Für einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN 


176 Stimmen aus Kunst, Wissenschaft und dem Dazwischen

+ Entwurf für ein Pilotprojekt zum Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit, Mai 2022 

+ Link zum FÄN-Einseiter für die Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grüne, FDP, Herbst 2021

 Swaantje Güntzel • Prof. Dr. Sonja Beeck • Prof. Olafur Eliasson • Bernadette La Hengst •Tobias Rausch • Lena Reisner • Jan-Philipp Possmann • Rebecca Raue • †Prof. Dr. Rudolf zur Lippe • Amelie Deuflhard • Dr. Christine Fuchs • Davide Brocchi • Nicola Bramkamp • Andreas Rost • Heike Catherina Mertens • Prof. Florian Schneider • Prof. Dr. Elisabeth Schweeger • Hans Winkler • Anne Schneider • Franziska Pierwoss • Prof. Christin Lahr • Andreas Liebmann • Prof. Antje Majewski • Till Ansgar Baumhauer • Natalie Driemeyer • Sybille Neumeyer • Gabriele Horn • Thomas A. Geisler • Miro Zahra • Daniel Schüßler • Dr. Kat Austen • Jürgen K. Enninger • Matthias Flügge • Pauline Doutreluingne | Anne Duk Hee Jordan • Prof. Folke Köbberling • Prof. Dr. Klaus Töpfer • Prof. Dr. Patrizia Nanz • Prof. Dr. Reinhard Loske • Prof. Dr. Gesine Schwan • Adolf Kloke-Lesch • Prof. Dr. Dirk Messner • Prof. Dr. Peter Adolphi • Prof. Dr. Maja Göpel • Prof. Dr. Reinhold Leinfelder • Prof. Dr. Uta von Winterfeld • Prof. Dr Dr. Barbara Adam • Andrea Wulf • Dr. Nana Karlstetter • Prof. Dr. Uwe Schneidewind • Barbara Unmüßig • Carolin Hochleichter • Prof. Dr. Rolf Sachsse • Dr. Sarah Maria Schönbauer • Kain Karawahn • Dr. Sven Bergmann • Prof. Dr. Anna Katharina Hornidge • Benjamin Förster-Baldenius • Prof. Dr. Antje Boetius • Dr. Thomas Flierl • Sasha Waltz • Jochen Sandig • Prof. Friedrich von Borries • Dr. Juliane Zellner • Jonas Zipf • Dr. Thomas Oberender • Dr. Gabriele Knapstein • Thomas Krüger • Dipl.Ing. Matthias Schmuderer • Fabian Larsson • Rimini Protokoll • David Brandstätter • Dr. Tobias Knoblich • Nele Hertling • Christian Tschirner • Prof. Dr. Harald Heinrichs • Wagner Carvalho • Christine von Weizsäcker • Prof. Dr. Harald Welzer • Ralph Zeger • Kathrin Becker • Dr. Christa Müller • Florian Malzacher • Dr. Birte Werner • Prof. Dr. Jürgen Renn • Marcus Lobbes • Kerstin Lenhart •Tino Sehgal • Cesy Leonard • Thomas Locher • Dr. Inke Arns • Dr. Marion Müller • Milo Rau • Dr. Anke Strauß • Prof. Dr. Eugen Blume • Annette Maechtel • Prof. Dr. Rahel Jaeggi • Prof. Dr. Silja Klepp • Agnes Meyer-Brandis • Charles Landry • Dr. Christian Rauch • Wilhelm Krull• Prof. Dr. Christina v. Braun • Antje Pfundtner | Anne Kersting • Dr. Katharina Beyerl • Prof. Detlev Ganten • Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel • Prof. Dr. Gesa Ziemer • Prof. Dr. Lucia Reisch • Prof. Dr. Joachim von Braun •  Dr. Kenneth Anders • Prof. Dr. Christa Liedtke • Dr. Noemi Smolik • Prof. Dr. Ulrich Brand • Dr. Karl-Eugen Huthmacher• Helfried Carl • Prof. Dr. Karin Lochte • Birgit Kohler | Milena Gregor | Stefanie Schulte Strathaus • Tanja Dückers • Simone Zaugg • Christian Hiller | Alexandra Nehmer | Anh-Linh Ngo | Peter Spillmann • Crescentia Dünßer • Manuel Bonik • Prof. Kathrin Röggla • Prof. Dr.-Ing. Vera Meyer • Prof. Dr. Ingeborg Reichle • Klasse Klima der UdK • Raimar Stange • Leonie Bauman • Marianne Wagner • Claudia Rinke • Dr. Uta Atzpodien • Melina von Gagern • Matthias Pees • Dr. Armin Chodzinski • Regula Lüscher • Ilona Kálkony • Siegfried Dengler • Dr. Maria Reinisch • Dr. Michael Otto • Philipp Hoppe • Danielle Dutombé • Mia Emilia Löwener • Ricarda Ciontos • Sally Below • Achim Könneke • Andreas Rieger • Laura Krautkämper • Jörg Sommer • Beate Engelhorn • Prof.Dr. Heike Walk • Myriam Holmes • Prof. Dr. Ernst von Weizsäcker • Christoph Sieber • Prof. Dr. Pierre Ibisch • Prof. Dr. Magdalena Taube • Michael Müller • Sven Hartlep • Moritz Rinke • Prof. Dr. Karin Harrasser • Dr. Wolfgang Sachs • Alena Wagnerova • Sarah Lesch • erwin GeheimRat • Anny Hartmann • Lena Fließbach • Prof. Dr. Ingo Uhlig • Prof. Dr. Rainer Grießhammer • Silvana Mammone • Wilfried Wang • Dr. Kristin Feireiss • Thorsten Schlenger • Dr. Bettina Knaup • Ina Neubert • to be continued... 

STIMMEN AUS KUNST UND KULTUR UND DEM DAZWISCHEN

Swaantje Güntzel | Ethnologin | Konzept- und Performancekünstlerin | Hamburg
Kunst, die sich mit ökologischen Krisen beschäftigt, befindet sich seit Jahren in einem paradoxen Spannungsfeld, in dem die Betrachter*innen der Kunst gleichzeitig die Verursacher*innen des behandelten Problems sind. Dies erklärt, warum sich der Kunstbetrieb über lange Zeit so schwer damit getan hat, diese Themen, nicht nur im Hinblick auf kuratorische Inhalte, sondern auch auf konkrete Fragen zur Nachhaltigkeit des Kunstbetriebs an sich zu verhandeln. Erst seit etwa zwei Jahren bildet die Kunst, da wo sie gezeigt wird, wieder die Aktualität des Diskurses ab, auch wenn sich immer noch der Eindruck aufdrängt, die Prozesse griffen zu langsam. Viele Künstler*innen haben sich in der Vergangenheit vermehrt der Wissenschaft zugewandt, zum einen um die eigene künstlerische Forschung angemessen zu unterfüttern, zum anderen jedoch auch, um an dieser Stelle von einer Aktualität zu profitieren, die ihnen im Kunstbetrieb oft verwehrt bleibt. Ein FÄN könnte diese Lücke schließen und einen Rahmen schaffen in dem nicht nur auf vielfältige Weise Synergien genutzt, sondern Künstler*innen gleichzeitig die Möglichkeit gegeben wird, Themen langfristig, in einer Balance zwischen finanzieller Sicherheit und der Freiheit, die für die Entwicklung künstlerischer Prozesse notwendig ist, zu behandeln. 

Prof. Dr. Sonja Beeck | Architektur | Szenografie | Stadt- und Regionalplanung | Berlin

Kunst ohne Wissenschaft ist blind, Wissenschaft ohne Kunst ist leer. Ästhetik ohne Nachhaltigkeit ist leer, Nachhaltigkeit ohne Ästhetik ist blind. Um Nachhaltigkeit auf Dauer zu einem Teil unseres Lebens zu machen, bedarf es einer angemessenen Sprache der Dinge, einer Ästhetik. Was liegt da näher, als sich genau um diese nachhaltige Sprache der Ästhetik intensiv zu sorgen? Ästhetik ist kein nettes Anhängsel von technischen Neuerungen, die sich auch langsam erbarmt haben, sich ein wenig zu artikulieren. Das ästhetische Erscheinen der Dinge des Lebens ist ihre nachhaltige Bedeutung, die sie für unser Alltagsleben haben. Was liegt da näher als, sich genau um diese Berührungspunkte intensiv zu sorgen? Kultur, Bildung, Wissenschaft: Es ist egal, von welcher Seite wir starten. Sie gehören zusammen, weil Wissenschaft ohne Kunst sprachlos bleibt und Kunst ohne Wissenschaft substanzlos. Beides gehört zur Nachhaltigkeit. Es macht auch keinen Unterschied, ob wir an technischen Neuerungen oder urbanen Zusammenhängen arbeiten. Das Prinzip bleibt.

Olafur Eliasson | Künstler | kollaboriert mit Handwerk Architektur Aktivismus Forschung | Berlin
In recent years we’ve seen a surge in populism and fear in response to globalisation and to global challenges such as climate change and forced migration. As an artist, I believe that culture and the arts can be a great antidote to the closing-down of our societies and minds in the face of such challenges. The arts allow spaces to emerge in which people can disagree and still be together, where they can share individual and collective experiences, and, in the process, form diverse communities based on inclusion rather than exclusion. Difference and conflicts in art are essential, productive ingredients. Art does not tell us what to do or how to feel; it rather empowers us to find out for ourselves, together and individually. In the best cases, it can even become an exercise in democracy, inspiring trust in ourselves and in society. As such, culture is a powerful way to inspire solidarity and community – a global we. This is why I believe that the Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit initiative could not be more urgent today.

Bernadette La Hengst | Musikerin und Theatermacherin | Berlin
Aus meiner Sicht ist der Begriff der Nachhaltigkeit in der Kunst zu einem abgenutzten Genre Begriff verkommen, dessen Bedeutung und reale Umsetzung kaum noch eine wesentliche Rolle spielt. Jedes deutsche Theater hat mittlerweile partizi-pative Projekte im Spielplan, die sich auf die Fahne schreiben, nachhaltig zu wirken. Doch der Leistungsdruck der Theater, solche Projekte wie am Fließband zu produzieren, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sorgt dafür, dass sie meist nicht nach- haltig wirken, weil sich niemand langfristig darum kümmern kann. Genauso geht es den freischaffenden KünstlerInnen, die in ständig wechselnden temporären Projekten (über)leben, anstatt sich langfristig mit einem Thema zu beschäftigen und in die Tiefe zu gehen. Ich unterstütze daher sehr die Idee, einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit zu gründen für eine Förderstruktur, die die Kunst aus den Projekten zurück ins Leben holt. Nur so kann Kunst und Kultur zu gesellschaftlicher Veränderung führen, die nachhaltig wirkt. "Dies ist kein Projekt – dies ist mein Leben" | Zitat aus dem Song "Kein Projekt", Bernadette La Hengst.

Tobias Rausch | Regisseur und Autor | Leitung Bürgerbühne Dresden
Wer künstlerische Projekte zum Thema Nachhaltigkeit machen möchte, benötigt andere Produktionsprozesse als normalerweise. Dies hat sich bei der Tagung "Klima trifft Theater" (30.10.2019, Heinrich-Böll-Stiftung Berlin) bei zahlreichen Beiträgen immer wieder gezeigt. Es gibt einen großen Bedarf nach intensiver, forschender Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen und Expert*innen. Es müssen Wege gefunden werden, wie wissenschaftliche Erkenntnis, statistische Phänomene, die nicht-lokal und lange zeitliche Prozesse umfassen, in sinnlich-konkrete Darstellungsformen übersetzt werden können. Es stellt sich die Herausforderung, wie "nicht-menschliche Akteure" (Bruno Latour), also unser Planet und seine Biosphäre, eine Stimme verliehen bekommen können. Es geht um die Kooperation mit NGOs und sozialen Initiativen. Kurz und gut, das gesamte Feld ist ein völlig neues künstlerisches Forschungsgebiet, das langen Atem und Mut zum Experiment benötigt. Die üblichen Förderinstitutionen stellen dazu keine passenden Angebote zur Verfügung, da man aufgrund der Interdisziplinarität entweder durch das Förderraster fällt oder aufgrund der Offenheit des Ergebnisses die angelegten Maßstäbe für künstlerischen Erfolg und Qualität nicht garantieren kann. Ein Fonds, der die künstlerisch-wissenschaftliche und politisch-soziale Erforschung dieses Gebietes mit der nötigen Offenheit des Ergebnisses ermöglicht, ist daher aus meiner Sicht dringend erforderlich.

Lena Johanna Reisner | freie Kuratorin und Projektmanagerin | Berlin
In der bildenden Kunst werden bereits seit einiger Zeit mit großem Interesse, wie mit hohem kreativem und intellektuellem Aufwand ökologische Themenstellungen verhandelt. Unter dem Stichwort Nachhaltigkeit könnten solche Bemühungen noch stärker auf eine Frage nach konkreten Kulturtechniken und Lösungsansätzen zugespitzt werden. Wegen ihrer Offenheit und ihrem Status als einer Disziplin zwischen den Disziplinen zeichnen sich die Künste darüber hinaus dadurch aus, dass sie andere Wissenschaften und Gestaltungsformen zu einem gemeinsamen Prozess einladen können. Kulturschaffende und Kulturinstitutionen haben einige Erfahrung darin, Öffentlichkeit herzustellen. In einer Demokratie ist die wichtigste Lobby für Kulturtechniken und eine Veränderung, die ökologische Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt, die Bevölkerung selbst, derer auch Akteur*innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ein Teil sind. Um eine Plattform und Situationen für einen Austausch dieser Art zu schaffen, braucht es einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit, der kontinuierlich wirkt und kurz-, mittel- und langfristig Möglichkeitsräume schafft wie Programme gestaltet die sich einem für unsere heutige Zeit so wichtigem Thema widmen.
 
Jan-Philipp Possmann | künstlerischer Leiter und Kurator zeitraumexit | Mannheim
Kunst ist Gemeinschaftsarbeit. Das eigentlich wichtige dabei ist nicht das Werk oder sein*e Autor*in, sondern das Erlebnis, das andere damit haben. Die Coronakrise wirkt sich auch deswegen so fatal auf die Kultur aus, weil die Künstler*innen mehr als je zuvor mit sich und ihrer eigenen Existenz beschäftigt sind. Das ist vielleicht verständlich, es hilft der Kunst aber nicht – im Gegenteil. Kunst ist eingebunden in soziale Prozesse und Forderungen. Wenn sie gut ist, widersetzt sie sich und quert sie die gängigen Forderungen, aber behauptet nicht, dass sie das nichts anginge. Ich wette im Namen der Freiheit der Kunst wurde genau so viel Ressourcenverschwendung und Ausbeutung betrieben, wie im Namen des Konsums. Letztlich kommt eine ideologische Abrüstung der Kunstfreiheit beiden zugute, den Künstler*innen und dem Publikum. Ein dem Nachhaltig-keitsbegriff verpflichteter Kunstfonds würde nicht nur die Potentiale von künstlerischer Forschung für Wissensproduktion und Wissensvermittlung triggern, wir würden auch neue Fragen an die Kunst selbst stellen. Nachhaltigkeit heißt nämlich nicht, auf Ausdrucksmittel zu verzichten, sondern vielmehr seine Ausdrucksmittel bewusster und damit wirkungsvoller ein-zusetzen. Bei zeitraumexit nenne wir es Care. Care bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen als arbeitender Mensch in einer Gesellschaft arbeitender und Gesellschaft bildender Individuen. So entsteht Freiheit, von mir aus auch Freiheit der Kunst.

