeln erst ermöglicht. 
Sie mit den Anliegen des Respekts vor planetaren Grenzen, der Gerechtigkeit und der Rücksichtnahme aufkommendes Menschheitsleben – mit denen sie es von Hause aus sowieso oft zu tun hat –, kurz: mit Nachhaltigkeit systematisch in Verbindung zu bringen: dies halte ich für eine sehr gute Idee. Eine entsprechende Förderstruktur, wie im FÄN anvisiert, würde diesen Anliegen ganz sicher zu größerer gesellschaftlicher Resonanz verhelfen.

 

Prof. Dr. Patrizia Nanz | ehem. Wissenschaftliche Direktorin IASS | jetzt Vizepräsidentin Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung | Berlin 

Auf "das Jahr der Nachhaltigkeit 2015" mit dem Pariser Klimaabkommen und der Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDGs) – beides zusammen ein greifbar werdender globaler "Gesellschaftsvertrag" für und in Nachhaltigkeit – folgen im Jahr darauf der Realitätscheck und Ernüchterungen in vermeintlich gleicher Intensität. Populismus und das Post-faktische, um die Problembeschreibung oberhalb der Einzelphänomene anzusiedeln, sind fundamentale Herausforderungen für jede Nachhaltigkeitsagenda. Nachhaltigkeit ist eine Agenda des Wandels – und sie trägt damit immer Verpflichtung auf eine zumindest teilweise offene Zukunft an uns heran, die keine einfachen Rezepte zulässt. Und sie muss wissensbasiert sein, weil sie im komplexen Abwägen, Verwerfen, Neu-Denken die treffende Problembeschreibung (kollektiv) herausschält und Lösungsangebote (nur kollektiv) erarbeiten muss. Jetzt muss und wird sich zeigen, ob der Erfolg der Nachhaltigkeitspolitik der vergangenen circa 30 Jahre tatsächlich belegen kann, dass sie keine Schönwetter- und auch keine rein normative Politik ist. Nachhaltigkeit schafft Handlungs-optionen: ökonomisch, soziale und sie fußt auf einer ökologischen Basis, die sich immer mehr in eine quasi "Ich-und-Du-Beziehung" mit uns Menschen transformiert. Weil aber auch die bestmögliche Nachhaltigkeitspolitik und -wissenschaft nicht alle “Sprachen“ sprechen kann – müssen sie doch entscheiden und verdichten, für einen nicht zur Gänze dem Lauf der Dinge anheim stellbaren Wandel hin zur Nachhaltigkeit allemal –, müssen diese Protagonisten der Nachhaltigkeitsagenda aus sich heraus Kooperationen mit weiteren Sinn- und Bedeutungszusammenhänge stiftenden und herausfordernden Partnern öffnen. 
Der Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit wäre eine herausragende und weit vorausdenkende Einrichtung, um Chancen zu erschließen, um sprechfähig(er) zu werden, wo uns die Sprache versagt und | oder in einem eingeengten Sprachhorizont von Analyse und Umsetzung nicht verfügbar ist. Ein solcher Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit“ scheint mir aber noch eine weitere ganz wesentliche Versicherung auf die Zukunft in sich zu bergen: in ihren auf Diversität und bisweilen Unvergleichbarkeit beruhenden universalistischen Dimensionen kann Ästhetik im interkulturellen Zusammenspiel uns aus dem sogenannten "Westen" auch dabei helfen, die universelle Reichweite von Nachhaltigkeit zu erfahren. Sie kann jene Beiträge zur Nachhaltigkeitsagenda gleichsam ex nihilo erschaffen, deren bisherige Nichterschließung durch unsere mehr oder weniger erfolgreiche Nachhaltigkeitspolitik und -wissenschaft uns den Ausgang aus unseren eigenen Denk- und Handlungsblockaden (noch) nicht finden lässt. 


Davide Brocchi | Soziologe und Transformationsmanager | Initiator "Tag des guten Lebens" | Köln

Heute leben wir in einer Zeit der "multiplen Krise" [Ulrich Brand]: Klimakrise, Finanzkrise, Krise der Demokratie, Flüchtlingskrise… Und das Konzept der Nachhaltigkeit ist ursprünglich ein "Kind der Krise" Nachhaltigkeit bedeutet zuerst die Kompetenz, Krisen handzuhaben, vorzubeugen oder erfolgreich zu überwinden - die Krisen als Chance zu nutzen. In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit ein Synonym von Resilienz, das heißt von Krisenresistenz und Widerstandsfähigkeit.
Welche Rolle kann dabei die Ästhetik spielen? Der Begriff kommt aus dem altgriechischen aísthēsis, das "Wahrnehmung", "Empfindung" bedeutet. Der Philosoph Wolfgang Welsch setzt diesem Begriff jenen der "Anästhetik" entgegen, der nicht zufällig wie Anästhesie klingt: Dabei wird die sinnliche Wahrnehmung abgeschaltet und die Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt geht verloren, unter anderem um sich vor der Erfahrung des "Schmerzes" zu schützen. Wir können Krisen als Ergebnis eines gesellschaftlichen "anästhetischen Zustandes" verstehen: Wenn wir unsere ökologische, soziale und innere "Umwelt" nicht mehr wahrnehmen, weil wir zum Beispiel wie Autisten an mathematischen Wirtschaftsmodellen und Dogmen wie Wirtschaftswachstum festhalten, an alten Überzeugungen, Privilegien und Gewohnheiten, dann kommt es zur Krise. Nicht nur die freie Kunst, sondern auch eine freie kritische Presse und eine kritische Wissenschaft sind mit einem gesellschaftlichen Sinnenorgan vergleichbar. Sie helfen uns, den Kontakt zur "Wirklichkeit" aufrechtzuerhalten und damit schwere Krisen vorzubeugen. Gerade in solchen Zeiten brauchen wir deshalb ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit: Um gesunde gesellschaftliche Sinnorgane zu fördern, die die sichtbare wie unsichtbare Mauern der Wohlstandsinseln durchlöchern und unsere Wahrnehmungshorizonten erweitern. Je breiter die Wahrnehmungshorizonten sind, desto nachhaltiger die Entscheidungen einer Gesellschaft. 

Prof. Dr. Reinhard Loske | Professor für Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung Institut für Ökonomie | Präsident Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues

Die Nachhaltigkeitsdebatte krankt oft daran, dass sie entweder abstrakt bleibt oder im bloßen Empirismus landet, wo es von Reduktionszielen und Effizienzindikatoren nur so wimmelt. Es geht aber nicht nur um Zahlen, sondern vor allem um ein Lebensgefühl, in dem Ethik und Ästhetik eine ebenso große Rolle spielen wie Politik und Technologie.

Prof. Dr. Gesine Schwan | Vorsitzende Sustainable Development Solutions Network Germany 

Nachhaltigkeit braucht Dialog und Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Partnern in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Kunst und Wissenschaft können und müssen sich dabei in selbstverändernder Weise einbringen – mit Empathie zuhörend und gleichzeitig emphatisch engagiert. Arbeit an Schnittstellen ist ohne Mittel und Experimentierräume kaum möglich. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte hier eine Bresche schlagen, wäre eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Eine Investition, die sich auszahlen wird.


Adolf Kloke-Lesch | Sustainable Development Solutions Network Germany |
SDSN Germany
 
Nachhaltigkeit kann immer nur nachhaltige Entwicklung sein, auf Zukunft gerichtete Bewegung und Begegnung der Einzelnen wie der Gesellschaften in der Welt: Sehnsüchtig zweifelnd, Grenzen erfahrend handelnd. Kaum vorstellbar, dass dies ohne eine Ästhetik nachhaltiger Entwicklung gelingen könnte. Eine Ästhetik, in der sich die Vielen lebendig und lebensfroh, demokratisch und streitend ausdrücken und erkennen. Eine Ästhetik, in der sich Gesellschaft, Wissenschaft und Politik und die Grenzen unseres Planeten begegnen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit hierfür bald Räume, Möglichkeiten und Vernetzungen schaffen könnte.

Prof. Dr. Dirk Messner | Präsident des Umweltbundesamtes | Dessau

Die Transformation zur Nachhaltigkeit ist ein vielschichtiger Veränderungsprozess. Wohlstand, das gute Leben aller Menschen, Lebensqualität müssen vom Verbrauch nicht-erneuerbarer Umweltressourcen und der Belastung und Überforderung von Ökosystemen entkoppelt werden. Im Anthropozän müssen wir als Menschen „Erdsystemverantwortung“ übernehmen und erlernen. Damit das gelingt, müssen technische Infrastrukturen umgebaut und zukunftstaugliche technologische Innovationen vorangebracht werden.
Städte, Mobilität, Industrien, Energiesysteme gilt es neu zu erfinden. Investitionsströme müssen darauf ausgerichtet, Anreizsysteme umgebaut, Geschäftsmodelle rekonfiguriert, Studiengänge und Ausbildungen angepasst werden. Doch der Übergang zur Nachhaltigkeit, zu Entwicklungspfaden für bald 10 Milliarden Menschen in den Grenzen des Planeten, ist vor allem auch eine kulturell-zivilisatorische Herausforderung. Nachhaltigkeitsveränderungen sind auf kognitive Perspektivwechsel, normative Revolutionen, neue Weltbilder, weltumspannende Empathiefähigkeit und Kooperationsnetzwerke, Kreativität, Imagination, Zukunftszuversicht und Irritationen unserer etablierten Gewissheiten und Gewohnheiten angewiesen. "Follow the Science" wird da nicht ausreichen – Kunst und Kultur erschließt menschliche Potenziale, die über unsere kognitiven Fähigkeiten hinausgehen. Wissenschaft, Kultur, Kunst können sich ergänzen, herausfordern, unsere Veränderungspotenziale multiplizieren. In der Corona-Krise wird von Vielen eine Neuorientierung eingefordert: "Build back better". Damit sind wirtschaftliche Strukturveränderungen und Investitionsströme angesprochen. Aber, was oft vergessen wird, auch eine Ästhetik der Nachhaltigkeit, kulturelle Innovationen als Impulse für eine Erneuerung unserer Lebensgrundlagen, die Diversität und Kreativität, die aus den vielfältigen Kulturen der Welt emergiert.