Rebecca Raue | Malerin | Berlin
"Wir haben die Erde nicht von unseren Vorfahren geerbt, wir haben sie von unseren Kindern geliehen", geht ein altes, weises Sprichwort. Wir haben das längst vergessen. Es ist dringend an der Zeit eine neue Verbindung mit der Erde, ihren Lebensräumen und Ressourcen zu etablieren. Wir müssen die Grenzen des als möglich Erachteten überschreiten und Formen finden, die Freude machen und gleichzeitig sinnhaft sind. Die Macht der Schönheit ist dabei nicht zu unterschätzen. Es ist notwendig genau dort zu forschen und zu arbeiten, wo das Coole und Attraktive, das Neue, Wilde und Beflügelnde zusammentrifft mit dem Fürsorglichen, Liebevollen und Nachhaltigen. Wie schaffen wir das? Wie können wir Menschen ermutigen achtsam zu sein, mit sich und ihrer Umwelt? Wie können wir die Schönheit, die in Nachhaltigkeit liegt, vermitteln? Wie können wir dem "Geiz ist geil" den Reiz nehmen? Es geht um verantwortliches Handeln jedes einzelnen. Das Ökologische braucht Sexappeal. Es muss von offizieller Stelle Geld fließen zu Menschen, die sich mit Freiheit, ästhetischem Knowhow und dem Mut zur Vision genau diesen Fragen widmen. Dafür steht der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit. Den brauchen wir – jetzt!

† Prof. Dr. Rudolf zur Lippe | Philosophie der Lebensformen | Künstler | plurale Ökonomie
Wahrnehmung ist, was die Menschen aus Begegnungen mitnehmen und für weitere ausbilden. Aisthesis fasst die Bedeutungen des Wahrnehmens, des Empfindens und eines, freilich nicht kognitiven, Bewusstseins zusammen: Sinnenbewusstsein. Die Lebensformen der Menschheit brauchen die ganze Vielfalt möglichen Wissens, um weiter in den Möglichkeiten und Bedingungen der Evolution zu existieren, die eben auch im Gesamt der menschlichen Vermögen ihr Gelingen von Milliarden Jahren immer neu zur Verfügung stellt. Seit das Wahrnehmen aus Alltag und Arbeit immer systematischer dem »outsourcing« unterworfen wird, sind die Künste gesellschaftlich dessen Sachwalterinnen. Um das "Zusammenwirken aller Kräfte" (Alexander v. Humboldt) zu erkennen und um den Menschen und Dingen uns gegenüber begegnen zu können, ist unsere lebendige Wahrnehmung unersetzlich. Nur gemeinsam können die Künste und die Wissenschaften die Lebensgrundlagen für die hochkomplexe moderne Welt entwickeln und unsere Fähigkeiten dafür bestimmen, schützen, entfalten, prüfen. Daran zu forschen, erfordert nicht additive Interdisziplinarität, sondern Schritt für Schritt aufeinander reagierende Arbeit von Künstlerinnen und Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Diese Prozesse gelten immer noch als viel zu aufwendig. Sie so ernst zu nehmen, wie unser Leben es erfordert, verlangt Ausdauer und Konzentration und Erprobung. Diese brauchen eine Agentur, die Wegweisendes ausspäht und zusammenbringt und in die Gesellschaft einführt. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte dieses Labor bilden. Diesem wünscht man ein kluges Entscheidungsgremium, das nicht Kompromisse zwischen den Disziplinen aushandelt, sondern von den Erfahrungen dessen ausgeht, woran es uns mangelt.

Amelie Deuflhard | Theaterproduzentin | Intendantin | künstlerische Leiterin von Kampnagel | Hamburg
Wir leben in einer Welt, die sich immer weiter beschleunigt. Höher, schneller, weiter ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Von klein auf verinnerlicht, – vor allem in der westlichen Welt, fällt es nicht leicht Entschleunigung zu denken. Am Sichtbarsten macht es die Klimakrise, dass wir beschleunigt an der Entschleunigung arbeiten müssen: Unwetter vorher unbekannten Ausmaßes, Flutkatastrophen, Erderwärmung, Anstieg des Meeresspiegels, Umweltverschmutzung..., sie alle gefährden das Überleben auf unserem Planeten. Die Zeit zum Innehalten scheint gekommen. Nachhaltigkeit und Entschleunigung verweisen auf die eng verwobene ökologische, ökonomische und soziale Krise. Nachhaltigkeit und Entschleunigung können nicht nur als Kritik, sondern auch als Handlungsanweisung für einen neuen Umgang mit der globalen Krise gelesen werden. Viele Künstler*innen arbeiten bereits jetzt an nachhaltigen Formaten, herausgefordert durch die aktuellen Krisen. Sie arbeiten forschend an globalen Fragestellungen, vernetzen sich in unterschiedliche Felder und arbeiten daran eine Öffentlichkeit herzustellen, um dazu beizutragen, den Handlungsdruck auf Politik zu vergrößern. Dafür brauchen sie Raum und Zeit für die Entwicklung von innovativen Tools. Raum für interdisziplinär ausgerichtete Projekte, Kooperationsprojekte zwischen Wissenschaft, Kunst, Politik, sozialen und Bildungseinrichtungen, die analog zu großen Forschungsprojekten strukturiert sind. Zeit, die in monokausalen Zusammenhängen nicht gegeben ist. Es braucht erweiterte Forschungsansätze und Bündnisse um einen größeren Resonanzraum in der Krise zu schaffen. Denn ohne die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst können wir den komplexen globalen Fragen unserer Zeit nicht begegnen. Es ist an der Zeit neuen Ideen und Experimenten Raum zu geben, neue Strategien entwickeln, um unterschiedliche gesellschaftliche und wissenschaftliche Felder in Kommunikation zu bringen, Grenzen und Barrieren abzubauen und zu verflüssigen, auch in den Köpfen. Genau dafür müssen neue Rahmenbedingungen geschaffen werden. Es wird neuartig ausgerichtete, transdisziplinäre Fonds brauchen, die nachhaltig und damit auf mehrjährige Projektlaufzeiten ausgerichtet sind. Der Vorschlag, einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit//FÄN zu schaffen, drängt sich auf und ist im besten Sinn zukunftsfähig.

Dr. Christine Fuchs | Kulturnetzwerkerin Künstlerin Juristin | Leiterin STADTKULTUR Netzwerk Bayerischer Städte e.V. | Ingolstadt
Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Künstler*innen mit Fragen, wie wir nachhaltiger, umweltgerechter und besser leben können. Die Verbindung von ästhetischen und gesellschaftlichen Fragen ist das große Leitmotiv zahlreicher Kunsttraditionen (wie der deutschen Romantik, der revolutionären Avantgarden, des Bauhauses oder des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys). Unzählige Biennalen und Documenta-Beiträge sind zu ökologischen Themen, zu Biodiversität, kultureller Vielfalt, zu Architektur, Stadtplanung, sozialer Gerechtigkeit entstanden und lagern in Kunstarchiven. Sie können nicht fruchtbar werden, weil es für den Transfer von der künstlerischen Idee in ein gesellschaftlich wirksames Format keine Förderstrukturen gibt. Hierzu ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit notwendig, die verschiedene Expertisen aus unterschiedlichen Bereichen bündelt und strategisch weiterentwickelt. Und dies möglichst niedrigschwellig und praxisbezogen. An dieser Stelle sehe ich die ungemein wichtige Aufgabe des Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit. 
Der Klimawandel wird auch das Kulturleben in unseren Städten betreffen, kulturelle Formate auf den Prüfstand stellen, Kulturvermittlung und Veranstaltungen neu ausrichten. Hier ist es wichtig, die klimagerechte Ertüchtigung von Kultureinrichtungen und Veranstaltungsformaten mit den betroffenen Künstler*innen und Kulturveranstaltern gemeinsam zu entwickeln. Auch an dieser Stelle sehe ich Aufgabenfelder eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit. Denn ein solcher Fonds kann sicherstellen, dass die künstlerische und ästhetische Kompetenz der Künstler*innen in den Veränderungsprozessen auch angemessen berücksichtigt wird.

Davide Brocchi | Soziologe und Transformationsmanager | Initiator "Tag des guten Lebens" | Köln
Heute leben wir in einer Zeit der "multiplen Krise" [Ulrich Brand]: Klimakrise, Finanzkrise, Krise der Demokratie, Flüchtlingskrise… Und das Konzept der Nachhaltigkeit ist ursprünglich ein "Kind der Krise" Nachhaltigkeit bedeutet zuerst die Kompetenz, Krisen handzuhaben, vorzubeugen oder erfolgreich zu überwinden - die Krisen als Chance zu nutzen. In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit ein Synonym von Resilienz, das heißt von Krisenresistenz und Widerstandsfähigkeit. Welche Rolle kann dabei die Ästhetik spielen? Der Begriff kommt aus dem altgriechischen aísthēsis, das "Wahrnehmung", "Empfindung" bedeutet. Der Philosoph Wolfgang Welsch setzt diesem Begriff jenen der "Anästhetik" entgegen, der nicht zufällig wie Anästhesie klingt: Dabei wird die sinnliche Wahrnehmung abgeschaltet und die Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt geht verloren, unter anderem um sich vor der Erfahrung des "Schmerzes" zu schützen. Wir können Krisen als Ergebnis eines gesellschaftlichen "anästhetischen Zustandes" verstehen: Wenn wir unsere ökologische, soziale und innere "Umwelt" nicht mehr wahrnehmen, weil wir zum Beispiel wie Autisten an mathematischen Wirtschaftsmodellen und Dogmen wie Wirtschaftswachstum festhalten, an alten Überzeugungen, Privilegien und Gewohnheiten, dann kommt es zur Krise. Nicht nur die freie Kunst, sondern auch eine freie kritische Presse und eine kritische Wissenschaft sind mit einem gesellschaftlichen Sinnenorgan vergleichbar. Sie helfen uns, den Kontakt zur "Wirklichkeit" aufrechtzuerhalten und damit schwere Krisen vorzubeugen. Gerade in solchen Zeiten brauchen wir deshalb ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit: Um gesunde gesellschaftliche Sinnorgane zu fördern, die die sichtbare wie unsichtbare Mauern der Wohlstandsinseln durchlöchern und unsere Wahrnehmungshorizonten erweitern. Je breiter die Wahrnehmungshorizonten sind, desto nachhaltiger die Entscheidungen einer Gesellschaft. 

Nicola Bramkamp | Künstlerische Leiterin "Burning issues" | Mitinitiatorin von SAVE THE WORLD
Der Klimawandel stellt die Welt vor die wohl größte KREATIVE Herausforderung, die die Menschheit in den nächsten Jahren bewältigen muss, um weiter auf dem Planeten Erde überleben zu können. Um uns den globalen Zukunftsfragen zu stellen und nachhaltige Lösungen anzuregen, haben wir das theatrale Weltrettungsformat SAVE THE WORLD entwickelt. Wir bringen Künstler*innen aller Sparten und Expert*innen in einen Dialog, um komplexe Inhalte für eine breite Öffentlichkeit erfahrbar zu machen. Wo Kunst und Wissenschaft aufeinandertreffen, entstehen innovative Denk- und Aktionsräume für eine nachhaltige Zukunft (…). Wir glauben fest an die Alliance zwischen Kunst und Wissenschaft, und dem gemeinsamen Potential nachhaltige Vermittlungsformate zu initiieren. Wie wir aus eigener Erfahrung wissen, ist die Akquise von Fördermitteln für Projekte an der Schnittstelle zu Kunst und Wissenschaft jedoch unglaublich schwer. Für die einen Gremien zu theatral und künstlerisch, für die anderen Gremien zu wissenschaftlich. Ein Fonds für Nachhaltigkeit würde genau diese Lücke schließen.

Andreas Rost | Fotograf und Kurator | Berlin
Einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit aufzubauen, ist ein wichtiger Beitrag für die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Zukunft. In Europa, so scheint es mir, verliert das Gespräch über Nachhaltigkeit als Austausch von vorformulierten Floskeln an Überzeugungskraft und durch aktuelle politische Entwicklungen wird es an den Rand des gesellschaftlichen Interesses gedrängt. In Lateinamerika hingegen konnte ich bei meinen Recherchen zu dem Ausstellungsprojekt "Vivir Bien – das gute Leben" für das Goethe-Institut erleben, wie die Kooperation von örtlichen Bevölkerungsgruppen mit Ökonom*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Architekt*innen zu substanziellen Verbesserungen ihrer Lebenssituation in Slums oder industriellen Randlagen führt. Anfangs dachten einige links-populistische Regierungen, sie könnten die Idee des "Vivir Bien" als eine Ideologie zur Sicherung ihrer Macht nutzen. Doch schnell zeigte sich, dass das Konzept aus indigenem Wissen, ökologischem Verantwortungsbewusstsein und ästhetischem Gestaltungswillen eine Eigendynamik bekam, die auch politischen Machtwillen unterlaufen kann, weil die nicht sichtbaren Gravitationswechselwirkungskräfte, wie indigenes Wissen, Ästhetik und Gemeinschaftsgefühl, stärker sind.

Heike Catherina Mertens | künstlerische Leitung Villa Aurora und Thomas Mann Haus | Berlin und Los Angeles
Wenn wir Alexander Gottlieb Baumgartens Definition von Ästhetik als "Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis" zugrunde legen, dann muss doch für jeden sonnenklar sein, dass ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit längst überfällig ist. Künstler:innen sind die Expert:innen sinnlicher Wahrnehmungen. Sie reflektieren, erforschen und hinterfragen das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren und tragen so wesentlich zur Erkenntnis unserer Welt bei. Die Zivilgesellschaft hat dieses Potential längst erkannt und arbeitet gemeinsam mit Künstler:innen an nachhaltigen Lösungen für die komplexen Aufgaben unserer Gesellschaft. Die Politik sollte dem Beispiel der Zivilgesellschaft folgen und die Ästhetik-Experten mit an Bord holen. Die Einrichtung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit wäre ein erster Schritt.

Prof. Florian Schneider | Head of department Trondheim Academy of Fine Art | Norwegian University of Science and Technology
Nach der gegenwärtigen Gesundheits- und Wirtschaftskrise wird es kein Zurück in eine vermeintlich heile Welt geben. Unabhängig von Soforthilfen, steht der gesamte Sektor der Kunst- und Kulturindustrie vor einem gewaltigen Umbruch, nach dem nichts mehr so sein wird wie zuvor. Dieser Umbruch war längst überfällig und zeichnete sich bereits seit geraumer Zeit ab. Allzu gemütlich hatte es sich die zeitgenössische Kunst in der Rolle eingerichtet, Missstände zu kommentieren und zu kritisieren, und dabei alles Mögliche an Problembewusstsein zu Markte zu tragen, während sich die Künstler:innen selbst mit ihrer Produktion ober- oder außerhalb, zumindest aber im Jenseits der konkreten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wähnen durften. In Zukunft wird niemand mehr die Kunst als unabhängige Vermittlerin von gesellschaftlichen Zusammenhängen brauchen. Im Gegenteil, die Freiheit als ein immer wieder neu zu erkämpfendes Privileg der Kunst, wird dringend benötigt werden, um die Komplexität der großen gesellschaftlichen Herausforderungen anzugehen. Diese Freiheit ist kein Cliché und niemals absolut, sondern immer relativ zu den sozialen Widersprüchen; sie hat mit dem zynischen Laissez-faire des Marktes ebenso wenig zu tun wie mit der Selbstgenügsamkeit des Elfenbeinturms. Kunst ist angewandte Bewegungsfreiheit. In diesem Sinne gilt es, neue Formen der Wissen-produktion zu initiieren, kuratieren, proben und evaluieren, in denen Akteure aus unterschiedlichsten Disziplinen und vor ungleichen Hintergründen das Selbstvertrauen gewinnen müssen, nicht nur miteinander zu sprechen, sondern auch gemeinsam agieren zu können. Eine daraus resultierende Ästhetik der Nachhaltigkeit ist nicht zu trennen von der ethischen Herausforderung und Dringlichkeit, neue Formen des gesellschaftlichen Handelns zu entwickeln und zu erproben.

Prof. Dr. Elisabeth Schweeger | Künstlerische Direktorin, Geschäftsführerin Akademie Darstellende Kunst Baden- Württemberg | Ludwigsburg
In Zeiten wo alles in Sturheit und Nabelschau zu versinken droht, scheint es mir immer wichtiger, die Verantwortung der Menschen füreinander und für die Welt, in der er lebt, ins Zentrum unseres Denkens und Handelns zu stellen. Kunst ist eine tragende Säule der Gesellschaft, sie vermittelt ganz im Sinne des griechischen Begriffes von aesthesis - wahrnehmen und erkennen - den Blick in die Abgründe und in die Höhen menschlichen und gesellschaftlichen Tuns. Sie kann Fragen stellen und Visionen entwickeln und damit nachhaltig unsere Sinne schärfen. Dies zu nutzen ist nicht nur sinnvoll, sondern überlebenswichtig: um deren Fundamente so zu sichern, dass Neues darauf aufbauen kann, um Irrwege, wie wir sie immer wieder begehen, schneller in die der Menschenwürde gerechte Bahnen zu lenken. Der vielstrapazierte Begriff der Nachhaltigkeit ist dem künstlerischen Schaffen immanent. Insofern scheint mir die Gründung eines Fonds zu Ästhetik und Nachhaltigkeit wie selbstverständlich und könnte das richtige Instrument sein, in einer Zeit, wo die Menschheit droht zu vergessen, welch wertvolles Gut sie verantwortlich und fürsorglich zu pflegen hat.

Hans Winkler | Bildende und Performative Künste | New York und Berlin
Es ist offensichtlich, dass der Kunstmarkt nicht nur von Angebot und Nachfrage abhängig ist, sondern auch von Schein, Spekulationen und Gerüchten beeinflusst wird. Von daher wird viel darangesetzt, den Eindruck zu erwecken, dass durch die Kunst als Handelsware und Wertanlage stetig mit einem Wertzuwachs zu rechnen sei und das Werk obendrein unvergänglich ist. Nachhaltige orts- und naturbezogene Arbeiten werden daher aus der Wahrnehmung oft ausgeblendet, das Temporäre und vor allem erzählerische Ansätze beiseitegeschoben. Mit dem intendierten FÄN könnten notwendige Arbeits- und Denkformen unterstützt werden, die sich durch Haltungen, Handlungen und Nachhaltigkeit manifestieren, als auch ein gesellschaftliches und umweltpolitisches Umdenken einfordern. Viele Beispiele von poetisch nachhaltigen Arbeiten, zeugen von der Wichtigkeit, mit künstlerischen Arbeitsformen in die Gesellschaft einzugreifen und umweltpolitisch Stellung zu nehmen. Das betrifft oft Projekte die subtil die Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen der radikalen Klimaveränderung lenken und fast nur noch in Form von Erzählungen existieren, aber als Geschichten überleben – als Bilder im Kopf, die Imaginationen einfordern. Ja, ein Fonds, der spartenübergreifend nachhaltige und marktunabhängige Projekte fördert ist mehr als notwendig!

Anne Schneider | Geschäftsführerin Bundesverband Freie Darstellende Künste | Konzepterin | freie Regisseurin | Berlin
Die Herausforderungen der Gegenwart sind ohne künstlerische Reflexion und die damit verbundende Schaffung gesellschaftspolitischer Resonanzräume kaum zu bewältigen. Das betrifft explizit auch Fragen rund um Klimawandel, Migration in nachhaltige Lebensweisen und das Zusammenspiel von Ästhetik und Nachhaltigkeit im Allgemeinen. Die Künste in ihrer Gesellschaft beleuchtenden und sie herausfordernden Kraft stoßen dort an ihre Grenzen wo Rahmenbedingungen fehlen und verengende und vereinfachende Regularien verhindern statt zu ermöglichen. Ob fehlende künstlerische Freiräume, geringe Möglichkeiten zur künstlerischen und interdisziplinären Forschung und vor allem zur Vernetzung über die Künste hinaus - ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit kann neue Maßstäbe setzen. Er könnte längst überfällige neue Dimensionen künstlerischen Schaffens und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung eröffnen, trans-disziplinäres Arbeiten, ein Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft und weiteren Feldern ermöglichen und betont dabei die Prozesshaftigkeit künstlerischer Arbeit und Forschung. Er überwindet auch die leider nach wie vor bestehende Enge eindeutiger Zuschreibungen zu Genres und Sparten in der Förderlogik. Er ermöglicht außerdem die künstlerische Reflexion zu der Frage wie und mit welchen Ressourcen man arbeiten möchte, ohne das Was (Ergebnis/Prozess) einzuschränken und hat damit das Potential, den Künsten in ihrer impulsgebenden Kraft - vor allem hinsichtlich der dringend notwendigen Begleitung gesellschaftlicher Umwälzungsphasen wie wir sie aktuell erleben - den notwendigen Entfaltungsraum zu ermöglichen.

Franziska Pierwoss | Medien- und Installationskünstlerin | Berlin und Beirut
Der Prozess künstlerischer Praxis ist fast immer von der Suche nach Momenten, Personen oder Orten der Inspiration bestimmt und in vielen Bereichen der Kunst wird bereits mit Expert*innen aus anderen Bereichen zusammengearbeitet. Selbst Institute, Hotels oder Firmen leisten sich mittlerweile ein Artist-in-Residence Programm. Doch fast immer fehlt die Zeit oder die finanzielle Sicherheit um Ideen langfristig auszuarbeiten, zu testen und Versuche zu überarbeiten. Der Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit müsste die notwendige Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche zum Programm erklären und gleichwertig fördern, das ist dann eine radikale und wunderbare Bereicherung für alle Disziplinen - von Kunst bis Landwirtschaft.

Christin Lahr | Künstlerin und Kuratorin | Professorin für Medienkunst Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Die überwiegende Förderung des kommerziell verwertbaren Produktcharakters von Kunst und Kultur blendet den gesellschaftlich relevanten WIRKcharakter von künstlerischem Handeln und Forschen weitestgehend aus. In der "Zweckfreiheit" liegt die Antriebskraft und das eigentliche innovative Potential von Kunst und Kultur und das, was die Resilienz einer Gesellschaft ausmacht. Das Bundesverfassungsgericht betont im Zusammenhang mit der Kunstfreiheit, dass es letztendlich die Zweckfreiheit der Kunst ist, die einer Gesellschaft am meisten nutzt. Dies bedeutet nicht Sinn- oder Nutzlosigkeit, auch wenn sich der gesamtgesellschaftliche Wert erst auf lange Sicht zeigt. Die große Kraft der Kunst liegt in der Freiheit, offene Fragen stellen zu dürfen ohne die Notwendigkeit Antworten geben zu müssen. Das hat sie der Wissenschaft voraus. Sie muss weder mainstream noch verwertbar sein, sie ist auch keine Erklärung schuldig. Da es nicht um Wahrheiten sondern 'nur' um Optionen geht, muss Kunst nicht lügen. Sie ist nie alternativlos! Kunst muss nicht funktionieren. Sie stolpert, scheitert, fällt auf die Nase und schlägt Profit aus Fehlern. So hat sie die Chance, Unbekanntes und Unerwartetes zu entdecken – Wissen, das möglicherweise erst Jahrzehnte später Common Sense ist. Korrespondierend zu bestehenden ressortbezogenen Förderinstrumenten wäre ein FÄN eine wichtige Schnittstelle für die Verankerung kultureller Leistungen in allen gesellschaftlichen Bereichen mit dem Potential, ideologischen Blasenbildungen entgegenzuwirken.

Andreas Liebmann | Performancekünstler | Dozent Theaterhochschule | Kopenhagen
Globale und auch lokal hergestellte Kunst tanzt oft auf den kolonialen und ressourcenzerstörenden Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise, der auch die meisten Künstler*Innen hinterherrennen: Eine "Innovation" jagt die nächste. Dabei werden diese nicht einmal reich davon, sondern überleben knapp mit etwas Gewinn an kulturellem Kapital, wenn die Arbeit im gegebenen Rahmen "erfolgreich" ist. Wenn es eine Rolle von Kunst als Ort von neuen Imaginationen geben sollte, dann müssen diese Imaginationen auch ihre Produktionsprozesse mit einbeziehen und transformieren. Nachhaltigkeit und Ästhetik zusammenzudenken bedeutet, auch die menschlichen Beziehungen, Zeit, Arbeits- und Denkweisen als Ressourcen zu sehen, die neu in Beziehung gebracht werden können. Wissenschaften und Künste (wahrlich eine alte Paarung!) besitzen tatsächlich transformatives "Potential", wenn sie abseits der hastigen Produktionslogik sich Zeit nehmen können. Dann können Sie auch zukunftsfähige neue "Verweltlichungen" (Donna Haraway) erzeugen: Imaginationen und Praktiken für ein anderes Leben und Überleben. Notwendige neue Modelle für eine Zukunft, die schon längstens angefangen hat.

Prof. Antje Majewski | bildende Künstlerin | Muthesius Hochschule | Kiel und Berlin

Den Vorschlag zur Einrichtung eines interdisziplinär ausgerichteten Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN möchte ich aus vollem Herzen unterstützen. Die bisherige Förderpraxis, so wichtig sie ist, richtet sich nach den Kriterien, die immer noch den Kunstmarkt beherrschen: Einzelkünstler*innen werden eher gefördert als Gruppen; feste Gruppen eher als projektorientierte Bündnisse, die schwieriger zu greifen sind; junge Künstler*innen eher als ältere; und immer müssen neue, genaue Projektbeschreibungen her, die Zustände einfrieren, statt Neues zuzulassen. Nachhaltigkeit im Sinne der Permakultur ließe sich auch auf die Kultur übertragen. Wir sollten nicht nur einzelne Pflanzen, sondern Ökotope fördern. Wir sollten langlebige Projekte ermöglichen, die sich im Laufe der Zeit verändern und erneuern und die nicht nur Materialien, sondern auch Ideen und Konzepte in lebendigen Zusammenhängen immer weiterführen, statt auf die kurzen Zeiträume der Förderungen angewiesen zu sein. Auch die Spartengrenzen engen das Denken und die Zusammenarbeit unglaublich ein. Dabei wollen viele Künstler*innen gern auch Forschungen aus den Bereichen der Wissenschaft oder der Geisteswissenschaften mit einbeziehen und kollaborativ arbeiten. Ich wünsche mir Unterstützung für ökologisch-ästhetisch-aktivistische Langzeitprojekte oder auch für Recherchen, die keinen gleich definierten Nutzen haben. Aus der einer offenen, lebendigen Kunst kann die "Wärmeenergie" entstehen, die wir für die Transformation unserer Lebensweisen brauchen.

Till Ansgar Baumhauer | Bildender Künstler | Vorsitzender des Landesverbandes Bildende Kunst Sachsen | Dresden
Nachhaltigkeit in der Bildenden Kunst kann auf den verschiedensten Ebenen stattfinden und ist in der Lage, künstlerische Praxis vom Klischee zu befreien, sie sei ein gesellschaftliches surplus, von dem man sich in Krisensituationen getrost verabschieden könne. Die Frage nach Kunst als gesellschaftlich relevanter Kraft stellt sich für mich, auch aus dem kulturpolitischen Blickwinkel des Landesverbandes Bildende Kunst Sachsen heraus, eher dahingehend, inwieweit sie in der Lage ist, aus ihrem Avantgarde-Elfenbeinturm zu treten und gesamtgesellschaftlich wirksam zu werden. Die Integration von Teilen der Bevölkerung, die bisher am kulturellen Diskurs keine teilhabe hatten, befördert eine gesellschaftliche Nachhaltigkeit von Kunst, das gar nicht überschätzt werden kann. Und wenngleich der Begriff der "Künstlerischen Forschung" bei vielen Akteuren aus den Geistes- und Naturwissenschaften spontanes Stirnrunzeln hervorruft und auch viele Künstler:innen sich der Idee verweigern, ihre Arbeit (vermeintlich) zu verwissenschaftlichen, so eröffnet sie doch Sichtachsen zwischen den Disziplinen, die zutiefst nachhaltig sein können – weil sie in einer zunehmend komplexen und spezialisierten Welt Dialoge zwischen den Sparten und Denkformen anstößt, die provozieren wie inspirieren. Und nicht zuletzt erlaubt eine vertiefte Reflexion der und des künstlerisch Aktiven auf die eigene Arbeit eine andere Selbstwahrnehmung und nachhaltigere Positionierung in der Welt – und dies betrifft natürlich nicht nur die Kreativen, sondern jedes mündige Mitglied unserer Gesellschaft.

Natalie Driemeyer | Dramaturgin | Kuratorin Welt-Klima-Theater | Hans-Otto-Theater Potsdam
Das Theater besitzt das besondere Potential auf einer emotionalen Rezeptionsebene die Zuschauer*innen zu erreichen. In den bereits existenziell bedrohten Ländern sind die Folgen des anthropogenen Klimawandels und der Einfluss des Menschen auf seine nichtmenschliche Umwelt sehr viel präsenter als beispielsweise in Deutschland. Da ich seit zehn Jahren zu dem Thema an der Schnittstelle Kultur/Theater und Wissenschaft arbeite, so kooperierte ich als Dramaturgin/ Festivalleiterin unter anderem mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem Alfred-Wegener-Institut – Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung |AWI, bemerke ich das stetig wachsende Bedürfnis von Künstler*innen sich mit den Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel inhaltlich/ästhetisch/strukturell auseinander zu setzen. Das Theater bietet den Ort, um gemeinsam Visionen eines zukünftigen Zusammenlebens zu entwickeln. Jedoch sind die vorhandenen Fördertöpfe zurzeit noch nicht ausreichend, um das Potential der vorhandenen Ideen lebendig werden zu lassen. Der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte und sollte dies ermöglichen.

Sybille Neumeyer | Künstlerin | Gestalterin | Forscherin | z.Z. Fellow IASS Potsdam
Mit ansteigender Klimakrise, Umweltverschmutzung und Biodiversitätsverlust wächst die Verantwortlichkeit (»responsiblity«) aller Akteur*innen – Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst, u.a. – neue Möglichkeiten für eine nachhaltige und gerechte Zukunft zu suchen und zu schaffen. Künstler*innen arbeiten seit vielen Dekaden nach Lösungsansätzen für ökologische Fragestellungen sowie nach Narrativen und ästhetischer Vermittlung von alternative Szenarien einer zukunftsfähigen Koexistenz menschlicher und „nicht-menschlicher“ Lebensformen. Solche Kunstprojekte erfordern oft umfangreiche Experimente, langfristige Forschung und tief gehende Auseinandersetzung mit Theorie und benötigen daher Zeit und Raum, und im Idealfall den Austausch mit Experten und Forschern anderer Disziplinen. Dies ist jedoch für die meisten Künstler eine unwahrscheinliche Realität. Die Fähigkeit zu Antworten (»response-ability«; nach Donna Haraway) auf eine Individuen überschreitende Komplexität und Verflechtung sozialer, ökologischer und politischer Fragen, kann nur durch die Schaffung von Rahmenbedingungen für Kooperationen und interdisziplinäre Projekte erreicht werden. Damit der Nachhaltigkeit kein abstrakter, in jeweils disziplinären Grenzen verhandelter Diskurs bleibt, sondern als Haltung aus einem andauernden Dialog zwischen gemeinsamem Denken und Umsetzen von Ideen wachsen kann, braucht es mehr Umgebungen, die das Teilen und den Austausch von Ressourcen, Wissen sowie kritischen und konstruktiven Fragen erlauben. Dabei ermöglicht kollaboratives, kollektives Forschen nicht nur Dialoge zwischen den Disziplinen, sondern ist zugleich ein aktiver Ansatz, um genau die bestehenden Strukturen zu verändern, die solche Begegnungen einschränken. Der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit schafft somit nicht nur Grundlage einer sustain-ability – einer Befähigung für langfristig wirksame Begegnungen – sondern birgt ebenfalls ein relevantes, transformatives Potential.