Prof. Dr. Peter Adolphi | Geschäftsführer Akademie für nachhaltige Entwicklung | ANE Mecklenburg-Vorpommern

Solch ein Fonds ist überfällig! Der Nachhaltigkeitsdiskurs befindet sich in einer Sackgasse. Das rührt zum einen aus nach wie vor vorwiegend disziplinären Antworten auf komplexe Fragen, die folglich weder die innewohnende Unsicherheit noch die Ambivalenz hinreichend spiegeln. Zum anderen führt die kulturell verankerte Praxis der Kompromissfindung zu immer weiter steigendem Ressourcenverbrauch. Es ist also von zentraler Bedeutung, unsere gesellschaftliche Fragestellung so zu verändern, dass Antworten außerhalb der Sackgassen gefunden und auch gesellschaftlich akzeptiert werden können. Hierfür ist Nähe unerlässlich – Nähe zwischen individuell Erlebbarem und als abstrakt empfundener Gefahr. Solche Nähe erfordert eine umfassende Sensibilisierung. Die weitere Steigerung der allein wissensbasierten Szenarien scheint das Gegenteil davon zu bewirken, forciert eher die Flucht in die Trivialisierung. Insofern sehen wir den FÄN als geeignetes und zugleich wichtiges Instrument an, ein verbessertes Zusammenwirken von künstlerischen und wissenschaftlichen Sichten zu ermöglichen, um damit unser Bild von Nachhaltigkeit zu schärfen und gleichzeitig sehr viel mehr Menschen für diesen Anspruch zu gewinnen. Mit seiner Hilfe kann es gelingen, die gebotene Ungeduld mit Empathie getragener Ausdauer und Zuversicht zu verknüpfen, um hieraus tatsächlich Nachhaltiges zu erzeugen. In diesem Sinne möchte ich mich für Ihre Initiative bedanken und sichere Ihnen unsere Unterstützung zu.

Prof. Dr. Maja Göpel | Politökonomin Transformationsforscherin | jetzt Wissenschaftliche Direktorin the new institute | Hamburg

Über 40 Jahre lief der Streit, ob wir nun Grenzen des Wachstums erleben werden oder nicht. Vertreter dieser Meinung wurden zu detaillierter Beweisführung angehalten und daraufhin wurde ihnen häufig Alarmismus oder Fortschrittszweifel vorgeworfen. Lösungen für mehr Wohlstand bei weniger Ressourcenverbrauch wurden primär innerhalb der Pfadabhängigkeiten des ökonomisch-technokratischen Paradigmas der Moderne gedacht und umgesetzt. Heute sind wir an dem Punkt, an dem die Hegemonie dieses Paradigmas in eindrucksvoller Weise implodiert und nicht nur die Prognosen der Computermodelle, sondern auch die direkte Wahrnehmung der Menschen in breiten Teilen der Gesellschaft ein "Weiter So" ignorant oder verzweifelt wirken lassen. An den primär populistischen Reaktionen auf diesen Vertrauens-verlust bemerken wir nun schmerzlich, dass der Streit auf Ebene der Beweisführung so viel Energie gebunden hat, dass wenig dafür übrig war, den Imaginationsraum der möglichen Zukünfte über die Pfadabhängigkeiten hinaus aufzuspannen. Außerhalb der Box denken sollte dennoch zu Innovationen für die Box führen. Heute ist vielen klar: wir müssen die Box ändern. Ein formidabler Suchprozess, in dem Ästhetik einen Raum jenseits relativer Zahlen und konnotierter Worte bietet und damit Formen der (Rück)Besinnung und Verständnis ermöglicht, die Loslassen nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Befreiung erforschbar machen. 


Prof. Dr. Reinhold Leinfelder | AG Geobiologe und Anthropozänforschung | senior lecturer im Weiterbildungsmasterstudiengang Zukunftsforschung der FU Berlin | Gründungsdirektor Haus der Zukunft | Futurium Berlin

Unser täglicher Zugang zu dieser Welt läuft multimodal ab: Wissen, Emotionen, Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen werden nur zum Teil über Texte (Zeitungen, Bücher, wissenschaftliche Artikel), vor allem aber über audiovisuelle Zugänge aufgenommen bzw. generiert. Non-lineare, multimodale ästhetische Zugänge, wie Ausstellungen und andere vielfältige Kunstformen bis hin zu Wissenscomics stimulieren dabei nach-weisbar Reflexion und Diskurs zu Wissen und Emotionen, indem sie komplexes Denken, Visionsvermögen und im besten Falle auch eine Verbesserung der Urteilskraft einüben und damit unterstützen. In den Zeiten des Anthropozäns sollte Nachhaltigkeit mit neuen Narrativen und neuen Konzepten gedacht werden. Um vom heutigen konsum- und profitbasierten parasitären zu einem symbiotischen Verhalten der Menschen im Erdsystem zu kommen, ist es notwendig diese unsere Welt als das zu begreifen, was sie ist: eine Stiftung, von dessen Überschusserträgen die Menschheit gut, fair und generationengerecht leben kann, sofern sie das Stiftungskapital dabei unberührt lässt. Um eine anthropozäne Welt in diesem Sinne nachhaltig zu machen, muss diese Welt gleichermaßen ästhetisch sein, also so gestaltet werden, dass wir sie lieben können, gerne in und mit ihr leben und sie als unsere gemeinsame Heimat erkennen. Was könnte den Weg dorthin besser unterstützen, als eine Stiftung zur Ästhetik und Nachhaltigkeit, in der sich die Wissenschaften der Kunst und Ästhetik nicht nur als Vermittlungswerkzeug bedienen und sich umgekehrt die Künste nicht nur als Mahner, Katastrophen-visualisierer und ggf. auch Wissenschaftskritiker verstehen, sondern tatsächlich gemeinsam, also nicht nur multidisziplinär, sondern inter- und transdisziplinär zusammen-arbeiten. Wissenschaften, Kunst und Zivilgesellschaft können so verschiedene transformative Wege in ein ästhetisches und nachhaltiges Anthropozän konzipieren, diskutieren, visualisieren und auch exemplarisch ausprobieren, damit wir zunehmend verinnerlichen, mit dieser Welt achtsam umzugehen.

Dr. Nana Karlstetter | Ökonomin, Projektentwicklung Freie Software, Nachhaltigkeit | Brandenburg

Kunst ist die einzige Branche, deren hauptberuflicher Zweck es erlaubt im vollkommenen Freiraum zu erfinden und gestal-ten. Damit schafft sie unersetzbar wichtiges Wissen, von dem andere gesellschaftliche Bereiche und Prozesse profitieren. Darum kann Kunst nie unpolitisch sein. Wir brauchen Menschen, die sich trauen, hinzusehen. Wir als Menschheit brauchen den Grips und den Mut aus möglichst allen Bereichen, um das Blatt auf eine friedliche und gerechte Weise zu wenden. Und zwar brauchen wir dafür Kreativität, schnell, viel. Denn das Problem ist alles andere als trivial, weder was die heranrollenden biophysikalischen Katastrophen noch gesellschaftlichen Verwerfungen angeht. Für mich ist die Antwort ganz einfach: fragen wir die, die in diesem Bereich arbeiten: habt ihr genug Geld? Habt ihr genug Sicherheit? Immerhin ist euer Bereich einer der wichtigsten, um wirklich neue funktionierende Ansätze zu entwickeln. Wenn sie antworten, nee, eigentlich brauchen wir noch Geld, kriegen sie mehr Geld.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind | Wirtschaftswissenschaftler | jetzt Oberbürgermeister | Wuppertal

Zu verstehen, dass Kunst mit ihrem kreativen und kritischen Potenzial entscheidend dafür ist, dass Gesellschaften im Wandel aufmerksam bleiben, das ist der Kern einer "Zukunftskunst". Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor; schafft Konzentration auf Nicht-Beachtetes und sie stärkt den Möglichkeitssinn von Gesellschaften. Aber besonders sensibilisiert sie uns dafür, dass am Ende jede und jeder ein(e) "Zukunftskünstler/in" sein kann, die die Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft mit Kreativität und Experimentiermut angeht.