Gabriele Horn | Kunsthistorikerin | Direktorin Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst | Berlin
Künstler:innen sind Forscher:innen, deren Instrumentarien zwar vergleichbar aber nicht identisch mit denen der Wissenschaft sind: Recherche, Sammlung, Reihung, Beobachtung, Übertragung von Methoden, Anleihen bei anderen Disziplinen, Experiment, Expedition, Transformation, Variation, Filterung, Selektion etc. Der offene, nicht-lineare Prozess künstlerischer Forschung und Praxis, der sich frei hält vom Zwang zur Theoriebildung ermöglicht Unverhofftes, Neues, Anderes. Künstlerische Positionen arbeiten mitunter nicht nur eine ethische, politische und gesellschaftliche Brisanz heraus, sondern entwerfen darüber hinaus (ästhetische) Strategien und/oder Denkanstöße für den Umgang mit Problemen des alltäglichen Lebens. Sie reflektieren eigenwillig und simulieren den gesellschaftlichen Blick auf Wissenschaft und Wissen. Wissenschaft-liche und künstlerische Forschung als gleichberechtigte Impulsgeber zu verstehen und ihre Potentiale zu verknüpfen, um gemeinsam für die Zukunft zu handeln. Darin sehe ich in Zeiten, in denen die wissenschaftsimmanente Diskussion schnell von ökonomische Verwertungsinteressen überlagert wird, nicht nur die große Chance, sondern vor allem die unbedingte Notwendigkeit für einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit in der projektbezogenen Arbeit, das ist in jedem Fall eine der aktuellsten Herausforderungen im Kulturbetrieb. Das Thema fällt dabei auf fruchtbaren Boden und wird thematisch/inhaltlich im Rahmen künstlerischer Konzepte seit längerer Zeit sichtbar gemacht. Um unseren eigenen Ansprüchen und Werten treu zu bleiben ist es zwingend notwendige mit einem nächsten Schritt, den Rahmen für organisatorische, strukturelle und interdisziplinäre Verankerungen zu schaffen, sich unbequemen Fragen und eigene Verpflichtungen zu stellen sowie das Bewusstsein dafür zu stärken, welche Mechanismen der Kurzlebigkeit auf den Prüfstand gehören.

Thomas A. Geisler | Direktor Kunstgewerbemuseum | Staatliche Kunstsammlungen Dresden
In der Tat wäre es wichtig in der Förderlandschaft auch nachhaltige Kriterien zu schaffen, die über die Auseinandersetzung mit dem Umweltschutz und gesellschaftliche Verantwortung hinausreichen. Die bisherige Ausrichtung auf "Innovation" und Erneuerung folgt denselben Prämissen, wie die Wirtschafts-förderung und wir alle wissen, auf welche Kosten diese kurz- und längerfristig geht. Ein FÄN sollte also die längerfristige und kontinuierliche Entwicklungsmöglichkeit und Transformation - die nun mal nicht von heute auf morgen passiert - im freischaffenden wie im institutionellen Rahmen im Auge haben.

Miro Zahra | Künstlerin | künstlerische Leitung Schloss Plüschow | Grüne Landesliste Mecklenburg-Vorpommern
wir befinden uns mitten in einer kulturellen transformation der gesellschaft, die ist genauso gewaltig wie die sozial-ökologische transformation und beide gehören unbedingt zusammen. so muss der gesamtprozess der transformation auch bewusst verstanden werden. um ein leben im einklang mit der natur führen zu können, (und das ist unsere vision) ist eine transformation von einer kultur der verschwendung in der wir leben und die grundlage unseres ökonomischen systems ist, in eine kultur der nachhaltigkeit nötig. hierbei kann kunst und kultur und ihre akteur*innen eine enscheidende rolle spielen: als vordenker*innen und vermitler*innen. nachhaltigkeit bedeutet auch, dass man produktionsverhältnisse in kunst und kultur auf den weg bringt, die es ermöglichen, experimentelle projekte über einen längeren zeitraum zu verfolgen ohne erfolgserwartungszwang, sozusagen ins offene (hier sollten mehrere jahre ins auge gefasst werden) und nachhaltigkeit heißt auch, dass die am prozess beteiligten anständig entlohnt werden. sonst ist es alles sehr unglaubwürdig. wie es so schön heißt – im mittelpunkt steht der mensch – neben der ökologisch einwandfreien produktions- weise - wenn die gesellschaft sich kulturell ändert, dann werden nachhaltig ökologische produktionsweisen selbstverständlich sein - auch in kunst und kultur. aber hierzu bedarf es eines wechselseitigen vertrauens-vollen dialoges und einer nachhaltigen partnerschaft zwischen den bündnisgrünen und der kunst und kultur sowie ihren akteur*innen. sonst ist es eine einbahnstrasse.

Daniel Schüßler | Regisseur und Theaterproduzent | Künstlerischer Leiter ANALOGTHEATER Köln und Dozent für Performative Arbeitstechniken Uni Köln/Theaterakademie Köln
WARUM FÄN? Die Frage der Nachhaltigkeit ist das drängendste Thema unserer Zeit. Die Klimakrise und unsere Arbeits- und Lebensbedingungen in einer neoliberalisierten Welt müssen jetzt zusammen gedacht werden. Wir müssen jetzt raus aus dem Klein-Klein-Denken, dem Verharren des Erforschens und der Auseinandersetzung in den eigenen Sparten und Disziplinen. Wir brauchen einen holistischen Ansatz, um die Nachhaltigkeitskrise und die andauernde ökologische Krise miteinander zu verbinden und anzugehen. Dabei bieten besonders der Kunstraum und das Theater eine hochwirksame Vermittlungsmöglichkeit für die brennenden Themen, durch einen sensitiven Zugang, der direkt auf unsere Gefühle zielt. Gerade durch die bewusste Entschleunigung und das sich Herausnehmen aus der Zeit beim Betreten des Kunstraumes oder dem Besuch einer Performance stellt sich eine intensivere Auseinandersetzung mit Themen - jenseits des Hamsterrades - her. Hinzu kommt, dass im Theater, der Performance oder im Kunstraum die wichtigen Fragen der Zeit nicht nur ästhetisch rezipiert und erfahren werden können, viel mehr zielt dort die Vermittlung des Diskurses auf ein sinnliches und leibliches Erleben ab und erweitert damit unsere kognitive Aufnahme um ein tieferes, weil gefühltes und nachempfundenes Verständnis. Dieser Weg wird in unserer ratio-dominierten Weltanschauung, in der sich unsere Gesellschaft bewegt, immens unterschätzt. Darum ist es wichtig, dieses Werkzeug einer holistischen Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen der Welt spartenineinander-greifend und über den Tellerrand schauend zu erforschen, an der Schnittstelle zwischen Kunst, Ästhetik und Wissenschaft und ausgewiesenem Expert:innentum, jenseits des universitären Raums, aber eben auch und gerade in der Verbindung von Ratio, wissenschaftlicher Auseinandersetzung, Gefühl und Erleben. Einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit zu schaffen (FÄN) ist der logische Schritt aus dieser Erkenntnis und im besten Sinn zukunftsfähig und nachhaltig.

Dr. Kat Austen, Fellow of the Royal Society of Arts | Artist | Berlin- Brandenburg | z.Z. Fellow IASS
To live sustainability in our current time is a challenge that requires change across myriad aspects of existence. It has been argued that in order to tackle 'wicked problems', we need new narratives to facilitate a new form of collective action. We are at a pivotal moment where collectivity and the means by which it is fostered are in flux. We are navigating dynamics between factors that affect how we relate to others - such as the facilitation of relationships between people and objects by digital tools, and the increased awareness of the importance of non-humans and more-than-humans, along with changes to what we understand by the concept of nature. It is not sufficient to know what can be changed to reduce carbon emissions, or to know how much pollution is in the sea, nor how insect numbers are declining. This must be known, felt and understood. But the fundament of what is required is a complete reconfiguring of the relation between the self and other(s), a new perspective on how to live in the world, the development of a new aesthetic. Transdisciplinary artistic practices develop new approaches to interrogating this relation, pushing the boundaries of our knowledge of sustainability as well as what questions we ask ourselves. However, this work across disciplinary boundaries is made more challenging by institutional structures that at best require navigation, at worst prevent the realisation of work. There are few places for transdisciplinarity to call home. The Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit can provide support for this much-needed transdisciplinary work, providing a space and timeframe that allows for the exploration of what lies between, for asking questions that would otherwise not be asked.

Jürgen K. Enninger | Referent für Kultur Welterbe Sport der Stadt Augsburg

Nachhaltiges kulturpolitisches Handeln und künstlerisch ästhetische Befassung eines nachhaltigen Miteinanders fallen viel zu häufig auseinander. Sie werden nicht zusammen gedacht oder es fehlt schlichtweg Wille und Ressource für eine Übersetzung in politisches Handeln. Um einerseits den Fragen, die sich Kulturpolitiker* innen im Rahmen der Behandlung der vielfältigen klimapolitischen Herausforderungen stellen, gerecht zu werden und andererseits den umfassenden ästhetisch künstlerischen Ansätzen und Aufforderungen Rechnung zu tragen, braucht es eine Aufforderung zu mehr Miteinander. So eine Aufforderung ist gerade ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit. Dieser Fonds ermutigt zu mehr Miteinander und mehr konkreten Handlungsansätzen als Folge künstlerischer Auseinandersetzung. Aus diesem Grund unterstütze ich diesen Ansatz.

Matthias Flügge | Kunsthistoriker | Rektor Hochschule für Bildende Künste | Dresden

Die Frage der Nachhaltigkeit – gestellt im Feld des Ästhetischen – bedarf verschiedener Perspektiven. Zuallererst natürlich auf den Gebieten der Architektur, des Designs, der Mode und allgemein der konsumistischen Kultur auf die das spätkapitalistische System sich ungeachtet aller sozialen Zuspitzungen und Krisen unvermindert stützt. Aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um die Vitalisierung eines ästhetischen Aktionsfeldes zwischen den energetischen Polen von Kunst, Wissenschaft und Nachhaltigkeit. Während die dialogischen und kooperativen Beziehungen von Kunst und Wissenschaft wie deren antagonistische Differenzen ebenso breit wie unabgeschlossen untersucht worden sind, steht Nachhaltigkeit in den Künsten noch immer vor allem als Motiv, bestenfalls als Thema zur Debatte. Das bedeutet, dass auch Produktion, Rezeption, Distribution unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit neu betrachtet werden sollten. Damit sind nicht nur die materiellen und ökonomischen Gegebenheiten gemeint, sondern vor allem die geistigen, die reflexiven und prospektiven Kapazitäten künstlerischen Tuns. Aus meiner Sicht würde ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, geschaffen als öffentliches, interdisziplinäres, auf unterschiedliche Erkenntnisweisen und -formen gerichtetes Förderinstrument, eine Leerstelle schließen können. Er sollte sich nicht an den heute gängigen Förderkriterien zuerst orientieren, sondern neue entwickeln. Ich meine, dass sich diese Kriterien an Maßstäben der Wissenschaft orientieren sollten: also das forschende Potential der Kunst unterstützen, die Zeiträume für geförderte Projekte nicht nach der Eventqualität, sondern der zu erwartenden Substanz bemessen und vor allem das Potential der jungen Generation einschließen. Ich halte es mittlerweile für einen skandalösen Zustand, dass die 24 deutschen Kunsthochschulen noch immer von den zentralen, gut finanzierten Fördertöpfen des Bundes (z.B. BKS, DFG) und vieler Stiftungen der Länder ausgeschlossen sind. In der Regel haben sie für inter-disziplinäre Projekte der Studierenden keine eigenen Budgets. Zahlreiche Beispiele aus den Kunsthochschulen – auch aus der in Dresden – beweisen aber, dass es in der studentischen Generation ein wachsendes Bedürfnis gibt, sich einer ganzheitlichen Idee von Nachhaltigkeit in der künstlerischen Praxis und der interdisziplinären Zusammenarbeit zu versichern. Diese in den vergangenen viel intensiver praktizierten Initiativen zwischen den Kunsthochschulen und den forschenden Institutionen und Universitäten gilt es weiter zu stärken. Auch die Forschung zu Ästhetik und Nachhaltigkeit muss nachhaltig sein. Je früher man damit beginnt – umso besser.

Pauline Doutreluingne | Kuratorin und Anne Duk Hee Jordan | Künstlerin | Berlin
Es besteht in der Tat ein dringender Bedarf an einem Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit. Als Künstlerin und unabhängige Kuratorin arbeiten wir seit vielen Jahren an einem umfassenden, künstlerischen Oeuvre. Dieses anstrengende und leere Gefühl, sich nach Abschluss eines ehrgeizigen Projekts aus Existenznot sich direkt erneut bewerben zu müssen mit frischen und immer erfinderischen Vorschlägen, und das Einzige, was von dem sehr intensiven Projekt übrigbleibt, ist die Dokumentation kennen wir leider sehr gut. Wir sollten aus diesem Teufelskreis herauskommen und hoffen, dass FÄN uns eines Tages bei der Entwicklung von mehrjährige Forschungsprojekten unterstützen kann, bei denen Zeit und Ressourcen zur Verfügung stehen, um in die Tiefe und Breite zu gehen. Wenn man sich mit dem Thema Ökologie und Nachhaltigkeit beschäftigt, hofft man auf eine gesunde Beziehung zu seinem eigenen Ökosystem, und der FÄN könnte eine Quelle sein, die nachhaltige und ökologische, künstlerische, interdisziplinäre Forschungsprojekte am Leben erhält. Dies könnte es auch einer auf Nachhaltigkeit und Ästhetik spezialisierte Fachkommission ermöglichen, die Qualität der Vorschläge genau zu beurteilen und gemeinsam eine Plattform für Sichtbarkeit und Reichweite für einfallsreiches und ökologisches Denken zu schaffen.   

Kain Karawahn | freischaffender Künstler | Berlin und Brandenburg
künstler*innen alleine werden die welt nicht ändern … somit wäre FÄN genau das, was ich persönlich seit jahrzehnten als börse für gleichgesinnung, der zündenden und verschmelzenden begegnung und zusammenarbeit von kunst und wissenschaft zugunsten einer verbesserung gesellschaftlicher lebensqualität, gar nicht mehr zu suchen gewagt habe …FÄN wäre ein unermesslicher gewinn

Carolin Hochleichter | Dramaturgin und Kuratorin | Künstlerische Leitung Hildesheim 2025

Hildesheim 2025 fragt in seiner Essenz nach einem zukünftigen Welt*kulturen*erbe. Dieser Begriff muss im Plural gedacht werden,
denn Vielfalt und Unterschiedlichkeit sind für ein nachhaltiges Miteinander in Zukunft ausschlaggebend. Für die Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 entstand unter dem Titel WE CARE ein künstlerisches Konzept und Programm, das in vier verschiedenen Perspektiven entwickelt, was Kunst und Kultur zur Gestaltung unserer (zukünftigen) Gesellschaft(en) beitragen. Als ländlicher Raum mitten in Europa hat die Region Hildesheim großes Potential zu den entscheidenden Fragen unserer Zeit beizutragen: zwischen Stadt und Land, zwischen unterschiedlichen Kulturen und Glaubensrichtungen, zwischen Lebensanfang und -ende, zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichen, pflanzlichen, tierischen und anderen Wesen auf unserem Planeten.
Die Frage nach dem zukünftigen Erbe ist dabei eine, die unser Handeln in allen Belangen bestimmen sollte. Welche Beziehungen, welche Rituale, welche sozialen Praktiken, welche Errungenschaften und welche (seltenen) Wesen sind uns erhaltenswert? Solche Fragen können nur mit einem transdisziplinären Ansatz sinnvoll bearbeitet werden, gemeinsam von Künstler*innen und anderen Forscher*innen, Praktiker*innen und Sorgenden. Deshalb brauchen wir unbedingt und jetzt den FÄN!

David Brandstätter | Choreograph und Tänzer | Berlin und Le Havre

Die Frage nach der Ästhetik ist heute von der politischen Frage nicht mehr zu unterscheiden, stellt der französische Philosoph Bernard Stiegler fest. Die Ästhetik des Alltags wird seit Jahrzehnten maßgeblich vom Angebot der verschiedenen Industrien bestimmt, während die Kunst, die sich quasi als Religionsersatz für das Bildungsbürgertum reduziert, im gesamtgesellschaftlichen Kontext kaum eine Bedeutung hat. Dorthin, wo ich als Choreograph und Tänzer mit meiner Kunst vor der Pandemie stand, möchte ich nicht zurück. Der Kunstmarkt allein gibt mir nicht die Legitimation, die ich suche und brauche. Es ist Markt der Körper als Ware, mit dem Zwang zur Überproduktion und sich dadurch permanent entwertend. Es ist höchste Zeit neue gestalterische Mittel zu entwickeln um die Kunst aus dem Nischendasein zu befreien und die Gestaltung der Zukunft nicht allein Politik, Markt oder privaten Initiativen zu überlassen. Dafür wäre ein FÄN ein Angebot an diejenigen aus Kunst und Wissenschaft und den Bewegungen, die die Notwendigkeit der Transformation des Lebens auf dem Planeten nicht leugnen, die diesen gewaltigen Problemen mit Visionen aus neuen Blickwinkeln begegnen. Dafür braucht es vor allem ausreichend Zeit. Es wäre ein Modellversuch, eine Investition. Den Wagnissen, Laboratorien, Strategien die aus solch einer Arbeit entstehen könnten die in ihrer Radikalität Mut zur Hoffnung machen, sollte die Politik mit Neugier begegnen.

Prof. Folke Köbberling | Bildende Künstlerin | Leiterin des Institutes für Architekturbezogene Kunst | TU Braunschweig
Mein Lieblingszitat von Lucius Burckhardt "Bestimmte Perspektiven kann man wohl nur durch Kunst vermitteln, da die Beschränkung des Blickes heute so weit verbreitet ist, dass die Leute kaum mehr die Distanz haben, sie aufzuheben. Dann kann nur die Kunst vermitteln, ohne belehrend oder verletzend zu sein" bringt es auf den Punkt. Wir haben so viele Missstände in unserer Gesellschaft, in unserem Umgehen mit Ressourcen und mit unserer Erde.  Es benötigt das Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft, um neue, experimentelle und ganzheitliche Lösungen zu entwickeln und zu überprüfen. Die Kunst hat die Möglichkeit etwas zu behaupten, eine Vision, eine undogmatische Fragestellung in den Raum zu stellen. Die Wissenschaft und die Politik sollten diese Behauptung überprüfen und im besten Fall umsetzen. Das kann nur mit gegenseitigem Respekt und auf Augenhöhe passieren. Der interdisziplinär ausgerichtete Fond Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN, den ich absolut notwendig finde, kann diese Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Politik ausfüllen.

Benjamin Foerster-Baldenius | Architekt raumlaborberlin | Floating U̶n̶i̶v̶e̶r̶s̶i̶t̶y̶ | Berlin
Kunst ist nicht nachhaltig und Nachhaltigkeit ist keine Kunst. Kunst ist Verschwendung und Nachhaltigkeit ist vor allem Arbeit.  Aber es gibt vielfältige Synergien zwischen den beiden Aktionsfeldern - das sollte nach der Lektüre all der Stimmen in diesem Aufruf deutlich sein. Und gerade in den Spannungsfeldern dieser Synergien entstehen die bedeutenden kritischen Statements an gegen kurzsichtiges, blindes, repräsentations- und profitorientiertes, politisches Handeln.
Wie gut könnte die Stuttgarter Politik heute dastehen, hätte sie frühzeitig auf die Stimmen aus dem Kunstverein Wagenhallen gegen das Projekt Stuttgart 21 gehört. Kein*e Berliner Bürgermeister*in müsste den peinlichen Momenten der immer wieder verschobenen Eröffnung einer restitutionsunkritischen kolonialen Sammlung in einer Preußenschlossattrappe beiwohnen, hätte man auf die Künstler*innen der Zwischenpalastnutzung gehört. Und schon seit den Konzerten in Wackersdorf, der Freien Republik Wendland und den Baumhausdörfern an der Startbahn West in Frankfurt und Schlingensiefs Aktion "Ausländer raus!" wissen wir, das Künstler*innen mehr Weitblick haben. Viel zu oft laufen diese wertvollen Impulse ins politische Nirvana. Die Grünen sollten sich an ihre Gründungsrituale im grünen Zelt von Joseph Beuys in Düsseldorf erinnern. Gebt den Künstler*innen Raum, Zeit und Geld für Veränderung und dann regiert nicht, sondern reagiert! reagiert!  Am besten mit Einsicht.

Sasha Waltz | Choreografin Tänzerin Opernregisseurin | Compagnie Chefin | Berlin
Ich unterstütze ausdrücklich die Einrichtung und Gründung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit auf Bundesebene. Sasha Waltz & Guests widmete die vierte Ausgabe des Formats »Zuhören – Dritter Raum für Kunst und Politik« im Dezember 2019 dem drängenden Themenkomplex Klima- und Demokratiewandel und gab diesen Themen aus der Perspektive der Künste Raum. Die Erfahrungen mit den eingeladenen lokalen Initiativen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und Künstler*innen haben uns verdeutlicht, wie wichtig eine Kulturpolitik ist, die diese Themen zusammenbringt und Kulturinstitutionen befähigt, inhaltlich und strukturell neue Wege zu gehen und nachhaltiger arbeiten zu können. Bereits seit 2007 beschäftigt sich die zeitgenössische Tanzcompagnie Sasha Waltz & Guests mit Themen rund um Klima und Natur auch mit Blick auf unsere alltäglichen Arbeitsprozesse.

Jochen Sandig | Raumpionier | Intendant Ludwigsburger Schlossfestspiele | Berlin und Ludwigsburg
Die Gründung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ist eines der wichtigsten Zukunftsprojekte. Als Mitgründer des World Human Forum in Delphi und Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, die ich seit 2020 in ein "Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit" verwandle, ist die Große Transformation zu der uns die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen als Agenda 2030 als Aufforderung gerade für die Künste von allergrößter Relevanz. Über ästhetische Fragen gestalten wir die Welt. Auf Europäischer Ebene entwickelt sich gerade mit dem "Neuen Europäischen Bauhaus" eine wichtige Initiative, die dringend auf nationalen Ebenen reflektiert werden sollte. Der FÄN eröffnet hier wichtige Perspektiven und wird eine wichtige Funktion als Katalysator progressiver Entwicklungen einnehmen.

Friedrich von Borries | Architekt und Kurator | Prof. für Designtheorie, HFBK | Hamburg
Alle reden von Nachhaltigkeit, aber nur wenige Menschen 'leben' Nachhaltigkeit. Woran das liegt? Weil wir es zu wenig üben. Wir brauchen Räume, Situationen, Momente, in denen wir die Möglichkeit eines anderen Lebens erfahren, erleben, erspüren können. Genau solche Erlebnisse und Erfahrungen kann Kunst ermöglichen - und es sollte deshalb ein Ziel einer auch auf öko-soziale Transformation ausgerichteter Kulturpolitik sein, derartige Versuche in Kunst und Kultur gezielt zu fördern.

Jonas Zipf | Werkleiter JenaKultur | Präsident Kulturrat Thüringen | Jena
Mich begeistert die Wahl des Begriffs "Nachhaltigkeit": Kunst und Kultur drehen sich allzuoft um den aufmerksamkeitsökonomisch nächstgelegenen Diskurs. In diesem Sinne werden Förderprogramme aufgelegt, die sich um den Klimawandel und den ökologischen Fußabdruck des Kulturbetriebs drehen und wenden. Adrienne Goehlers Ansinnen eines FÄN besteht dagegen schon seit Jahren fort und ist dennoch nicht weniger aktuell. Im Gegenteil: Spätestens die Corona-Jahre decken Defizite auf, die uns schon lange vorbewusst waren. Nun wird es darauf ankommen, die Transformationen zu identifizieren, die längst überfällig sind. Nachhaltigkeit gehört dazu. Im Kulturbetrieb der Zukunft geht es um einen gesünderen Umgang mit unseren Ressourcen als bisher. Wohlgemerkt: Nicht nur mit der grünen Natur um uns herum, sondern auch innerhalb unserer Arbeits- und Sozialverhältnisse sowie unserer eigenen Psyche und Seele. Der FÄN ist ein großer und wichtiger Wurf in Richtung dieser (und anderer) notwendiger Transformationen!

Dr. Thomas Oberender | Theaterwissenschaftler | Intendant Berliner Festspiele | Initiator von "Down to Earth" Gropius Bau | Berlin
In der Logik der alten chinesischen Medizin wurden Ärzte nicht dafür bezahlt, dass sie Kranke heilen, sondern entsprechend der Zahl der Gesunden. Honoriert wurde das Herbeiführen der richtigen Lebensweise. Was würde es bedeuten, diese Logik auf den Bereich der Kultur zu übertragen? Wenn Vorgesetzte für die Vermeidung von Kohlendioxid, burn outs, fossilen Brennstoffen und Transportwegen honoriert würden, statt für Besucherquoten und dicke Pressespiegel? Die Bemühung um Nachhaltigkeit ist keine Propagandaschlacht, sondern eine feinteilige Reform unserer Betriebssysteme und -werte: Wem dienen die Klimaanlagen von Fall zu Fall? Wer definiert die Standards wirklich? Die Shoppingmentalität des globalen Kuratierens, der Ex- und Hopp-Betrieb in den Schaufenstern der Institutionen, wie frivol ist das? Die neoliberale Projektkultur der letzten Jahrzehnte zerstörte Bindungen und etablierte Tempo und Wettbewerb da, wo wir Erfahrungen der Einbindung und des Ganzheitlichen brauchen. Das Projekt FÄN zielt in diese Richtung und die alten chinesischen Ärzte würden es lieben.

Dr. Gabriele Knapstein | Kunsthistorikerin und Kuratorin | Leiterin Hamburger Bahnhof | Berlin   
In ihrer auf Langfristigkeit angelegten Arbeit sind Museen natürliche Verbündete für Projekte im Bereich von Ästhetik und Nachhaltigkeit. Zugleich müssen sie ihre eigene Praxis unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit grundsätzlich befragen und überdenken. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit ist vor diesem Hintergrund eine überfällige Initiative, die es dringend braucht.

Fabian Larsson | Dramaturg | Berlin
Der Zeitgeist hat sich geändert. Das Fördersystem nicht. "Kurzfristig, flexibel, projektbezogen, kreativ, individuell" – Stichworte am Ende des 20. Jahrhunderts; das Resultat konnten wir erleben, den Burnout der wichtigsten Ressource, die wir für unsere eigene Veränderung haben, die weitsichtige Kreativität. Nachhaltigkeit ist das neue, alte Stichwort am Anfang des 21. Jahrhunderts. Was würde Nachhaltigkeit in der Künstler:innenförderung bedeuten? Kontinuität, Längerfristigkeit, Kooperation, mit sozialen und ökologischen Implikationen, Handlungsmacht generierend. Damit ist der FÄN eine dringend notwendige Intervention, vor allem aber ein entscheidender Impuls für Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft. Er öffnet Perspektiven.

Helgard Haug | Stefan Kaegi | Daniel Wetzel | Rimini Protokoll | hier und dort
Ohne den Besuch bei Wissenschaftler*innen kommt selten eins unserer Projekte aus. Auch, weil wir den anderen Blick suchen, das Überraschende und Erstaunliche im Detail, den anderen Blick, und dabei immer wieder neue Formen für das Theater, die uns als Publikum neue Blicke und Erfahrungen ermöglichen. Auch das Forschen haben wir gemeinsam. Viele der Projekte, die wir in den vergangenen 20 Jahren realisiert haben, hatten den Charakter von Laboratorien in künstlerisch-gesellschaftlichen-wissenschaftlichen Grenzbereichen, jedoch stets temporär und der Dialog mit Leuten aus anderen Feldern stets punktuell. Unsere Erfahrung ist auch, dass unser Besuch und unsere Fragen bei Wissenschaftler*innen häufig zu einer Erweiterung der Perspektive inspiriert, hinsichtlich der eigenen Fragestellungen und Methoden, aber auch der Frage, in welchen Kontexten und mit welchen Methoden ihre Arbeit erfahrbar und nutzbar gemacht wird.

Dr. Tobias J. Knoblich | Präsident Kulturpolitische Gesellschaft | Dezernent für Kultur und Stadtentwicklung | Erfurt
Nachhaltigkeit zu denken und zu leben, ist gar nicht einfach: die Menschen folgen Pfadbindungen, sie können nur schwer ausbrechen und die Richtung ändern. Was ihnen Sicherheit gibt, macht sie aber auch kaputt. Wir müssen uns von Wachstum und Verfügbarkeitspolitiken verabschieden und anders mit unseren Ressourcen umgehen, eben nachhaltig. Die Menschen brauchen dringend wirksame Veränderungsimpulse, die sie aus den Pfaden des berüchtigten "Weiter so!" treiben, sie nachdenklich machen, wirklich aufschließen für Veränderung. Hier kann ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit Großartiges leisten, da er ein entscheidendes Zukunftsthema mit sinnlicher Qualität und ästhetischer Finesse verbindet. Es werden Dinge verhandelbar, weil sie plötzlich dringlich inszeniert werden, fasslich, erlebbar, annehmbar. Aber Inszenierung schafft auch Distanz: ich kann rezipieren und die Botschaft in anderer Form als ein sachliches Argument verarbeiten, sie erst einmal als interpretatives Angebot um ihrer selbst willen annehmen. Kunst schafft Freiheit, ist ein geschützter Raum, der nicht nur Realität widerspiegelt. Zugleich schafft das Ästhetische eine eigene Erkenntnisqualität. Der "Felix aestheticus", von dem Alexander Gottlieb Baumgarten als Begründer der wissenschaftlichen Ästhetik einst sprach, ist ein glücklicher Sinnenarbeiter, der seine Erkenntnis nicht aus dem Rationalen bezieht oder dieses absolut setzt. Die sinnlichen Vermögen sind anders als das Descartesche "Cogito ergo sum" nicht auf Zergliederung der Erkenntnis gerichtet, sondern arbeiten lustvoll mit ihrer Komplexität. Das war revolutionär, da das Sinnliche in der Epistemologie lange als verworren, ablenkend, korrumpierend gedacht worden ist. Ästhetik aber erschließt uns die Welt auf ihre Weise, sie erlaubt Gefühl, Schock, individuelle Annäherung. Und sie löst nicht alles restlos auf - sie erlaubt ein Staunen und einen rätselhaften Rest. Auch das ist Erkenntnis: nicht bis ins Letzte aufklären können, aber Verständnis erreichen, sich an etwas annähern.
Für die Kulturpolitik, die sich gegenwärtig stark auf Transformation als Leitbegriff einstellt, ist Nachhaltigkeit eine entscheidende Säule im programmatischen Setting. Wir erleben Veränderungen, die uns herausfordern und unseren Lebensstil als nicht zukunftsfähig erkennbar werden lassen. Kulturpolitik könnte mit einem Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit sehr gut arbeiten, er wäre eines der Instrumente, die Menschen zu überzeugen, ihnen vielfältige Zugänge zu Konsequenzen unseres Handelns zu eröffnen, aber auch Fenster aufzustoßen, wie es anders sein kann. Dazu nämlich benötigen wir die Sprache der Kunst, kreative Projekte und Exempel, die uns im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn werfen.

Nele Hertling | in Folge: Künstlerische Leitung Hebbel Theater | Direktorin DAAD Künstlerprogramm | jetzt Vizepräsidentin Akademie der Künste | Berlin
Den Vorschlag mit FAN eine grundsätzliche Veränderung von Produktion und Förderung zu starten, finde ich wirklich gut.
Schon in meiner Zeit am Hebbel-Theater haben wir in unserem internationalen Netzwerk gegen die Sucht vieler Festivals und Veranstalter, immer etwas "Neues" als Erste zeigen zu wollen, eine andere Praxis durchzusetzen begonnen. Wir haben gemeinsam produzierte Vorstellungen an möglichst vielen Orten präsentiert, ganz egal wo die Premiere stattfand. Dadurch entstand eine Kontinuität und Sicherheit für die Künstler:innen die nicht sofort wieder nach Mitteln für die nächste Produktion suchen mussten. Auch für eine engere Kooperation mit Wissenschaft und wissenschaftlichen Arbeitsweisen haben wir uns an der Akademie der Künste interessiert.
Es gibt am Haus die Abteilung "Junge Akademie", die sich verstärkt mit der Einbeziehung wissenschaftlicher Fragen und Methoden auseinandersetzt. Die Künste sind in diesem Transformationsprozess von besonderer Bedeutung - sie können die naturwissenschaftlichen Forschungen in die Gesellschaft vermitteln indem sie diese in eine künstlerische Sprache übersetzen und damit auf verschiedenen Ebenen wirksam werden lassen. Veränderte Förderstrukturen wären dafür wirklich hilfreich.