Prof. Dr. Dr. Barbara Adam | Zeitforscherin | Cardiff und Potsdam

 

An ode
to FÄN
 
The arts
are central 
for engagement
with sustainability
issues & climate change
as the Not Yet is invisible and
intangible, thus neither evidence- 
nor fact-based in a conventional sense
When science pronounces on future states
it projects any known past as probable future
through models & calculations, to varying degrees
of certainty thus is vulnerable to surprises and changes
From science the public expects clarity & factual certainty
Art operates in different domains of public expectation
We look to art to question and unsettle, to offer new
perspectives on the status quo, to touch our souls
To achieve key changes necessary for averting
impending  climate  change disasters needs
the coming together of the sciences & arts
to  encourage  collaborations between 
 the most brilliants minds to combine 
both their strengths & persuasive
powers to move mountains for
the collective good of Earth’s
fauna, flora and humanity
now & into open futures
and that needs the FÄN

 

© Barbara Adam, 220121


Prof. Dr. Uta von Winterfeld | Wuppertal Institut | Zukünftige Energie- und Industriesysteme | Wuppertal

Das Diktat der Kosteneffizienz sei dem Gesundheitssystem womöglich doch nicht so gut bekommen und in COVID-19-Zeiten von großem Nachteil, so eine der kritischen Stimmen im ersten Lockdown. Als sei das Gesundheitssystem nicht zukunfts- und schon gar nicht krisenfest, sondern im Gegenteil, selbst verletzlich geworden. Dieses Diktat herrscht auch in der Wissenschaft. Manchmal entsteht der Eindruck, als sollten die Ergebnisse schon vorliegen, bevor überhaupt nachgedacht werden kann. Und dem kritischen Gedanken bekommt mitunter weder der Wettbewerb im Akquise-Geschäft noch das double blind (vom Freud'schen Versprecher des double bind abgesehen findet sich eine nicht überraschende Zahl von Reviewer*innen im Bereich des ökonomischen Mainstreams) sonderlich gut. Wissenschaft tut sich nicht erst im Zeitalter ihrer Refinanzierbarkeit schwer mit 'Ästhetik'. Ja sie ist, sprachlich und künstlerisch, von vornherein nicht so angelegt. Darüber beschwert
 sich schon der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard in "Der Begriff Angst" 1844: "Daß auch die Wissenschaft ebenso vollständig wie die Poesie und die Kunst Stimmung voraussetzt, sowohl bei dem Produzierenden wie dem Rezipierenden, dass ein Fehler in der Modulation ebenso störend ist wie ein Fehler in der Entwicklung des Gedankens, hat man in unserer Zeit gänzlich vergessen, wo man ganz und gar die Innerlichkeit und die Bestimmung der Aneignung vergessen hat aus Freude über all die Herrlichkeit, die man zu besitzen meinte oder auf die man in seiner Begierde verzichtet hat wie der Hund, der den Schatten vorzog" (Rowohlt Ausgabe 1964, S. 17).
Die Geschichte mit dem Hund ist im Kontext von Nachhaltigkeit und 'Tierwohl' nicht aufrechtzuerhalten. Aber die Geschichte mit der Stimmung kann ein bedeutsamer Anhaltspunkt sein: Wissenschaft und Natur brauchen Atem. Die verwertungsgetriebene Effizienz schadet ihnen nicht nur, sondern bringt Krisen und auch COVID-19 mit hervor. Im empathischen Nachspüren, in der Sensibilität für Atmosphärisches und in einer Sprache, die des ästhetischen Genusses nicht ganz und gar entbehrt, klingt Zukunftsmusik an. Hilfreich wäre womöglich, wenn der kreative Gedanke sich nicht gleich Innovation nennen müsste.

Deutsches Komitee für Nachhaltigkeitsforschung in Future Earth | Hamburg

Globale Nachhaltigkeit ist ein großes Ziel, das ein Umdenken in vielen Bereichen erfordert. Wissenschaft und Kunst waren nie wirklich getrennt. Sie sind zusammen mit der Literatur Teil unserer Kultur, ergänzen sich gegenseitig und könnten durch die Vielzahl der die Gesellschaft betreffenden Fragen im Kontext der globalen Nachhaltigkeit wieder stärker zusammenfinden – zur Schaffung von Aufmerksamkeit, zur Reflexion, für ein Umdenken. Die Ziele des Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit stehen in engem Zusammenhang mit den Zielen des Deutschen Komitees für Nachhaltigkeitsforschung in Future Earth. Forschung im Kontext der globalen Nachhaltigkeit bedeutet: Kooperation zwischen Forschungsorganisationen um Ressourcen effizient einzusetzen, Unterstützung der fächerübergreifenden Forschung (im Dialog mit der Gesellschaft) um mögliche Entwicklungspfade besser zu verstehen, und Internationalisierung, da wir alle auch in den kleinsten Dingen häufig global Handeln – meist unbewusst. Die Kunst als Medium für neue Perspektiven zur Stärkung des Bewusstseins über Herausforderungen national und international, zur Reflexion menschlichen Handelns und für den Ausdruck möglicher Zukünfte ist daher ein spannender Partner der Wissenschaft. Insbesondere mit dem Anspruch ein Umdenken in der Gesellschaft zu bewirken, da ein "weiter wie bisher" nicht im Sinne der globalen Nachhaltigkeit ist. Erste Beispiele diese Verbindung zu stärken finden sich bereits in Aktivitäten zum Thema "Anthropozän", in Kooperationen mit Kunsthochschulen in Verbundforschungsprojekten (z.B. "Future Ocean", IRI THESys), in Projekten wie WissensARTen oder auch im Rahmen von "Future Earth", das verstärkt auf Visualisierung setzt. Auch das "mitmachen" der Zivilgesellschaft findet immer mehr Zuspruch in der Wissenschaft (z.B. "Citizen Science Strategie Deutschland"). Die Schaffung des Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit möchten wir unterstützen, da der Erfolg der SDGs nicht allein durch Erkenntnisgewinn zu erreichen sein wird, sondern die Gesellschaft einen maßgeblichen Beitrag leisten muss. Die engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst liegt daher auf der Hand.

Barbara Unmüßig | Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung 

2015 hat die UNO 17 Nachhaltigkeitsziele benannt, um das Soziale mit Umweltgerechtigkeit zu verknüpfen, in den planetaren Grenzen zu leben und dabei Ungleichheit und Armut zu überwinden. Nachhaltigkeitsziele, Klimaziele: der Mensch ist leider zum zentralen Einflussfaktor des Planeten geworden. Kein Winkel der Erde bleibt von den menschlichen Eingriffen ins Erdsystem verschont. Dreiviertel der eisfreien Erdoberfläche sind von Menschen in irgendeiner Weise beeinflusst. Verschiedene Landnutzungen zerstören großflächig Ökosysteme. Das Klima und der Stickstoffkreislauf haben sich für immer verändert. Bei der Versauerung der Ozeane stehen wir kurz davor, die natürliche Grenze zu überschreiten. Es entstehen irreversible Schäden, die die Bewohnbarkeit der Erde maßgeblich einschränken und verändern. Die Klimakatastrophe ist der mächtigste Ausdruck davon. Die nötige soziale und ökologische Transformation braucht nicht nur radikale Reduktionen von Produktion und Konsum; sie braucht bewusstes Leben und neue Ideen zum gesellschaftlichen Zusammenleben und eine Ästhetik, die emanzipatorisch und befreiend wirkt. Der angedachte Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ist ein Plädoyer dafür, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft in ihrem Forschen und Handeln stärker aufeinander zu beziehen. Er könnte damit ein wichtiger Motor im Transformationsprozess hin zu Kulturen der Nachhaltigkeit werden.

Prof. Dr. Rolf Sachsse | Designgeschichte und Theorie | Kurator und Autor | Bonn

Wer rund vier Jahrzehnte lang Design unterrichtet hat, nutzt die Begriffe Ästhetik und Nachhaltigkeit täglich dutzendfach, und doch fehlt ein Dach für die sehr diversen Anstrengungen, die sich unter diesen Worten versammeln können. Die gesellschaftliche Notwendigkeit ist längst erwiesen, wie kleine Beispiele aus der Praxis belegen mögen: Forschungsinstitute für Nanotechnologie und Künstliche Intelligenz melden sich in der Kunsthochschule, weil sie dringend Designer*innen für ihre eigenen Problemlösungen benötigen – "Wie entwirft man einen Schalter auf Atomgröße?" etwa, oder "Wie platziert man selbstregulierende Sensoren in Abwasser- und Bewässerungssystemen?“ Selbstverständlich müssen industrielle und Outdoor-Textilien, Möbel, auch ganze Häuser so entworfen werden, dass sie sich rückstandsfrei entsorgen lassen; das geht alles über das eher einfache Prinzip des 'cradle to cradle' und seiner Leasing-Ökonomie hinaus. Ebenso wenig, wie Kunst sich allein im Schaffen von objekthaften Werken realisiert, ist Design das Aufhübschen von industriellen Produkten. Kunst wie Design sind an Prozesse gebunden, die im Ende offen sind, die sich größere und kleine Umwege leisten können müssen, einen langen Atem brauchen und nicht alle Nase lang durch Erfolgskontrollen oder einer kurzfristigen Pflicht zu Neuanträgen an der eigentlich gestalterischen Arbeit gehindert werden. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit, der sich als Dach über ergebnisoffene, langfristige Projekte spannt, wäre da sicher eine große Hilfe.

Dr. Sarah Maria Schönbauer | MCTS, TU München | Wissenschaftliche Mitarbeiterin BMBF Forschungsverbund 'Plastik in der Umwelt' | Erwin Schrödinger Fellow Österreich

Gerade in Zeiten des sozialen Umbruchs, in Zeiten einer sich verändernden sozialen und ökologischen Ordnung, ist nachhaltige künstlerische Arbeit unabdingbar. Daher möchte ich die Einrichtung eines interdisziplinär ausgerichteten Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit (FÄN) mit voller Kraft unterstützen. Dieser Fonds würde helfen mehrere Möglichkeitsräume zu eröffnen: Zuweilen noch drastischer wie in der wissenschaftlichen Lebenswelt, haben sich in der Kunstwelt kurzzeitige und individualisierende Förder- und damit verbunden Arbeitspraxen etabliert. Etliche Studien in der Wissenschafts- und Hochschulforschung haben für die Wissenschaftswelt bereits gezeigt, dass kurzzeitige Projektförderungen Einfluss auf die empirische Auseinandersetzung mit einem Forschungsobjekt haben. Zum Beispiel werden bevorzugt Projekte mit vermeintlich sicherem Ausgang bevorzugt durchgeführt und gefördert. Dieser epistemische Einfluss kann durchaus auf die Kunstwelt übersetzt werden um zu fragen: wie können Projekte und künstlerische Auseinandersetzungen innerhalb zeitlich extrem befristeter Rahmungen durchgeführt werden und was kann in solchen Zeiträumen überhaupt nachhaltig bearbeitet werden? Bessere Förderbedingungen für künstlerisches Arbeiten würden also Möglichkeitsräume für nachhaltigere künstlerische Auseinandersetzungen schaffen. Desweiteren würden solche Möglichkeitsräume auch inter- und multidisziplinäre Wissensbestände fördern. Gerade inter- und multidisziplinäre Arbeiten bietet enormes Reflexions-potential. Unterschiedliche Wissensformen können in solchen Arbeitsprozessen nachhaltig, innovativ und kritisch zusammengedacht und erarbeitet werden.
Kurz: in Zeiten des sozialen und ökologischen Umbruchs braucht es nachhaltige Strukturen, in denen kollaborative Reflexionsräume überhaupt erst möglich gemacht werden um diesen vielfältigen Umbrüchen gerecht zu werden. Ein FÄN würde solche Reflexionsräume durch die explizite Förderung künstlerischer Arbeit und inter- und multidisziplinärer Kollaborationen schaffen.

Dr. Sven Bergmann | Kulturanthropologe | Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte | Koordinator Bereich Schiff und Umwelt

Innovation gilt nach wie vor als das Credo der Förderlandschaft. Ein Fokus auf Instandhaltung und Care-Arbeit hat darin kaum einen Platz, das können im Zweifelsfall andere tun, aber bitte möglichst unauffällig. Die derzeitige Krise durch eine globale Pandemie zeigt diese Widersprüche, das Nichtkümmern um die sozialen wie technischen Infrastrukturen und die daraus resultierende sozial-ökologische Krise deutlicher denn je. Doch als Reaktion werden eher absurde Förderprogramme der maximalen Konkurrenz aufgelegt, gleichzeitig aber Universitäten, Bildungs- und Kulturinstitutionen die Kernhaushalte gekürzt. Wissenschaftliche und künstlerische Wissensproduktion waren und sind wichtige Orte der Analyse, Kritik und Reflexion, die diesen Entwicklungen aber nicht außerhalb stehen. Ähnlich der globalen Erwärmung setzt die permanente Produktion des gesellschaftlichen Burnouts (schneller, härter, lauter – mit einer viel realeren Drohung von No Future) durch prekäre Arbeitsverhältnisse in Wissenschaft und dem Kulturbetrieb kurzfristig Hitze frei, um dann schnell wieder zu verpuffen oder ihre Ergebnisse in den Untiefen eines Cloud-Speichers zu versenken. Damit Nachhaltigkeit nicht wie meistens eine hohle Phrase bliebe, ginge es darum, wieder Infrastrukturen und Programme zu stärken, die dauerhaft an einem Gegenstand arbeiten können, "permanent field sites", die durch jahrelange Forschung, Kollaboration und Experiment alternative Potenziale bilden. Dekoloniale, inklusive, energiesparende sowie transdisziplinäre Kollaborationen zwischen Wissenschaft und Kunst bräuchten genau solch eine Förderung wie den FÄN – Bähm!

Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge | Entwicklungs- und Wissenssoziologin | Direktorin Deutsches Institut für Entwicklungspolitik | DIE

Wenn das Erzählen von Wissenschaft eine weltgestaltende Aktivität ist, wenn wissenschaftliche Narrative, die im Bereich der Populärkultur und des Wissenschaftsjournalismus erzählt werden, in die Diskurse, Logiken und Argumentationen einfließen, die im politischen Bereich vorgebracht werden, mit dem Ziel, politische Entscheidungen zu lenken, wenn die Tätigkeit des "Narrativierens von Wissenschaft" als ein Modus der Steuerung/Gestaltung der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit angesehen ist, dann findet nicht nur eine Rekontextualisierung der Ressortsilos und Genres statt, sondern dann können auch nachhaltige Narrative, gewonnen aus Forschungsergebnissen und Kunstereignissen zwischen globalem und lokalem Diskurs reisen und Ästhetik neu definieren. Ein Fond für Ästhetik und Nachhaltigkeit wird diese Bewegung befeuern können, weil eine transdisziplinäre Forschung, wo Akteur*innen aus Soziologie und Literaturwissenschaften, aber auch Naturwissenschaftler*innen, Künstler*innen und Schriftsteller*innen zusammenarbeiten, untersucht, wie Wissenschaft in Kunst dargestellt wird und Kunst in die Wissenschaft einfließt. Die kulturellen Dimensionen der Nachhaltigkeit und die Rolle der Kunst müssen in unseren Forschungstraditionen stärker in Betracht gezogen werden, ebenso inwiefern die Liaison zwischen Kunst und Wissenschaft zu einem anderen Verständnis zwischen Mensch und Natur beitragen kann.

Dr. Thomas Flierl | Bauhistoriker und Publizist | Senator für Wissenschaft, Forschung, Kultur a.D.| Berlin

Die Kräfte von Kunst und Wissenschaft neu bündeln und gemeinsam auf Zukunftsprojekte ausrichten. In praxisnahen Projekten neue Lebensweisen ausprobieren und als Gewinn an Qualität für Mensch und Natur demonstrieren. Anstelle von Geniekult und epheremen Ereignissen anpassungsfähige, individuell variierbare Wiederverwendungsprojekte für eine gelingende Transformation postindustrieller moderner Lebenswelten. Und dabei in kollaborativer Praxis neue Arbeitsverhältnisse etablieren. Wieder Interesse an Zukunft wecken. Altermodern. Bauhaus XX.0. Die Zeit läuft davon. Daher jetzt einmal richtig machen: ausreichend finanziert, unabhängig und kompetent.

Dr. Juliane Zellner | Theaterwissenschaftlerin und Urbanistin | Berlin

In jeder Krise lassen sich Chancen und Risiken beschreiben. Krisen sind Scheidewege, an denen sich – zugespitzt gesprochen – ganze Systeme dem eigenen Fortbestand oder Untergang entgegnen. Eine der zentralen Chancen der weltgeschichtlichen Phase, in der wir leben, ist die Möglichkeit der Besinnung auf Ganzheitlichkeit und zivilisatorisches Wissen. Als Theater-Wissenschaftlerin wünsche ich mir, dass Ganzheitlichkeit die Synthese der Natur- und Geisteswissenschaften, von Theorie und Praxis, von Abstraktion und Konkretion bedeutet; als Bürgerin eines Gemeinwesens, dass wir aus dem vorhandenen Wissen – auch und nicht zuletzt dem Wissen der Künste – schöpfen und für die Zukunft lernen. Ästhetik betrifft im Wortsinn die Entwicklung und Öffnung unserer Sinne. Ich finde, es ist an der Zeit, diese Entwicklung ganzheitlich anzubinden und nachhaltig zu gestalten: Eine Neue Kulturpolitik mit Förderinstrumenten wie dem FÄN wäre für diesen Weg unerlässlich.

Prof. Dr. Antje Boetius | Tiefsee- und Polarforscherin und Wissenschaftskommunikatorin | Direktorin Alfred-Wegener-Institut | Bremerhaven

Neulich hat mich der Gedanke überkommen, dass wir Menschen Wege gefunden haben Texte, Instrumente, Musik über Jahrtausende zu erhalten und weiterzugeben, aber es uns wahrscheinlich nicht gelingen wird, die schnell voranschreitende Zerstörung und den Verlust von Natur, Landschaften und Artenvielfalt zu verhindern. Der Gedanke tut weh. Woran liegt
 das aber? Fehlt es an Liebe, Lust, Freude, Genuss des anderen, nicht-menschlichen Lebens? An Empathie und an Wissen, dass wir uns und unseren Nachkommen fundamental schaden, wenn wir die Natur, die lebenserhaltenden globalen Gemeingüter wie Atmosphäre und Wasser nicht achten und wertschätzen? Um Antworten auf diese existenziellen Fragen zu finden und eine Haltung zu erarbeiten, sich selbst zum Handeln zu aktivieren, eine andere als die vorgezeichnete Zukunft zu gestalten, braucht es neue Formen der Zusammenarbeit, Perspektivwechsel, wollen Wissenschaft und Kunst frei und schrankenlos zusammen arbeiten können. Dazu sind Orte der Begegnung, Freiräume, Zeit und Mittel für Experimente vonnöten, und vor allem eine breite Unterstützung der kreativen Gewerke, denen die Pandemie so viel genommen hat.

Thomas Krüger | Präsident Bundeszentrale für politische Bildung Theologe Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung I Berlin und Bonn

Der Schreck bei dem Blick in den Abgrund lehrt uns, über das Momentum, über den Tag hinaus zu denken und zu wirken. Vor allem dann, wenn wir nicht abstürzen wollen. Kunst und Kultur haben das Potential Möglichkeitsräume zu kreieren und in ihnen das noch nicht Vorgestellte anschaulich zu machen. Die Virulenz erlangen Kunst und Kultur aber erst in den Prozessen der Aneignung durch Rezipierende. Sie schöpfen in Akten der Kollaboration Bedeutungen und sorgen dafür, dass sie nachhaltig wirken können und nicht zerplatzen wie Seifenblasen. Es gibt hinreichende Gründe, den Grenzen, die uns das Leben setzt, solche Möglichkeitsräume hinzuzufügen und damit in das Überleben zu investieren. Es ist deshalb eine gute Idee "Nachhaltigkeit" und "Ästhetik" zusammenzudenken. Sie läuft letztlich auf einen Gestaltungsanspruch hinaus: Eine andere Welt ist möglich. Warum also nicht ein Förderinstrument schaffen, diesem Aspekt Wind unter die Flügel zu blasen?