Christian Tschirner | Leitender Dramaturg Schaubühne | Berlin
Kulturelle Vielfalt und weltoffene Einstellungen von uns Metropolenbewohner*innen können nichts daran ändern, dass wir ökologisch überproportional schlecht abschneiden. Und zwar selbst dann, wenn wir uns persönlich bemühen: Es sind vor allem Strukturen & Institutionen, die unseren ökologischen Fußabdruck verursachen, auch kulturelle: Theater, Opernhäuser, Museen, Festivals. In Stücken & Projekten adressieren wir zwar seit einiger Zeit die ökologische Krise als Menschheitsproblem – glaubwürdige Antworten auf die Frage, wie wir selbst nachhaltig produzieren können, bleiben auch wir allerdings schuldig. Der FÄN kann dabei helfen, dem eklatanten Widerspruch zwischen Wissen und Handeln in der Kulturbranche und - damit einhergehend - einem Verlust an Glaubwürdigkeit entgegenzuwirken, der sonst alle anderen künstlerischen, kulturellen und politischen Ziele zu unterminieren droht. 

Ralph Zeger | Bühne und Kostüm | Sprecher Bund der Szenographen | Essen
Theaterhäuser, aber auch freie Gruppen und Performancekollektive sind häufig zu überhitzten Kunstproduktionsmaschinen geworden. Immer mehr und schneller wird produziert bei immer weniger Zeit, Geld und Ressourcen. Trotz gutem Willen spielt Ökologische Nachhaltigkeit da oft nur eine Nebenrolle. Das gilt vom Entwurf über die Produktion bis zur Entsorgung. Ökologisch nachhaltige Kunstproduktion braucht aber Geduld, Zeit und Fokussierung - sie passiert nicht nebenbei. Der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte hier für Entschleunigung sorgen. Könnte Räume schaffen für kollaboratives Forschen und Entwickeln. Im experimentellen Wechselspiel und gegenseitigen Befruchten zwischen Kunst und Wissenschaft könnten Türen zu neuen, nachhaltigen Ausdrucksformen, Inhalten, Produktionsarten oder Materialien aufgeschlagen werden. Ästhetisch, inhaltlich und technisch würde der Fonds damit Innovationen ermöglichen und helfen, die Grenzen des bisher Denkbaren auf ökologisch nachhaltige Weise auszuweiten.

Wagner Carvalho | Künstlerische Leitung u. Geschäftsführung | Ballhaus Naunynstraße | Berlin
Joshua Kwesi Aikins, Prof. Dr. Maureen Maisha Auma, Dr. Boniface Mabanza Bambu, Dr. Mariama Diagne, Julien Enzanza, Olani Ewunnet, Dr. Onur Suzan Nobrega, Dr. Emilia Roig, Dr. Azadeh Sharifi, Dr. meLê yamomo, und viele, viele andere – als Künstler:innen sind wir auf die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler:innen angewiesen, und umgekehrt. Postkoloniale, rassistische Strukturen durchziehen Alltag und Politik, Wissenschaft und Kunst. Wir profitieren vom Austausch; gemeinsam stärken wir die dekoloniale Perspektiven und Handlungsräume. Als Künstler:innen brauchen wir die Wissenschaften, um das eigene Erfahrungswissen in der Systemimmanenz zu begreifen, im Zusammenhang postkolonialer Geschichte, Ökonomie und Politik, in einer historischen Kontinuität postmigrantischen Widerstands und der selbstbestimmten Artikulation. Umgekehrt braucht die Wissenschaft einen Raum der lebendigen Erfahrung, der Kollektivität, der Begegnung, der neuen Sprachen. Die ökologische Katastrophe übersetzt sich in soziale Gewalt. Vor diesem Hintergrund brauchen wir vielfältige und längerfristige Kooperationen – der FÄN ist da ein notwendiges Instrument.

Kathrin Becker | Künstlerische Direktorin KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Berlin
Beflügelt durch die "Fridays for Future"-Bewegung vollzieht sich ein allmählicher und tiefgreifender Wandel in Bezug auf Prozesse der Ökologie. Themen wie Nachhaltigkeit und Entschleunigung kommen allmählich auch in der Mehrheitsgesellschaft an, sei es in Bezug auf die Vermeidung von Plastikmüll, E-Mobilität, Car-Sharing, Fahrradstrassen, Vegetarismus oder tierversuchsfreie Kosmetik. Die zeitgenössische Kunst mit ihrer seismografischen Qualität beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit diesen Themen und ist Katalysator für viele der damit verbundenen Bewusstwerdungsprozesse. Allein der Apparat ihrer Repräsentation hinkt den virulenten Themen der Gegenwart lang hinterher. Für den Besuch einer Biennale nach Asien fliegen gehört zum guten Ton, für eine Podiumsdiskussion von Berlin nach Mexiko-Stadt, für eine neue Installation einen Container von Regips-Schrott produzieren und einen Coffee-to-Go auf dem Weg ins Büro: Ohne die Pandemie hätten wohl die meisten von uns es nicht für möglich gehalten, dass man auch online diskutieren kann. Umso wichtiger ist ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, damit der Neuanfang nach der Pandemie gelingt….

Florian Malzacher | Kurator für zeitgenössische performative Künste | Autor | Berlin und Brandenburg
Wir können uns nicht länger leisten, alles nebeneinander zu betrachten, oder genauer: es nacheinander abzuarbeiten, wie einen Stapel unerledigter Aufträge: sich immer mehr vertiefende soziale Klüfte, Rassismus, koloniale Nachwirkungen, Klimakatastrophe, Corona-Viren – das alles (und noch viel mehr) sind Felder, die nicht isoliert, sondern miteinander verknüpft gedacht werden müssen. Im Kunst- und Theaterbetrieb heißt das auch: mit ein paar weniger Flügen, ein paar diverseren Besetzungen, ein bisschen Rhetorik ist es nicht getan. Wie in der Politik braucht es auch in der Kunst neue Grundlagen, eine neue Philosophie, die dazu beiträgt, einen kollektiven Willen zu entwickeln, der verschiedene politische Kämpfe, Ästhetik und Ethik miteinander verbindet. Das braucht Zeit – und die sich zu nehmen, wäre bereits schon ein erster Schritt zu mehr Nachhaltigkeit.

Dr. Birte Werner | Dramaturgin und Dozentin | Leiterin Kompetenzzentrum Kulturelle Bildung und Vermittlung | Stuttgart
Als Themen sind viele der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele Gegenstand künstlerischer Arbeiten. Kulturelle und politische Bildung wirken zusammen, das Publikum ist zur kritischen (Selbst)Reflektion einladen, manche Arbeiten geben konkrete Impulse mit auf den Weg. Doch besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen dem, was in den Künsten verhandelt wird, und den Bedingungen, unter denen diese Kunst zustande kommt. Damit Nachhaltigkeit auch die Arbeits- und Produktionsbedingungen in den Künsten prägen kann, braucht es grundsätzliche Veränderungen. In der Förderung, in den (Macht)Strukturen, in den Mindsets aller Beteiligten. Dafür Raum, konkrete Maßnahmen und tragfähige Strukturen zu schaffen sind einige der aktuellen Top-Aufgaben.

Marcus Lobbes | Direktor der Akademie für Theater und Digitalität | Film und Theater Regisseur | Dortmund
"Klima trifft Theater" (Heinrich Böll Stiftung) – treffender kann ein Titel zu diesem Themenkomplex nicht sein. Künstlerische Reflexion und Praxis kann Nachhaltigkeit nicht unberücksichtigt lassen. Was die Theaterinstitutionen nach außen schon lange thematisieren, im sichtbaren Teil der Theaterarbeit auf den Bühnen, sollte auch nach innen, nicht nur in Bezug auf die genutzten Ressourcen, sondern auch im Mindset wirken. Allein, wie ist dennoch künstlerisch freie Produktion möglich, was ist verantwortbar? Das sind die Fragen der Zeit! Wir benötigen einen Wissenstransfer, eine von der Egozentrik künstlerischer Produktion befreite Kultur des Austauschs. Daher ist die Gründung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ein wichtiger Schritt, um möglichst viele Ideen zu hören, zu diskutieren sowie die zielführenden dann auch gemeinsam umzusetzen. Das gemeinsame Ziel vor Augen muss sein: Was im Theater auf der Bühne und im Austausch mit dem Publikum verhandelt wird, ist auch in den Betrieben bei der Produktion entscheidend. Hier, im Zusammenwirken mit der Gesamtgesellschaft kann sich künstlerische Relevanz beweisen – und kann sich etwas ändern.

Kerstin Lenhart | Leitung Jugend und Expert Haus | Theaterhaus | Jena
Die Zeit zu haben, die Herausforderungen des Lebens zu durchdenken, zu durchdringen, zu transformieren und zu reframen ist die kostbarste Ressource künstlerischen Arbeitens. Manches Mal ist diese Ressource in Projekten mit Jugendlichen, in den Theaterklubs, anzutreffen. Hier gibt es die Möglichkeit sich ein Jahr lang in ein Thema zu versenken, sich und sein eigenes Verhalten zu vergegenwärtigen. Nur Zeit schafft Nachhaltigkeit. Förderstrukturen, die nur auf den ständigen Output von vermeidlichen Neuheiten setzen, die dann alsbald abgespielt in der Versenkung verschwinden und interdisziplinäres Arbeiten nur oberflächlich zulassen, widersprechen jeglichem Regenerations-, Reflektions- und Erkenntnisprozess von Kunst- und Kulturschaffenden wie Kunstrezipient*innen. Es ist dringend Zeit für einen FÄN!

Tino Sehgal | Studium der Volkswirtschaft und Tanz | Künstler | 2013 Goldener Löwe Venedig Biennale | Berlin
Ganz allgemein ist der Kulturbereich angehalten, wie jeder andere auch, dass wir zuallererst bei unserer eigenen Praxis ansetzen. Und so haben wir uns beim Projekt 'Down to Earth' der Berliner Festspiele einige sehr einfache Regeln gegeben: Niemand, der an dem Projekt mitwirkt, benutzt ein Flugzeug. Die Kunst in der Ausstellung ist komplett ohne Strom. Ferner legen wir alle Verbräuche offen. Allein beim Licht kamen da Hunderte von Kilowattstunden pro Tag zusammen, mehr als wir dachten. Von der Klimaanlage ganz zu schweigen. Die Klimaanlage in einem Ausstellungshaus stellt traditionell eine Temperatur von 20 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent her. Diese Norm wurde zum internationalen Standard und wenn Leihverträge mit großen Sammlungen abgeschlossen und versichert werden, muss sie ganzjährig ohne die geringste Schwankung garantiert sein, ob nun gerade eine Ausstellung läuft oder nicht. Diese Parameter sind natürlich sinnvoll, wenn zum Beispiel Zeichnungen, die teilweise Hunderte von Jahren alt sind, erhalten werden sollen oder wenn archäologische Artefakte ausgestellt werden. Aber bei einem zeitgenössischen Werk, das jedes Mal wieder auf- und abgebaut wird, oder einer Videoprojektion gibt es wirklich keinen Grund diese Standards ungeprüft zu übernehmen. Von daher erhoffe ich mir von der momentanen Debatte über die Klimatisierung des neuen Museumsbaus für die Kunst des 20. Jahrhunderts in Berlin eine wirkliche Konsequenz auf Seiten der Museumsleitungen ihrer gesellschaftlichen Vorbildfunktion gerecht zu werden, sprich flexibler mit der Regulierung ihrer eigenen Klimaanlage umzugehen. Ein solche Praxis hätte sowohl eine signifikante, reale CO2- und Kosteneinsparung als auch eine Signalwirkung.
Im Besonderen fällt Kunst und Wissenschaft außerdem die Aufgabe zu, das konstitutive Prinzip der Moderne - das der ‘Trennung’ - mit neuen und zeitgemäßere Modalitäten zu komplettieren. ‘Trennung’, ‘Teilung’ oder ‘Spezialisierung’ ziehen sich durch alle Bereiche moderner Gesellschaften: von der Art und Weise, wie sie ganz grundsätzlich strukturiert sind, basierend auf Gewaltenteilung sowie der Trennung von Staat und Kirche, über die arbeitsteilige Organisation von Wirtschaft und Produktion, bis zu der Aufteilung von Wissen. Weisheit wird in der Moderne in akademische Fachdisziplinen aufgeteilt; aus der Heilkunde entstehen medizinische Spezialisierungen entsprechend einzelner Körperteile und -organe. Auch die Künste entstehen durch Trennungen: Rituelle Formen werden in unterschiedliche künstlerische Disziplinen unterteilt, denen – gewissermaßen ebenso arbeitsteilig – je unterschiedliche Sinnesorgane zugeteilt sind (bildende Kunst für die Augen, Musik für die Ohren, Tanz für den Körper). Mit diesem Prinzip der Trennung allein werden wir den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht beikommen, da es das Ganze kaum fassen kann und nicht auf Ganzheitlichkeit ausgelegt ist. Dafür ist eine verstärkte Zusammenarbeit unterschiedlichster akademischer und künstlerischer Disziplinen unter ganzheitlicher Leitung und Perspektive dringend nötig.

Cesy Leonard | Aktionskünstlerin und Filmemacherin | Gründerin und Sprecherin Radikale Töchter | Berlin und Stuttgart
Durch andauernden coronabedingte Schließung der Theater, Konzerthäuser und Museen (so nötig sie zeitweilig gewesen sein mögen) hat sich Eindruck von Verzichtbarkeit auf Kunst und Kultur bei vielen Kulturschaffenden erhärten können. Auch die von Seiten der Finanz- und Wirtschaftspolitik demonstrierte Ignoranz gegenüber der Lebensrealität freischaffender Künstler*innen hat nicht gerade dazu beigetragen, den Stellenwert der Kultur in Deutschland zu bekräftigen. Kunst, so scheint es, ist ein nettes Extra, dass man sich als Gesellschaft leisten kann. Aber wenn es hart auf hart kommt, spielt sie für das Gelingen unseres gesellschaftlichen Miteinanders eher keine Rolle.
Umso mehr gilt es deswegen, nicht nur alternative Formen des Sichtbarmachens und der Zusammenkunft zu entwickeln, sondern lautstark und nachdrücklich an die fundamentale gesellschaftliche Bedeutung von Kultur zu erinnern. Wir können uns nicht damit zufriedengeben, dass man uns auf die Rolle der Unterhaltung und Freizeitgestaltung reduziert. Gerade in Zeiten der Krise und gerade in demokratischen Gesellschaften gilt: Kunst ist kein schmückendes Beiwerk, sondern ein Glücksfall. Gefragt sind die Kulturpolitik und die Verbände, aber nicht nur sie allein. Wir alle sind dazu aufgerufen, unsere Stimme zu erheben – wir Kulturschaffenden und alle Menschen, die Kunst lieben. Genau deswegen unterstütze ich die Idee, einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit zu gründen.
PS: Die Radikalen Töchter folgen der Leidenschaft, Kunst dort stattfinden zu lassen wo sie provoziert und heben die Grenzen zwischen Kunst und Nichtkunst auf.