Matthias Schmuderer | Ingenieur und Energieunternehmer | Vorstand Deutscher Werkbund | Bayern

Ästhetik und Nachhaltigkeit — passt das zusammen, gehört das vielleicht sogar zusammen? Ja, das gehört zusammen, aber es wird leider noch nicht so praktiziert und gelebt. Das Projekt FÄN leistet einen enorm wichtigen Beitrag, das in die richtige Richtung zu verändern. Gerade im Bereich der ökologischen, aber auch der technischen Institutionen und Disziplinen, die sich ja als die Treiber und Förderer von Nachhaltigkeit verstehen, hat Ästhetik oft nur einen sehr niedrigen Stellenwert — nach dem Motto: "Hauptsache gesund". Warum wehren wir uns dagegen, dass Nachhaltigkeit ästhetisch sein kann, ja sogar sein muss, und auch Spaß und Freude machen kann? Nur so wird Nachhaltigkeit wirklich dauerhaft, aufgenommen in unsere Grundemotionen und verinnerlicht als selbstverständlicher Auftrag des Lebens. Die Kunst kann hier die entscheidende Ermöglicherin sein, Nachhaltigkeit als eine Herausforderung zu kommunizieren, die uns alle angeht, der wir uns alle stellen müssen und — das jedenfalls ist mein Optimismus — die wir meistern können und die einfach wie Atmen, Essen und Schlafen zu unserem Leben gehört. Das Projekt FÄN ist ein wunderbarer Ansatz, diese vermeintlich unterschiedlichen Themen (endlich) zu verbinden und als "Ästhetische Nachhaltigkeit" wirklich voran zu bringen.

Prof. Dr. Harald Heinrichs | Soziologe | Leuphana Universität Lüneburg

Für die nachhaltige Zukunftsgestaltung ist eine breite Partizipation und der Einbezug vielfältiger Erfahrungsdimensionen eine ebenso notwendige Bedingung wie die Fundierung gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen durch bestmögliches wissenschaftliches Wissen. Entsprechend wurden in den vergangenen zwanzig Jahren partizipative, inter- und transdisiplinäre Ansätze entwickelt und in Forschungs- und Praxisprojekten vielfach erfolgreich erprobt. Im Kern sind die Verfahren auf die Aushandlung von Werten, Interessen und Wissensansprüchen und einer darauf begründeten Lösungsorientierung fokussiert. Sinnlich-ästhetische Aspekte und (gespürte) Imaginationen werden jedoch oftmals vernachlässigt. In diesem Kontext bietet der vorgeschlagene "Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit |FÄN" die Möglichkeit, eine verbliebene, problematische Lücke zu schließen: Die allzu häufig getrennten Welten von Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Praxis aufzubrechen, um in ko-kreativen Prozessen neue Perspektiven und Handlungsoptionen zu erschließen. Kunst ist stark in der sinnlich spürbaren Reflexion und dem Anregen von Gedanken, Assoziationen und Gefühlen; Wissenschaft ist stark in der empirischen Analyse und theoriegeleiteten Interpretation; und Praxis sensibilisiert für die spezifischen Kontext-bedingungen. In einer Kunst-Wissenschaft-Kollaboration mit dem Künstler Walbrodt nennen wir das "AExpertirience": Aesthetics (Kunst), Expertise (Wissenschaft), Experience (Praxis). Bislang fällt eine so gedachte und praktizierte künstlerisch-wissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung und -praxis zwischen die institutionalisierten Stühle der Wissenschaftsförderung einerseits und der Kulturförderung andererseits. Der FÄN wäre eine disruptive Innovation und könnte einen nachhaltigen Unterschied machen für die zunehmend dringlichen kognitiv-rationalen und sinnlich-ästhetischen Such-, Lern- und Gestaltungsprozesse einer auf Lebensqualität gerichteten nachhaltigen Entwicklung.

Christine von Weizsäcker | Biologin | Mentorin für Frauenorganisationen weltweit | Kämpferin für die Integration von Ökologie, Demokratie und Nord-Süd-Gerechtigkeit | Emmendingen

Ich habe das Glück, viele herausragende Künstler:innen und Wissenschaftler:innen zu kennen. Was fällt mir bei ihnen auf? Sie haben den eigensinnigen Willen, ihre Talente zu leben, mit Liebe, Lust, Staunen, Freude und Leidenschaft für ihr Metier, doch auch Sorgfalt, Geduld, Ausdauer und Frustrationstoleranz. Die meisten können Kritik austeilen und einstecken. Kritik im besten Sinne von Aufmerksamkeit und Unterscheidungsfähigkeit. Auf diesem Nährboden gedeihen Kreativität, Imagination und Induktion. Letzteres ist der Begriff, mit dem die Wissenschaft das Wunder der neuen Sicht beschreibt.

Wir brauchen eine Kultur, in der viele Werte und Ziele gemeinsam lebbar werden und die verschiedenen Talente der Künste, Wissenschaften und Bürger:innen für eine Kultur der Nachhaltigkeit gebündelt werden können. Wie sonst können Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Pandemien, Kriege, Armut, Hunger und die Verletzlichkeit unserer globalen Versorgungs- und Informationssysteme angegangen werden? Wir müssen über den Tellerrand schauen und brauchen Multidisziplinarität, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität. Die allenthalben in Projektanträgen beliebten Rufe nach Transformation, Innovation und neuen Narrativen können leicht zu Worthülsen verkommen. Dagegen hilft Nachhaltigkeitskultur-Schaffende aller Bereiche, Erfahrungshintergründe und Talente vereinigt euch! Ein Beitrag: FÄN.

Prof. Dr. Harald Welzer | Soziologe und Sozialpsychologe | Mitbegründer und Direktor der Stiftung Futurzwei | Berlin und Flensburg

Ein Fünftel des 21. Jahrhunderts ist schon vorbei, aber man hat in vielerlei Hinsicht das Gefühl, dass Politik und Wirtschaft im 20. Jahrhundert stecken und ihre Strategien, Präferenzen und Programme nicht an der Zukunft orientieren, sondern an der Vergangenheit. Das gilt jedenfalls für den Westen oder, wenn man will, für den globalen Norden, und das ist auch kein Wunder, denn die auf Wachstum gebauten Gesellschaften der westlichen Nachkriegszeit stellen sicher eines der erfolgreichsten Gesellschaftsmodelle überhaupt dar. Aber wie das so ist mit Erfolg: er ist eine Falle, wenn es um notwendige Veränderungen geht. Gerade die Erfolgreichen halten dann zu lange an den Konzepten fest, von denen sie profitiert haben, und übersehen die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Transformation. Sie hinken hinterher. Die zentrale Herausforderung für moderne Gesellschaften im 21. Jahrhundert ist es, ihr zivilisatorisches Modell von Freiheit, Recht und Demokratie auf ein anderes Naturverhältnis zu bauen. Niemand weiß bislang, wie das geht, aber gerade das bedeutet, dass wir Alle Teil eines kulturellen Projekts sind, in dem Lebensstile, Wertigkeiten, Präferenzen neu bestimmt werden müssen. Das heißt, dass die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft ausschließlich auf der Basis ökonomischer Parameter und wissenschaftlicher Daten nicht gelingen wird. Nachhaltigkeit umfasst unausweichlich auch die Ästhetik eines guten Lebens. Wir alle sind Teil einer notwendigen kulturellen Transformation, die erproben muss, wie wir durch das 21. Jahrhundert kommen können und dabei besser leben, bauen, denken können. Vier Fünftel dieses Jahrhunderts sind noch übrig, höchste Zeit also, die Herausforderung anzunehmen. Der Kunst als jener kulturellen Technik, die das Gegebene transzendieren und Zukünftiges vorscheinen lassen kann, kommt in dieser Herausforderung eine zentrale Rolle zu.

Dr. Christa Müller | Soziologin | Vorstand Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis | München

An der Schnittstelle von Ästhetik und Nachhaltigkeit werden immer mehr zivilgesellschaftliche Aktivitäten sichtbar, auch aus künstlerischen Milieus, die sich zunehmend für Natur interessieren, die das Selbermachen als neuen Freiraum für Community und Autonomie entdecken, die sich nichts mehr vorschreiben lassen wollen, weder die Stadtplanung noch die Bauanleitung für die Dinge des alltäglichen Bedarfs. Die Akteur:innen verbinden dabei politische, ökologische, ethische und künstlerisch ästhetische Ansprüche, die sich als Widerstand zum herrschenden Neoliberalismus verstehen lassen. Um sie zu unterstützen, ist ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit genau das Richtige!


Prof. Dr. Jürgen Renn | Wissenschaftshistoriker | Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin

Angesichts der massiven Auswirkungen menschlicher Eingriffe in die Umwelt des Planeten, sind die traditionellen Trennlinien zwischen Natur und Kultur problematisch geworden, da wir in einer „anthropologischen Natur“ (Marx) leben, die aus diesen Eingriffen resultiert. Das Anthropozän fordert eine Pluralität des Wissens, einen Prozess, in dem neue Perspektiven auf das sich rasch verändernde Mensch-Erde System eröffnet werden. Dabei sind insbesondere auch neue Formen der Koproduktion kritischen Wissens erforderlich, wie sie z.B. in gemeinsamen Projekten des Hauses der Kulturen der Welt und der Max-Planck-Gesellschaft erprobt werden. Was wir dringend brauchen ist ein breites Bewusstsein für die Notwendigkeit und die Chancen von Nachhaltigkeit, und ein Bündnis zwischen Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft, das eingreifendes Denken und Gestalten im Sinne der Nachhaltigkeit ermutigt, fördert und zur Wirkung bringt. Es kommt dabei allerdings meines Erachtens gerade nicht auf eine verschworene "Kompliz:innenschaft" an, sondern auf eine offene Bündnisfähigkeit für und mit der Natur, die sich nicht zu verstecken braucht.

Dr. Marion Müller | Geschäftsführerin Einstein Stiftung | Berlin

Ästhetik und Nachhaltigkeit zusammen zu denken (und zu fördern!) ist nicht neu, aber wichtiger denn je. Leonardo da Vinci und Hermann von Helmholtz sind eindrückliche Beispiele der natürlichen und produktiven Symbiose von Kunst, Gestaltung und Wissenschaft. Die Art und Weise wie sie in ihren jeweiligen Epochen Modi des künstlerisch-gestalterischen und des naturwissenschaftlichen Wahrnehmens und Forschens im Interesse eines übergeordneten Erkenntnisgewinns miteinander in Beziehung bringen, macht die raison d’être und die Notwendigkeit einer übergreifenden Finanzierungsstruktur sinnfällig. Die Berliner Einstein Stiftung (fördert seit ihrer Gründung geistes- , natur- und künstlerische Forschung und Episteme gleichberechtigt und interdisziplinär in diversen Projektvorhaben und Initiativen. Sie realisiert in ihrem bescheidenen Wirkungskreis so bereits zentrale Postulate eines FÄN und befürwortet daher seine Gründung und Förderziele.

Dr. Anke Strauß | Transformationsforscherin | Wirtschafts- und Organisationswissenschaftlerin | Hochschule für Nachhaltige Entwicklung | Eberswalde

In dieser Zwischenzeit des "Nicht Mehr" und dem "Noch Nicht", in der wir uns befinden, brauchen wir mehr als faktenbasiertes Wissen um die komplexen Zusammenhänge und Koinzidenzen, die unser jetziges Leben ermöglichen und Zukünftiges bedrohen. Es braucht Möglichkeitsbewusstsein, welche darin fußt, dass Zukunft als grundlegend offen wahrgenommen wird statt einer Fortschreibung aktueller Trends.
Es braucht Gestaltungssinn, welcher dazu führt, sich aktiv für die Gestaltung der Zukunft einzusetzen, statt zukünftige Entwicklung als unabhängig wahrzunehmen. Und es braucht vor allem Vorstellungsvermögen, um wünschenswerte Zukunftsbilder zu entwickeln, die durch eine andere Motivation getragen werden als die der derzeitig dominanten Veränderungsvermeidung. Künstlerische Arbeiten sind von jeher bestimmt durch radikale Imagination und Experimenten mit alternativen Praxen. Ein Fonds, welcher diesen Reichtum mit anderen gesellschaftlichen Bereichen in transdisziplinären Kontakt bringt, hat nicht nur das Potential wieder breiter Vorstellungsvermögen, Gestaltungssinn und Möglichkeitsbewusstsein zu etablieren, er ist auch längst überfällig.

Prof. Dr. Rahel Jaeggi | Lehrstuhl für praktische Philosophie und Sozialphilosophie | Leitung Center for Humanities and Social Change | Humboldt Universität Berlin

Ich unterstütze die Forderung nach einem FÄN mit Nachdruck.

Prof. Dr. Silja Klepp | Geographisches Institut Universität Kiel

Künstlerische Forschung muss in Deutschland und anderswo mehr institutionalisiert und gefördert werden. Sie öffnet in Zeiten der sozial-ökologischen Krise Dialog- und Begegnungsräume für Menschen, die sonst nicht zusammenkommen.
In meiner Zusammenarbeit mit Künstler:innen öffnen sich mir nicht nur neue Möglichkeiten der Forschungskommunikation, sondern auch neue Perspektiven und Fragen für meine Forschung. Diese anderen Perspektiven sind gerade in der Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung zentral und stehen auch im Mittelpunkt inter- und transdisziplinärer Verständigung.

Charles Landry | Städteforscher und Autor | Thinking, planning & acting culturally | berät in Berlin Kiel Mannheim | Bournes Green

2020 was a year of reckoning. It was a time to think afresh. Crises often provoke a reordering of priorities, deep reflection, and rethinking. The pandemic wake-up call triggered some healthy self-criticism while our collective hubris was humbled. It remined us that that now is the time for culture. Culture is who we are and creativity shapes what we can become thus the cultural perspective is a powerful and most insightful lens through which to look at the world. It helps explain what drives us and our motivations and why our economic and social life is as it is. By exploring the grain of culture opportunities and resources emerge as well as what the blockages and obstacles are. Here cities are seen not as machines or just inanimate clumps of buildings. A city is its people and so a complex living organism. It is primarily a cultural artefact, as even its built form is culturally conditioned.
Over the last thirty years the understanding of how the dynamics of city making works has changed. Now concepts like cultural resources, cultural mapping, cultural planning (or better: planning culturally), cultural literacy, and the cultural industries are in focus. They all share the search for the special, the unique, the distinctive.  Culture-led development then grounds the approach with a perspective that puts human experience at the center of how we design places. It involves having a culturally sensitive mindset and it helps create better places.

Dr. Christian Rauch | Physiker | Gründer und Direktor STATE | Berlin 

Die Umsetzung der großen systemischen Transformation hin zu einer nachhaltigeren und gerechteren Gesellschaft ist die größte Herausforderung unserer Zeit an deren Bewältigung uns zukünftige Generationen messen werden. Sie erfordert die breite und engagierte öffentliche Teilhabe und Mut im Erdenken und Erproben neuer Ideen und Impulse - über etablierte Grenzen von Disziplinen und (Wissens-) Kulturen hinweg. Wie nie zuvor sind die Kunst und Wissenschaften, als zentrale Impulsgeber unserer Gesellschaft, gefragt hierzu - gemeinsam - beizutragen um neue ganzheitliche Ansätze zu entwickeln. Um für kollektive Experimente zwischen Kunst und Wissenschaft nachhaltige Räume zu schaffen, brauchen wir dringend neue Förderinstrumente und -strukturen, die langfristiges und tiefgreifendes interdisziplinäres Forschen, Denken und Handeln motivieren und vielversprechenden Ansätzen die Möglichkeit geben zu wachsen und zu gedeihen. Daher unterstütze ich den Aufruf zur Gründung eines neuen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aktueller und dringender kaum sein könnte, um wichtige neue Möglichkeitsräume zwischen Kunst, Wissenschaft und Nachhaltigkeit zu eröffnen!

Dr. Katharina Beyerl | (Umwelt-)Psychologin  Geographin  Nachhaltigkeitswissenschaftlerin | IASS  Potsdam

Nachhaltige Entwicklung wird nach wie vor vielfach gedacht als Dreiklang aus sozial, ökologisch und ökonomisch. Die kulturelle Dimension wird meist in der sozialen irgendwo verwoben, ohne explizit Erwähnung zu finden. Dabei ist die Kunst eine unserer menschlichen Existenz inhärente Kommunikationsform. Offen danach befragt, was Menschen in Deutschland während der Corona-Pandemie am meisten vermisst haben, teilten sich in einer repräsentativen Befragung Kulturveranstaltungen und das Reisen den zweiten Platz nach sozialen Kontakten. Kultur ist essenziell, wird dennoch zumeist als schmückendes Beiwerk, als Luxus, als Extra verstanden. Wenn wir jedoch die dringend notwendige sozial-ökologische Transformation gemeinsam umsetzen wollen, können wir nicht auf Kunst und Kultur verzichten. Wir brauchen diese Form der Kommunikation und des Ausdrucks, des sicht-, hör-, fühl-, erleb- und wahrnehmbar Machens. Daher sollten Kunst und Kultur besser in die Förderlandschaft der transformativen Nachhaltigkeitsforschung integriert sein. Daher braucht es einen FÄN.

Wilhelm Krull | langjähriger Generalsekretär der VolkswagenStiftung | Gründungsdirektor The New Institute | Hamburg 

Eine neue Gestaltungsidee, eine grundlegende Erkenntnis oder eine Erfindung beginnen oftmals damit, dass wir die Dinge anders sehen. So als würden sie plötzlich in neuem Licht erscheinen oder gar mit fremden Augen wahrgenommen. Neugier und Risikobereitschaft gepaart mit dem Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen, Grenzen zu überschreiten und unbekanntes Terrain zu erkunden, der Offenheit, Überraschendes, Erstaunliches oder Nochnichtsichtbares zu erschließen, und dem Vertrauen in die jeweiligen Kräfte und Kompetenzen bei der ergebnisoffenen Suche nach neuen Einsichten bilden die wichtigsten Voraussetzungen für das Erreichen von wissenschaftlichen und künstlerischen Durchbrüchen, die wir für die Bewältigung der vor uns liegenden sozioökonomisch-ökologischen Herausforderungen dringender denn je benötigen. Dafür sind integrativ perspektivierte, langfristig angelegte Kooperationsformen jenseits kurzatmiger Projekte zu entwickeln, mittels deren Förderung FÄN unseren Möglichkeitssinn in Richtung Zukunft stark machen könnte.