Thomas Locher | Künstler | Rektor Hochschule für Grafik und Buchkunst | Leipzig
Der Begriff der Nachhaltigkeit hat die Künste erfasst und eine der Möglichkeiten diesen Begriff in der Bildenden Kunst zu denken und in ästhetische Formen umzusetzen, ist, ihn mit dem Forschungsbegriff zusammenzubringen. Mit dem Einbeziehen des Forschungsbegriffs in die Kunst ist ein Feld entstanden, das auf ein spezifisch künstlerisches Wissen setzt und gleichermaßen den Wissensbegriff reflektiert und kritisiert. Das Insistieren auf kognitiv epistemologischen Wissensformen in der Kunst macht Sinn, weil es etwas in der Kunst zu erfahren und zu wissen gibt, was jenseits seiner ästhetischen Erfahrung weitergegeben werden kann.
Wenn lebendige Demokratie eine Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen voraussetzt, wird die Fähigkeit, sich zu informieren und etwas zu verstehen, fundamental. Auf gewisse Weise lehrt uns gerade die gegenwärtige Pandemie, dass für die demokratische Teilhabe ein Wissen notwendig ist, wie komplexe Informationen zu verarbeiten sind, damit daraus ein Wissen entsteht. Die Forschungsidee sollte nicht nur den akademischen Welten vorbehalten sein, nicht nur an Universitäten, in Unternehmen oder in der Sphäre der künstlerischen Autorenschaft praktiziert werden, sondern auch an allen anderen Orten unserer Gesellschaften.
Die Idee, einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN in der Kunst, in den Künsten ins Leben zu rufen, ist notwendig und selbst nachhaltig. Ich unterstütze die Initiative und danke den Initiator*innen.

Dr. Inke Arns | Kuratorin und Direktorin des HMKV Hartware MedienKunstVerein | Dortmund und Berlin
Seit über zehn Jahren beschäftigt mich das Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit auch in Ausstellungen: Arctic Perspective (2010) und The Oil Show (2011) widmeten sich im Ruhrgebiet den Spätfolgen der forcierten Schwerindustrialisierung - dem Schmelzen des arktischen Eises und der bis heute, massiven Abhängigkeit dieser Industrien von fossilen Energieträgern. Künstler*innen (und Ausstellungen) können Themen auf sehr spezifische Weise anschaulich machen - indem sie räumlich weit voneinander Entferntes miteinander in Verbindung bringen und so neue Einblicke in globale Zusammenhänge ermöglichen. Der Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN fördert nicht nur inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem Klimawandel -- was er vor allem leistet, ist die Förderung einer nachhaltigen Auseinandersetzung mit diesen Themen. Nicht von einem neuen Thema zum nächsten neuen Thema, wie in der heutigen Projektförderung üblich, sondern der FÄN ermöglicht eine Vertiefung der Auseinandersetzung; vielleicht auch ein Wiederaufgreifen und Aktualisieren von Projekten, die auf ihre Aktualität hin überprüft und neu justiert werden können. Das wäre toll. Ich bin schon jetzt ein FÄN.

Milo Rau | Regisseur Autor Wissenschaftler | Leiter International Institute of Political Murder | Intendant NTGent | Gent Köln Zürich

Gerade schließen wir wie viele Institutionen einen Prozess ab, bei dem wir das NTGent gemäß dem "Green Book" durchchecken: vom Produzieren übers Touren bis zur Gesamtorganisation. Doch interessanterweise treten dabei genau die gleichen Widersprüche auf, die uns schon aus der nicht-nachhaltigen globalen Ästhetik bekannt sind: wie verhindern wir eine euro-päische Re-Lokalisierung (und damit einen Ausschluss des globalen Südens)? Wie arbeiten wir nachhaltig vor Ort, verhindern das punktuelle Landen? Wie kann eine Ästhetik, eine Produktion und Distribution der Nachhaltigkeit im Einzelfall und als solidarische Praxis aussehen? Die Gründung eines Thinktanks, der alle Erfahrungen und Expertisen zusammenbringt, ist eine wundervolle Sache.

Prof. Dr. Eugen Blume | Kunsthistoriker | Co-Projektleitung "beuys2021" | Düsseldorf und Vorpommern
Kunst ist, wenn sie Kunst ist, im geistigen Haushalt der Menschheit unverzichtbar. Das kann man von den Alten lernen, die uns noch immer angehen, weil sie die Eindimensionalität vermieden haben. Wenn es um einen nachklingenden Ruf in der Kunst geht, dann sollte der Name Joseph Beuys fallen, einer der radikalsten Vordenker und Aktivisten in Sachen Kunst und Ökologie. Ein "Grüner" im umfassenden Sinne. Er hat Kunst über alle Grenzen hinausgeführt und gleichzeitig darauf bestanden, dass sie Kunst bleibt. Es hilft nichts, wenn Kunst zum Bauchredner anderer Disziplinen wird. Sie muss mit einer eigenen, durch nichts zu ersetzenden Stimme sprechen. Nur dann wird sie nicht nur bleiben, sondern den geistigen Raum stärken, den sie in ihren Bildern seit Jahrtausenden öffnet. Erst von hier aus wird der Dialog mit den Wissenschaften und der Philosophie produktiv.   
Früh hat Beuys sein universelles, gegen jede Ausgrenzung gestelltes Diktum "Jeder Mensch ist ein Künstler" verkündet und bereits 1967 einen Rechtsstatus für Tiere und Pflanzen gefordert und am Ende seines Lebens Bäume gepflanzt. Er hat den Geld- und Kapitalbegriff verändert und für jede seiner Ideen Modelle erarbeitet, die wir Kunstwerke nennen. Museen hat er als Universitäten mit Objekten verstanden und wollte darüber hinaus ".. die Unternehmensstrukturen in der Wirtschaft – nicht nur in der freien oder Privatwirtschaft, sondern auch in den multinationalen Konzernen und in der Weltwirtschaft – zu Universitäten umformen."
Es geht um Transformation. Die Kultur mit ihren institutionellen Einrichtungen nachhaltig zu gestalten, heißt, sie radikal zu verändern. Gemessen an der Dramatik der Klima- und Nachhaltigkeitskrise sind sie hoffnungslos zurückgefallen. Wir brauchen keinen Status quo, noch erschöpfende Debatten, sondern einen "Aufwachraum". Der FÄN könnte so etwas sein.

Annette Maechtel | Kuratorin | Geschäftsführerin der nGbK | Berlin
Ich begrüße einen Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik von einer zielgerichteten Projektförderung von Kunst hin zu langfristigeren Förderformaten, die das Potential von künstlerischen Prozessen, weit übers Ziel hinaus zu schießen, fördern.

Agnes Meyer-Brandis | Künstlerin I Direktorin Institut für Kunst und subjektive Wissenschaft | Berlin und Köln
Dass Kunst und Forschung anderer Zeiträume bedürfen als Legislaturperioden, dass ein Förderjahr, 4 Jahreszeiten oder ein Projektstipendium nicht ausreichen dürften, um einen Wald oder eine Wiese zu betrachten und verstehen zu lernen, steht sicherlich außer Frage. Die Künstler*innen und Wissenschaftler*innen brauchen Zeit, um den Dingen beim Werden zuzusehen und eigene Schlüsse ziehen zu können. Wir müssen die Dinge in Ruhe betrachten können, unvoreingenommen und ohne die Erwartung eines Resultats, um zu neuen Einsichten und Ideen zu gelangen, und eine Kunst aus Gegenwart und Zukunft entstehen zu lassen. Es gibt allerdings kaum gesellschaftliche Räume, die sie gewährt. Das Gros der Förderungen fördert die Produktion. Reflexion ist ein Nebenschauplatz. Erwartet man von den Künstler*innen anderes als Bestätigung des Bekannten, will man, dass die Künste einen Trend, eine Welle oder einen Hype überleben, um - ja auch das - nachhaltiger zu sein, im Sinne einer Kultur die eine Gesellschaft unterstützt und verändert, bedarf es dringend anderer Grundlagen und Werkzeuge. Das wunderbar utopische Konzept des FÄN könnte hier die Ursache einer weitreichenden Wirkung werden.

Antje Pfundtner | Choreographin und Anne Kersting | Dramaturgin | Antje Pfundtner in Gesellschaft | Hamburg
Die Produktionsweisen aus den Performing Arts sind alles, nur nicht nachhaltig. Kunstschaffende produzieren am Fließband, denn Fördergelder verpflichten zum Outcome. Wir bemühen uns um jährliche Premieren, um am Markt sichtbar zu bleiben. Wir produzieren neue Exponate, um mit jeder Premiere unter einem anderen Licht gesehen zu werden. Ganz im Sinne eines zu erfüllenden Alleinstellungsmekmal behalten wir sie auch immer für uns, statt sie mit anderen Kunstschaffenden zu teilen. Wir stapeln die eigenen Stücke und kehren jedes Mal ihre ungeteilten Ressourcen unterm Tisch.  Wenn die Häuser wieder aufmachen, wird das Touren bereits existierender Stücke vermutlich kaum noch Platz haben, weil Institutionen mit neuen Produktionen nach vorne werden blicken wollen. Klar fragen auch wir uns, wie es danach weitergehen soll, aber bitte mit dem, was bereits da ist. Sich im Nachhinein auf die Langfristigkeit eigener Projekte einlassen und zu hastig formulierte Ansätze mit Zeit reformulieren, verfolgen, pflegen. An seiner Arbeit dranbleiben, statt am Markt. Dafür steht der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit, dessen Idee wir natürlich unterstützen! Kunst, die sich mit ökologischen Krisen beschäftigt, befindet sich seit Jahren in einem paradoxen Spannungsfeld, in dem die Betrachter*innen der Kunst gleichzeitig die Verursacher*innen des behandelten Problems sind. Dies erklärt, warum sich der Kunstbetrieb über lange Zeit so schwer damit getan hat, diese Themen, nicht nur im Hinblick auf kuratorische Inhalte, sondern auch auf konkrete Fragen zur Nachhaltigkeit des Kunstbetriebs an sich zu verhandeln. Erst seit etwa zwei Jahren bildet die Kunst, da wo sie gezeigt wird, wieder die Aktualität des Diskurses ab, auch wenn sich immer noch der Eindruck aufdrängt, die Prozesse griffen zu langsam. Viele Künstler*innen haben sich in der Vergangenheit vermehrt der Wissenschaft zugewandt, zum einen um die eigene künstlerische Forschung angemessen zu unterfüttern, zum anderen jedoch auch, um an dieser Stelle von einer Aktualität zu profitieren, die ihnen im Kunstbetrieb oft verwehrt bleibt. Ein FÄN könnte diese Lücke schließen und einen Rahmen schaffen in dem nicht nur auf vielfältige Weise Synergien genutzt, sondern Künstler*innen gleichzeitig die Möglichkeit gegeben wird, Themen langfristig, in einer Balance zwischen finanzieller Sicherheit und der Freiheit, die für die Entwicklung künstlerischer Prozesse notwendig ist, zu behandeln.

Dr. Karl-Eugen Huthmacher | Jurist | ehem. Leiter Abteilung "Zukunftsvorsorge - Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit" BMBF | Vorstand Germanwatch e.V. | Bonn
Nachhaltigkeit ist umfassend. Sie erfasst alle Lebensbereiche: Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Politik, Verwaltung und vernetzt idealerweise alles mit allem. Ob und wie eine Gesellschaft ihren Weg zu einem nachhaltigen Miteinander findet, hängt davon ab, welchen Beitrag die gesellschaftlichen AkteurInnen zu dem Suchprozess leisten und wie es ihnen gelingt, in dem damit verbundenen permanenten Aushandlungsprozess, Zukunft offen zu halten. Wissen, Ideen, Kreativität, Bilder, Emotionen, Provokationen und Vertrauen sind wichtige Treiber in diesem Prozess. Wissenschaft, Kunst und Kultur fungieren als unverzichtbare und sich ergänzende Erinnerer und Motivatoren dieses Suchprozesses. Beide werden in Ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit dringender denn je gebraucht. 

Alena Wagnerova | Soziologin und Autorin | Saarbrücken und Prag                                   
Die Komplexität von Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik aus isolierten "Sandkästen" zu befreien, und wiederherzustellen, dass sich Einzelne in ihrer Arbeit anschauen, unterstützen, kritisieren und ihre Erkenntnisse austauschen, scheint mir heute eine der dringendsten und aktuellsten Aufgaben zu sein. Denn durch die große Spezialisierung vor allem der wissenschaftlichen Fächer mit ihrem zeitlich beschränkten Soll, ist einiges auf der Strecke geblieben, was für unsere Existenz auf der Erde grundsätzlich ist: die Ästhetik als Bestandteil der Ethik, die Frage nach dem Menschen und seiner Zugehörigkeit zur Natur, der Wille zur Akzeptanz, die Bescheidenheit der eigenen Existenz und  Nachhaltigkeit als Jedermanns Verantwortung zu begreifen. Der FÄN könnte schon diesen gemeinsamen ''Sandkasten'' wollen und realisieren, sollte aber keineswegs ein Amt werden.

Dr. Kenneth Anders | Kulturwissenschaftler | Programmleiter Oderbruch Museum Altranft | Festivalleiter Filmfest Eberswalde
Hört auf die Wissenschaft - das ist der Ruf der Gegenwart. Aber der Umbau des modernen Metabolismus ist eine Aufgabe für alle. Er kann nur mit dem Erfindungsgeist vieler Menschen, mit kollektiver Wissensproduktion und einer ständigen Reflexion von Erfahrung bewältigt werden. Und er ist auf die Lust des Gestaltens angewiesen, denn noch im düstersten Befund mobilisiert das Gestalten ein Moment des Gelingens.
Der Nachhaltigkeitsdiskurs der Gegenwart kann mit all diesen Eigenschaften leider nicht aufwarten. Er ist zu einem Gebot des besseren Konsums und zu einer Form der wohlmeinenden Artigkeit geworden, belehrend, ohne Neugier und nur noch auf die Politik starrend. Um daran etwas zu ändern, braucht es die Freiheit und die Zähigkeit der Kunst. Kunst ist keine Umweltbildung, keine Erziehung der Menschen zum richtigen Verhalten – Kunst ist eine Praxis der Menschlichkeit, der Mobilisierung aller Sinne und unseres ganzen Vermögens. Die künstlerische Produktion im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte durch einen eigenen Fonds von der Kurzatmigkeit wechselnder Förderanreize zu befreien, das scheint mir ein gutes Vorhaben.

Dr. Noemi Smolik | Kunstkritikerin | Bonn und Prag

Die Künstler der Renaissance verstanden sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Wissenschaftler und Denker. Mit dem Eintritt des ästhetischen Denkens wurde dann das Ästhetische von der Wissenschaft getrennt. Die Kunst machte sich selbstständig und das Verlangen nach Freiheit von allen Zwängen stand im Vordergrund. Heute nach dem Zusammenbruch des Modernismus wird die Rolle der Kunst neu befragt. Viele Künstlerinnen und Künstler beginnen die Aufgaben der Kunst daher wieder zu erweitern und statt nach Freiheit von, nach Freiheit wozu zu fragen. Das führt sie zu aktuellen Fragen wie der Frage nach der Nachhaltigkeit, die jedoch nur in einer Zusammenarbeit mit der Wissenschaft befragt und gelöst werden können. Daher würde ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit, der interdisziplinäre und nachhaltige Projekte fördern würde, diesem sich ändernden Selbstverständnis der Kunstschaffenden Rechnung tragen.

Stefanie Schulte Strathaus | Milena Gregor | Birgit Kohler | Leitung Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. | Berlin
In der Arbeit mit dem Filmarchiv des Arsenals ist der Gedanke der Nachhaltigkeit bereits enthalten. Entstanden ist es aus dem Wunsch, die Filmkopien, die für das Forum der Berlinale nach Berlin kamen, hier zu behalten, sie deutsch zu untertiteln und anschließend Kinos zur Verfügung zu stellen. Mit der Sicherung und Digitalisierung der Filmkopien führen wir dies weiter. Um die vorhandenen Potentiale unseres Archivs zu nutzen, auch in Bezug auf Ideen für ein anderes Zusammenleben, ist es nötig, kontinuierliches Arbeiten damit und daran zu ermöglichen. Dazu braucht es eine Kulturförderung, die uns nicht immer wieder bei Null anfangen lässt, sondern einen schonenden Umgang auch mit der Arbeitskraft der Mitarbeiter*innen und Kulturschaffenden ermöglicht; eine Kulturförderung, die vorhandene Ressourcen nutzt und sich der Ressourcenverschwendung widersetzt. Der geplante Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit würde ein intensives und konzentriertes Arbeiten an Themen ermöglichen, die nicht einfach im Trend sondern überlebensnotwendig sind, und wird von uns daher ausdrücklich begrüßt.