Prof. Dr. Christina von Braun | Kulturtheoretikerin | Autorin Filmemacherin Feministin | Humboldt Universität zu Berlin

Es gab und gibt Kulturen, die sich den Erhalt, die Überlebensfähigkeit der Natur zum Ziel setzen, als Teil ihres kulturellen Selbstverständnisses begreifen. Unsere Kultur – die Kultur der Industriegesellschaften – dagegen ist bestrebt, die Natur zu domestizieren, zu verbessern, sie in Kultur zu verwandeln. Die Folgen kennen wir – Pandemien, Hungersnöte, Zivilisationskrankheiten. Diese Entwicklung werden weder Ökonomie noch Politik aufhalten, solange sich der Begriff der Kultur nicht verändert hat. Kultur muss keine Dampfmaschine sein, sie kann sich auch als Spiegelbild der Natur verstehen, ihre Vielfalt und schier unerschöpfliche Energie zum Leitbild erklären. Um einen anderen Kulturbegriff zu leben, ist es nicht nötig, in prähistorische Verhältnisse zurückzukehren; es wäre schon viel gewonnen, wenn erstrebtes und erworbenes Wissen dem Zweck dient, der klugen Natur mit Bescheidenheit zu begegnen.

Prof. Detlev Ganten | Pharmakologe | Gründungspräsident des World Health Summit | Scientists für Future | davor: Vorsitzender Helmholtz Gemeinschaft | Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin | Berlin

Kunst, Ästhetik und Wissenschaft sind Geschwisterpaare, die im Träumen, im Forschen, in der Kommunikation und im Handeln untrennbar zusammengehören. Nur gemeinsam sind sie in der Lage, die komplexen Gesetzmäßigkeiten, die Schönheiten der Harmonie in der Natur zu verstehen, zu beschreiben und für die Gesellschaft verständlich zu machen. Das geschieht zum Beispiel durch einfache, schöne Formeln oder durch ästhetisch überzeugende Bilder.
Das wirklich Innovative in der Wissenschaft hat zu Beginn keine Basis im Bekannten, es ist neu.
Die Beschreibung des Neuen aber braucht Bilder, die nur der Künstler im Wissenschaftler und der für das Neue empfindsame Künstler kommunizieren kann. Ein aktuelles und dringendes Beispiel sind ganz konkret die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die 17 Sustainable Development Goals. Sie basieren auf komplexer wissenschaftlicher Erkenntnis, die nur interdisziplinär erarbeitet werden konnte. Nur wenn wir uns dafür einsetzen, werden wir langfristig das Leben auf der Erde erhalten können. Eine besondere Anstrengung über bekannte Routinen hinaus ist notwendig, die Gesellschaft zu mobilisieren, Verständnis zu erreichen und praktisches Handeln zu stimulieren. Die transdisziplinäre Zusammenarbeit von allen Kräften der Gesellschaft, voran aber Wissenschaft, Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik ist notwendig. Die Einrichtung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit wäre ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel | Soziologin Politikwissenschaftlerin Sozialpsychologin | Stiftung Aufmüpfige Frauen | Dortmund

Das Anliegen von FÄN - Raus aus den Echokammern - teile ich mit feministischer Empathie und sehe Verbindungen zur Stiftung Aufmüpfige Frauen, die seit 2006 eben solche Frauen auszeichnet. Aufmüpfigkeit ist ein lebensweltlicher Begriff. Er spricht einen Zwischenraum, ja eine Zwischenwelt an mit der kritischen Vorstellung, dass Vieles anders sein sollte, womit Menschen in Kunst und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft konkurrenzhaft konfrontiert sind. Ein bisschen Größenwahn steht jeder Frau. Der FÄN will Strukturen verändern, die Versäulung der Sparten und Disziplinen aufbrechen und eingeschliffene Grenzen überwinden. Darin weiß ich mich dem FÄN verbunden.

Prof. Dr. Gesa Ziemer | Kulturtheoretikerin | akademische Leitung UNITAC Vereinte Nationen | Direktorin des City Science Lab HafenCity Universität I HCU Hamburg

Ob wir es schaffen, unsere Zukunft nachhaltiger zu gestalten, wird sich maßgeblich in den großen Städten dieser Welt zeigen. Aktuell zählen wir mehr als 30 Megastädte mit über 10 Mio Einwohner_innen. Neue Mobilität, zirkuläre Ökonomien, Resilienz, Datensouveränität, neue Arbeit - die Themen sind vielfältig. Städte sind komplexe Organisationen, teilweise hochtechnologisiert, teilweise mit einem hohen Anteil von Menschen in informellen Siedlungen. Um nachhaltig agieren zu können, ist nicht der Wettbewerb wichtig, sondern unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Dafür gibt es viele Begriffe: Kollaboration, Kooperation, Kompliz_innenschaft, Allianzbildung, Kokreation ... Die Kunst spielt dabei eine zentrale Rolle, denn Künstler_innen sind oft Expert_innen von Zusammenarbeit. Im Kontext Stadt forschen sie genau wie wir Wissenschaftler_innen - oft partizipativ. Künstlerische Forschung, forschende Kunst: Die Welt kann nur davon profitieren, die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft als Beitrag zur Nachhaltigkeit zu verstehen.

Prof. Dr. Lucia Reisch | Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin | El-Erian Professor of Behavioural Economics and Public Policy | Cambridge, UK 

Wenn man möchte, dass Menschen ihr Verhalten verändern, ist es natürlich sinnvoll und richtig zu erklären, zu überzeugen, zu argumentieren und zu bilden (also, den kognitiven Pfad zu wählen). Es ist außerdem hilfreich, die nachhaltige Entscheidung zur naheliegenderen zu machen (Architektur der Wahl) und nachhaltiges Produzieren und Konsumieren zur attraktiveren Option zu machen: einfach und unkompliziert, attraktiv und formschön, Teil eines Gemeinschaftsprojekts, das Zugehörigkeit und soziale Belohnung verspricht, zum passenden Zeitpunkt angeboten (Nudging). Um uns "Gewohnheitstiere" aber wirklich und dauerhaft aus unserer Komfortzone herauszulocken, braucht es unbedingt ein drittes Element: Emotionen, Gefühle, Freude und Furcht, ein tiefes Verständnis jenseits des bloß Kognitiven, das Gefühl, Teil der Natur zu sein, Empathie, Zugehörigkeit, den Wunsch die Kostbarkeit des Planeten zu schützen. Ohne Emotionen ist der menschliche Wille letztlich ein zahnloser Tiger. Die Künste haben die Kraft, uns zu überraschen, uns herauszufordern, uns zu verbinden; uns wirklich sehen, verstehen, fühlen zu lassen. Darum unterstütze ich diese Initiative.

Prof. Dr. Joachim von Braun | Präsident der päpstlichen Akademie der Wissenschaften | Professor für wirtschaftlichen und technologischen Wandel | Universität Bonn 

Wie uns Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus lehrt, "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Kunst hilft uns die Grenzen unserer wahrgenommenen Welten zu erweitern, insbesondere da unsere Welt bedroht ist, planetar und lokal, über Grenzen hinausschauend. Wissenschaft tritt ebenfalls an, über wahrgenommene Grenzen unserer Welten hinauszuschauen, z.B. Physik ins subatomare und in den Kosmos, in Klima- und Systemforschung, in Bio-Chemie zu Genetik, in der Verhaltensforschung. Wissenschaft und Kunst sind keine Gegensätze. Aber zu selten suchen beide den Dialog zur Problemlösung durch künstlerische Forschung, Kunst auch als Forschung verstehend. Dabei können beide der Wahrheitsfindung dienen und dem Umlenken aus fatalen Trajektorien, wie Umweltzerstörung, Hunger, Pandemien. Kunst dient Wissenschaft auch dann, wenn sie diese kritisch betrachtet und damit anregt und Wissenschaft dient auch Kunst, wenn sie diese kritisch analysiert. Aber Wissenschaft und Kunst sollten sich nicht nur gegenseitig instrumentalisieren, sondern starkes kollektives Handeln für Nachhaltigkeit versuchen. FÄN macht Hoffnung!

Prof. Dr. Christa Liedtke | Biologin | Wuppertal-Institut | Folkwang Universität der Künste | Co-Vorsitzende der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030

Veränderung geschieht immer und überall - sie gehört zum Alltag und Leben. Nur ist sie oft nicht offensichtlich, sondern vielfältig in den Dingen und Ausdrücken der Welt - manchmal schleichend, manchmal verdeckt, manchmal konturenhaft, manchmal hereinbrechend umwälzend, manchmal rasend oder irgendetwas dazwischen, oft ungerecht gerecht oder gerecht ungerecht, aus der Balance. Sich auseinandersetzen mit den Dingen und Nicht-Dinglichem, deren Interaktion und Entwicklung ist die Voraussetzung für gewollte oder ungewollte Gestaltung unserer Umwelt. Kunst und Kultur ist Kern und Bild dieser lebendigen Auseinandersetzung von Konstruktion, Rekonstruktion und Destruktion bis hin zur Demontage, möglicherweise Zerstörung und gleichzeitig Schöpfung. Beide - Kunst und Forschung leben von dieser offensiven Auseinandersetzung mit der Welt - ob sie einander hemmen oder fördern ist immer auch offen.

Prof. Dr. Ulrich Brand | Politikwissenschaftler | Diskurs. Das Wissenschaftsnetz | Universität Wien 

Die sich zuspitzende multiple Krise fordert uns alle heraus. Interdisziplinäre und transdisziplinäre Perspektiven und Praktiken werden zentral sein, um sie gerecht und dauerhaft zu bearbeiten. Doch die Wettbewerbslogik und Versäulung in Kunst und Wissenschaft sind Teil einer Gesellschaft, die kurzfristig und oft gerade nicht nachhaltig denkt und handelt. Daher ist die Initiative für einen FÄN angemessen, weil damit mittel- und längerfristig strukturierte Räume des Austauschs und des gemeinsamen Handelns geschaffen werden können. Kunst und Wissenschaft können gerade in intensiverer Kooperation zeigen, dass sozial-ökologische Transformationen durchaus konfliktiv, enorme Kreativität und Lernprozesse dringend notwendig sind. Eine ganz besondere Herausforderung ist dabei die internationale Dimension – auf der inhaltlichen wie auch auf der organisatorischen Ebene. Das ist eine Voraussetzung, um die dominante und bisher breit akzeptierte "imperiale Lebensweise" in eine solidarische Lebensweise zu transformieren.

Dr. Karl-Eugen Huthmacher | Jurist | ehem. Leiter Abteilung "Zukunftsvorsorge - Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit" BMBF | Vorstand Germanwatch e.V.| Bonn
Nachhaltigkeit ist umfassend. Sie erfasst alle Lebensbereiche: Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Politik, Verwaltung und vernetzt idealerweise alles mit allem. Ob und wie eine Gesellschaft ihren Weg zu einem nachhaltigen Miteinander findet, hängt davon ab, welchen Beitrag die gesellschaftlichen AkteurInnen zu dem Suchprozess leisten und wie es ihnen gelingt, in dem damit verbundenen permanenten Aushandlungsprozess, Zukunft offen zu halten. Wissen, Ideen, Kreativität, Bilder, Emotionen, Provokationen und Vertrauen sind wichtige Treiber in diesem Prozess. Wissenschaft, Kunst und Kultur fungieren als unverzichtbare und sich ergänzende Erinnerer und Motivatoren dieses Suchprozesses. Beide werden in Ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit dringender denn je gebraucht. 

Helfried Carl | Diplomat | Partner am "Innovation in Politics Institut" | Wien
Während sich die Wissenschaft mit der Auslotung des Tatsächlichen beschäftigt, lotet die Kunst Schattierungen von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten aus. Um die multiplen Krisen unseres Planeten zu bewältigen, sind große Transformationen nötig. Für die Politik stellt ein konstruktiver und öffentlicher Dialog zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Produktivkräften eine wichtige Bereicherung dar. Dieser wird an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt, um bessere Entscheidungen für unsere Gesellschaft zu treffen.

Prof. Dr. Karin Lochte | Biologin und Ozeanographin | ehem. Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung | Deutsche Allianz Meeresforschung
Die globalen Wandlungen in der Welt können nur wenige Menschen über Statistik, Graphiken oder Modelle, die die 'Sprache' der Wissenschaft sind, begreifen. Persönliche Erfahrungen und emotionale Erlebnisse sind andere Dimension des Begreifens, die erst das Bild der Menschen über 'ihre' Welt formen und die durch die Arbeit der Kulturschaffenden erreicht wird. Daher: "Nur was man liebt das schützt man auch!“ Diesen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichem Verstehen haben Künstler:innen und Wissenschaftler:innen schon seit einiger Zeit aufgegriffen, um die Notwendigkeit nachhaltig zu leben sowohl faktisch als auch emotional begreifbar zu machen. Es braucht lange Beobachtungsreihen, um zu erkennen, wo wir herkommen, und abzuleiten, wo wir hingehen. Dies gilt sowohl für den globalen Wandel als auch für die kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft. Die Raum- und Zeitskalen der Veränderungen sind so groß, dass das individuelle Verständnis es nicht erfassen kann. Daher ist es schon erstaunlich, dass die zumeist kaum merkbaren Signale der Umweltveränderung (Menschen reagieren zumeist nur auf Katastrophen) uns bewegt haben, Nachhaltigkeit als einen zentralen Zukunftsgedanken aufzugreifen. Ich bin überzeugt, dass wir in eine andere Zukunft gehen, eine Art Renaissance des Weltverstehens, die uns frei machen muss von den überkommenen Doktrinen des stetigen Wachstums. Um einen solchen Neuanfang zu wagen, brauchen wir alle Kräfte. Die Kulturschaffenden, die ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Neuorientierung sind, haben berechtigten Anspruch auf eine entsprechende und langfristige Unterstützung.

Prof. Dr.-Ing. Vera Meyer | Professorin für Angewandte und Molekulare Mikrobiologie und Künstlerin | Berlin

Wie wollen wir Wandel und Zukunft gestalten, die die planetaren Grenzen respektieren als auch soziale, ökonomische und politische Faktoren berücksichtigen? Wie tragen wir Verantwortung für die Zukunft der Erde? In dem wir transdisziplinär denken und transdisziplinär arbeiten. In dem wir die Kreativitätsmotoren Wissenschaft und Kunst als auch die Menschen vor Ort zusammen bringen und hierbei sicherstellen, dass alle mit ihren Perspektiven auf das Hier und Jetzt als auch auf das Morgen gehört werden. Denn nur gemeinsam kann man das große Ganze erfassen. Ich versuche als Grenzgängerin zwischen Wissenschaft und Kunst eine solche transdisziplinäre Synthese. Im Labor, im Atelier, im Miteinander mit Kolleg:innen aus den Wissenschaften und den Künsten, mit Studierenden, mit Interessierten aus der Zivilgesellschaft. Und erlebe dabei, wieviel gestalterische Kraft sowie kluge Transformationsideen durch Offenheit und Kooperation über vielfältige Fachdisziplinen hinweg freigesetzt werden können. Mit einer unbändigen Begeisterung aller Beteiligten. Sie spüren, dass ihr gemeinsam Gehörtwerden sie an einer nachhaltigen Zukunft gestalten lässt, die eine Zukunft für alle hat!

Prof. Dr. Ingeborg Reichle | Medientheoretikerin | Gründungsdirektorin der Abteilung Cross-Disciplinary Strategies | Universität für angewandte Kunst | Wien
Globale Herausforderungen, wie der Klimawandel, der Kollaps ganzer Ökosysteme oder der langsame Zerfall demokratischer Systeme und rechtsstaatlicher Strukturen in Zeiten des digitalen Wandels berühren viele Facetten der menschlichen Existenz und können nicht von einzelnen Disziplinen bewältigt werden. Die Anforderungen an ein disziplinenübergreifendes Bildungssystem stehen jedoch konträr zu den sozialen und administrativen Konturen moderner wissenschaftlicher Disziplinen und deren Teilsysteme, die einen hohe Spezialisierungsgrad aufweisen. Die Gründung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte die Bereitwilligkeit zum Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft und damit das Finden einer gemeinsamen verstehbaren Sprache befördern, indem er partizipative Erfahrungsräume für eine disziplinenübergreifende Annäherung schafft, die sich der geistigen Gefangenschaft aufgrund der Perspektivierung der eigenen Disziplin entzieht. Einzelne Akteur:innen aus Kunst und Wissenschaft haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder Brücken gebaut, nun gilt es jedoch zur Bewältigung der für unsere Gesellschaften im höchsten Maße disruptiven Herausforderungen eine institutionelle Rahmung zu schaffen, die den technisch-naturwissenschaftlich orientierten Fächern eine vertiefende ästhetisch-gesellschaftliche Dimension hinzufügt und auf der anderen Seite den kunst- und geistes-wissenschaftlichen Fächern technisch-wissenschaftliche Kompetenzen vermittelt. Folgt man der Studie "Branches from the Same Tree: The Integration of the Humanities and Arts with Sciences, Engineering, and Medicine in Higher Education", die von der US-amerikanischen Wissenschaftsakademie 2018 vorgelegt wurde, so sind sich die Vertreter:innen von Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen darüber im höchsten Maße einig, dass neben fachlicher Kompetenz vor allem disziplinenübergreifende Problemlösungsfähigkeiten, 
die Fähigkeit zur Adaption und zum Umgang mit Komplexität und Ungewissheit als zukunftsweisend beschrieben werden können und diese Fähigkeiten insbesondere durch die Auseinandersetzung und Begegnung mit Kunst und künstlerischen Strategien befördert werden. 


Regula Lüscher | Architektin Senatsbaudirektorin a.D. | Ambassador Bauhaus der Erde | Berlin und Winterthur

Kunst und Wissenschaft können gewisse Dinge gleich gut, wie zum Beispiel das Voranschreiten ins Ungewisse, unvoreingenommen, offen, neugierig. Immer sich treiben lassend von den gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen. Ohne Vorwegnahme einer Lösung, sondern genau im Gegenteil: fragend, suchend und findend. Die Sprache und die Mittel auf diesem Weg können jedoch nicht unterschiedlicher sein. WUNDERBAR! Die Kunst kann Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, darstellen, und zwar so, dass sie die Menschen berühren, erschüttern, bewegen, aufwecken. Was auch immer. Die Sprache der Wissenschaft ist eine andere. Die Zerstörung unserer Welt ist weit, sehr weit fortgeschritten. Wenn wir das Blatt noch umkehren wollen müssen wir uns radikal ändern. Dafür braucht es radikale Ideen, radikale Projekte, radikale Erlebnisse, die langfristig auf die Menschen einwirken können. 

Als Stadtplanerin, Architektin und Politikerin habe ich erfahren, dass die Herausforderungen der nachhaltigen Stadtentwicklung nur transdisziplinär zu meistern sind. Immer, wenn wirklich etwas Entscheidendes in der Stadtplanung geschah, waren Kunst und Kultur mitinvolviert! Als eine der Botschafter:innen der Bewegung "Neues Bauhaus der Erde“ bin ich überzeugt, dass wir nur interdisziplinär erfolgreich sein können im Kampf gegen den Klimawandel. Die Tradition des „Bauhaus" aufnehmend, muss „das Neue“ interdisziplinär erarbeitet werden und letztlich ästhetischen Ansprüchen genügen. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Diese Emotionalität muss immer Teil der Lösung sein, sonst gehen die Menschen nicht die radikal neuen Wege. Der FÄN schließt eine wichtige Lücke und ermöglicht die Hinwendung zu einer prozessualen und interdisziplinären Kultur und Wissenschaftspraxis.