Tanja Dückers | Schriftstellerin und Journalistin | Berlin

Wir Künstler*innen und Kulturschaffenden greifen gern gesellschaftliche Fehlentwicklungen in unseren Werken auf, meist in anklagendem Ton. Wir reden viel, entwerfen düstere Zukunftsvisionen, glauben besser als andere zu wissen, was zu tun ist. Sich konsum- und kapitalismuskritisch zu geben, gehört zum guten Ton, doch die Kulturszene selbst, mit unzähligen Messen, Meetings, Aufführungen, Podien und Talks – Einfliegen für einen Zwei-Stunden-Panel – trägt zum ökologischen Desaster bei. Der international agierende Kultur-Jet-Set hat in den letzten zwei, drei Jahrzehnten hypertrophe Ausmaße angenommen. Hier ist eine veränderte, sensiblere Praxis gefragt.
Sehr sinnvoll erscheint mir auch der Vorschlag von FÄN, mit den künstlerischen Ressourcen selbst sparsamer und nachhaltiger umzugehen. Wiederaufführungen, Fortsetzungen von Romanvorhaben, langlebigere Formate etc. sollten in stärkerem Maße unterstützt werden. Stattdessen muss meist mit jedem Antrag "etwas ganz Neues, Zeitgenössisches, nie Dagewesenes" in Aussicht gestellt werden, oft single-point-Projekte, Auftragsarbeiten, für die die Künstler*innen ihre eigentliche Arbeit liegen lassen müssen. Es ist zudem für Künstler*innen entwürdigend, sich mit jedem Antrag stets neu "beweisen" zu müssen und nicht einfach die eigene Arbeit fortsetzen zu können. 


Simone Zaugg | situations- und kontextspezifische Kunst im institutionellen und öffentlichen Raum | Berlin und Bern

Kunst ist Zeit und Raum. Ihre Gegenwart und Geschichte, genauso wie ihre Visionen schaffen diskursive Orte. Im Kopf, auf der Straße, im White Cube oder in der Black Box. Meine Inspirationsquellen kommen aus dem Leben, meine Arbeiten untersuchen und reflektieren gesellschaftsrelevante Themenkomplexe. Als Künstlerin transformiere ich Gedankenblitze genauso wie lange Recherche- und Forschungsprozesse in narrative, erlebbare Bilder und Situationen. Über eine integrative und partizipative Praxis stoße ich dynamische Prozesse an, kartographiere kontextbezogene Daten, verbinde verschiedene Räume/Gedankenräume/Orte und künstlerische Statements und übersetze diese über meine Person in zwei- und drei -dimensionale Bilder. Kunst ist Verantwortung. Die Weichen, die wir heute, in dieser Generation stellen, bestimmen wie das Morgen aussieht. Die Zukunft wird ohne "Systemsprenger" und ohne neues, anderes Handeln schlechter aussehen als die Gegenwart. In diesem Spannungsfeld ist Kunst mit einer bedingungslosen Freiheit in einem globalen Raum gefragt, um den unumgänglichen Transformationsprozess und den Systemwechsel aktiv zu begleiten, kritisch-konstruktiv zu kommentieren und künstlerisch-kreativ zu gestalten. There is no reason for anything than fair and sustainable transformation!

Christian Hiller | Alexandra Nehmer | Anh-Linh Ngo | Peter Spillmann | Künstlerische Leitung des Projekts Cohabitation
Mit dem Projekt "Cohabitation" haben wir das Ziel formuliert, durch das Einbeziehen von nicht-menschlichen Akteuren den Nachhaltigkeitsdiskurs in Architektur und Städtebau als Teil der emanzipatorischen Bewegung neu zu fundieren. Es geht darum, die anstehende Transformation nicht nur aus der Perspektive technischer Lösungen anzugehen, sondern zunächst neue Ausdrucksweisen für die Vielfalt und den Reichtum unseres Verhältnisses zur Umwelt zu finden, ohne die die Stadt nicht neu gedacht werden kann – im sozialen wie im ästhetischen Sinne.
Der österreichische Philosoph Fahim Amir formuliert in seinem für das Projekt verfassten Manifest: "Es gilt, imaginativere Sprachen, treffendere Bilder und inspirierendere Modelle zu finden, die uns helfen, diese neue Welt, in der wir uns längst schon befinden, besser wahrnehmen und verstehen zu können. Künstlerische Strategien des Dokumentarischen und unterschiedlichste Taktiken der forscherischen Gestaltung haben sich schon daran gemacht."

In diesem Sinne verstehen wir "Cohabitation" als Auftakt zu einer langfristigen Beschäftigung, bei er es darum gehen wird, den Beitrag von Kultur, Kunst und Gestaltung zu einer ökologischen Transformation der Gesellschaft auszuloten. Diese Auseinandersetzung braucht einen langen Atem und entsprechende Strukturen, die Projekte nicht nur fördert, sondern vor allem vernetzt und langfristig ausrichtet. Denn erst so können die wichtigen Impulse von Projekten wie unseres aus ihrer Verinselung befreit werden, um im Verbund mit anderen Initiativen im gesellschaftlichen Maßstab Wirkung zu entfalten.

Crescentia Dünßer | Schauspielerin Regisseurin Hochschuldozentin | Berlin München Zürich

Es ist bekannt: unsere Gesellschaft wäre ohne Wissenschaft und Kunst nicht das, als was sie sich selbst feiert. Es heißt Dichter UND Denker, kein ODER weit und breit. In der Kunst kommen wir selbstredend nicht ohne die Erkenntnisse der Wissenschaft aus, wenn wir recherchieren, neue Wege erforschen - und der Wissenschaft wiederum verhelfen Ästhetik, Poesie, Humor zur sinnlichen Lesbarkeit; von der dringend nötigen Suche nach gemeinsamen Lösungen globaler Fragen abgesehen. 

Höchste Zeit, die beiden wieder umfassend näher zu rücken, das alte, verrostete, verzankte Liebespaar. Allerorten zeigen sich neue, kraftvolle Paare und Verliebtheiten. Bei meiner Arbeit mit Studierenden an künstlerischen Hochschulen begegnen mir in den letzten Jahren mit neu erwachtem politischem Bewusstsein ein erweitertes Kunst- und Theaterbild, ein Bewirken- und Bewegen wollen und die Suche nach Sparringpartnern in anderen Disziplinen; das dürfen wir nicht verkümmern lassen, es liegt in unserer Verantwortung. Wir brauchen mehr Förderung für inhaltliche Gesamtkunstwerke, mutige Fußstapfen auf unbegangenen Wegen, mit der Kondition für lange Touren, es sind keine Spaziergänge. Nachhaltigkeit; ein kraftvoller Begriff, weit dehnbar, hinein in die Gefühlswelten und Dimensionen des menschlichen Miteinanders: denken, kommunizieren, forschen, kreieren, handeln, ändern, leben. 

Nachhaltigkeit in allen Disziplinen tut not, zu lang haben wir uns kurz gehalten, atemlos, effizienzgesteuert, hermetisch, monokulturell.Brennende Fragen drängen zum gemeinsamen Handeln für eine nachhaltigere Zukunft, die diesen Namen verdient. Jetzt. Der FÄN ist essentiell.


Manuel Bonik | Autor | Morgenvogel Real Estate | Berlin und Keihärinkoski | Finnland

Bin ich ein Fan vom FÄN? Aber ja! – Lass ich Projekte der letzten drei Jahrzehnte Revue passieren, ist es ernüchternd: Künstlerische Ansätze zu Künstlicher Intelligenz, Mode, Netzwerken, Robotern, Automatentheorie, experimentelles Radio, Augmented-Reality-Spiele, Synästhesie, Copyright u.v.m., oft lange vor den Hypes. Ab und zu Quatsch dabei, aber nicht nur. Gemeinsam war ihnen i.d.R., dass sie interdisziplinäre Kooperationen waren und so in kein Förderschema passten: zu technisch und wissenschaftlich für die Kunst, zu künstlerisch für Technik und Wissenschaft. Nach dem x-ten ungläubig (oder gar nicht) beantworteten Antrag sah man (ich) sich vor die Wahl gestellt: Man sucht sich eine traditionelle Sparte, die die traditionellen Gremien verstehen, oder man lässt es bleiben. 

Letzteres war natürlich erstmal keine Option. Stattdessen das Übliche für sturköpfige Künstler: Zeitaufwändige Nebenjobs. Selbstausbeutung. Leute anpumpen. Sammlern Flachware andrehen, auch wenn man (ich) typische Galeriekunst vielleicht in Wirklichkeit für irrelevant hält. Dann die deprimierenden Details: Man hatte z.B. erheblichen Aufwand in eine Website gesteckt, und musste plötzlich die Domain aufgeben, weil man den fucking Fuffi für den Provider nicht hatte. Und es ist umso deprimierender, als einige unserer damaligen Ansätze heute in den Mainstream gemündet sind, Industrien gegründet wurden, und mit manchem jetzt richtig Geld verdient wird. Während Aufgeben schließlich tatsächlich die einzige Option war. "Und endlich stirbt die Sehnsucht doch …" (Altenberg/Eisler).

Aber nie ganz: Seit rund 15 Jahren betreiben meine Partnerin, die finnische Künstlerin Maria-Leena Räihälä, und ich ein Projekt namens Morgenvogel Real Estate (s. morgenvogel.net). Dabei geht es um Arten-, insbesondere Vogel- und Waldschutz mit künstlerischen Mitteln, um den Versuch, solche Themen nicht mit Büßen, Verzicht und Verboten, sondern – auch mit Blick auf die nächste Generation – mit Glamour, Humor, Lust und ästhetischer Freude zu verbinden. Wir arbeiten mit Wissenschaftlern, wir arbeiten mit Künstlern aller Sparten. Klingt gut? Passt nur leider mal wieder in kein Förderschema. Ist entweder zu öko oder zu künstlerisch. Kommt mir unangenehm bekannt vor. Da und dort kriegen wir mal einen Antrag durch, aber sehen uns dabei stets zu Abstrichen an unserem hoffentlich nicht ganz doofen Ansatz gezwungen. Die Zeithorizonte sind kurz, max. ein Jahr, die Förderprozeduren sind den Institutionen, nicht uns Künstlerinnen und Künstlern angepasst. Und dann war da noch was mit Buchhaltung … - Langfristige Planungssicherheit wäre uns lieber. Schluss mit der Schubladisierung! Wir begrüßen die Initiative zum FÄN ausdrücklich.

Prof. Kathrin Röggla | Schriftstellerin und Vizepräsidentin der Akademie der Künste | Berlin und Köln

Die Förderbedingungen der Kunst sind strukturell an modische Diskurse gebunden. Das bedeutet, dass es im Theater, der Literatur, dem Film wie auch der bildenden Kunst weniger die kontinuierliche Arbeit an ästhetisch-politischen Fragestellungen gefördert werden, sondern die, die sich dem Takt der aktuellen Themenpolitik unterwerfen, die diskursiv regelmäßig Begriffe "verbraucht" bis sie nicht mehr zu benutzen sind. Dies gefräßige Wesen hat selbst den Begriff der Nachhaltigkeit verschluckt, der nur schwer wieder freizubekommen ist. Ich würde gerne wissen, was er noch bedeuten kann. Vielleicht, tatsächlich Zeit zu haben in einer Epoche, in der Zeit immer mehr abhanden kommt, wir für nichts mehr Zeit haben, keine Zeit mehr bleibt, um noch was zu ändern. Aber nur durch dieses vermeintliche Paradoxon, sich gerade dann gedanklich und gestalterisch Zeit zu nehmen, wenn man keine Zeit hat, bekommen wir gesellschaftlich einen Raum, der uns ein Leben jenseits des Katastrophischen ermöglicht. Vielleicht aber bedeutet Nachhaltigkeit auch eine gewisse Ökologie, also die Produktionsweisen mit dem, was einen beschäftigt, in Beziehung zu setzen, und so Inhalte mit Formen und Kontexten in eine Beziehung zu bringen, die eine Korrespondenz aufweisen, und nicht sich gegenseitig nicht aufheben, bzw. spotten. Alles andere wäre ja auch absurd, es würde ja bedeuten, dass man es mit seinen Arbeiten nicht ernst meint. Und drittens könnte Nachhaltigkeit in der künstlerischen Arbeit und ihrer Ermöglichung bedeuten, forschende Beziehungen zu gewährleisten, einen Raum zu eröffnen, der sich durch Zukünftigkeit auszeichnet. Etwas, das nur im Dialog zu gewinnen sind. Dialoge allerdings entstehen niemals nur alleine aus dem Moment, sie müssen hergestellt werden und brauchen ein Mindestmaß an Vertrauen. Um dies alles zu ermöglichen, benötigen wir die richtigen Strukturen.
 

Klasse Klima der Universität der Künste Berlin | Gruppe aus Studierenden und Lehrenden | Preisträger des New European Bauhaus Rising Stars Award | Berlin
Nicht nur der Kulturbetrieb, sondern auch alle Kunst- und Gestaltungshochschulen müssen sich in der Klimakrise unmittelbar mit der Handlungsfähigkeit der Künste befassen und umgehend ihre Verantwortung wahrnehmen. Dafür setzt sich das Kollektiv Klasse Klima an der Universität der Künste Berlin und darüber hinaus in der internationalen Bildungslandschaft ein. Die ökologische Krise macht uns alle zu Lernenden. Viele etablierte Ästhetiken, Erzählungen, Formen und Architekturen sind unökologisch und die Klimakrise stellt all das in Frage. Doch diese Frage wird nicht nur in Kulturinstitutionen, sondern auch an Kreativhochschulen häufig zu vorsichtig beantwortet — wohl auch wegen der Prekarität der Akteur:innen, die es unmöglich macht, einen nachhaltigen ökologischen Wandel intellektuell und praktisch anzugehen. Nicht zuletzt stammen viele Fördermittel im Hochschul- und Kulturbetrieb aus Stiftungen von klimaschädlichen Konzernen. Der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit ist dringend notwendig, damit künstlerisches ökologisches Engagement nicht Privileg der Wohlsituierten ist, sondern den Vielen offensteht. Dabei sollte der FÄN insbesondere transdisziplinäres und prozessorientiertes Arbeiten fördern, das in der Klimakrise essentiell ist, aber von vielen Förderschemen bislang ausgeschlossen bleibt. 

Raimar Stange | Kurator und Kunstpublizist | Berlin 

FÄN: DAMIT DIE GRÜNEN ENDLICH WIEDER EINE ÖKOLOGISCHE PARTEI WERDEN 

Leonie Baumann | Rektorin weißensee kunsthochschule berlin a.D. designierte Kuratorin des HKF | Berlin                                                    
Ein neues gemeinsames Handeln mit der dringend erforderlichen Kraft ist notwendig, um der weiteren Vernichtung der Lebensgrundlagen auf der Erde entgegenzutreten. Die Gattung Mensch hat im Verhältnis zur Erdgeschichte in der kurzen Zeit ihrer Existenz auf diesem Planeten eine katastrophale Bilanz der Zerstörung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen geschrieben; vor allem, um in der westlichen Welt immer überflüssigere Produkte und Technologien zu entwickeln. Auf Kosten des globalen Südens und einer zunehmenden Kluft zwischen zwischen Arm und Reich. Der Müll wird gewissenlos wieder den an diesem vermeintlichen Reichtum nicht partizipierenden Ländern überlassen. "Augen zu und durch - nach uns die Sintflut!" Mahnende Stimmen werden verspottet. Alle bisherigen Ansätze des Gegensteuerns sind halbherzig oder haben schon jetzt versagt. Politiker:innen, die wiedergewählt werden wollen, verschieben unbequeme Lösungsansätze lieber auf Übermorgen. Dabei erfordert die gegenwärtige Klimaentwicklung ein ernsthaftes und konsequentes Umdenken und Handeln – im Großen der globalen Politik wie im Kleinen bei jedem Individuum. Würden wir unseren Lebensstil und -standard als Maßstab für alle Menschen voraussetzen, würden drei Erden benötigt. Mit welchem ökologischen Fußabdruck und den damit einhergehenden Gefahren wollen/sollen zukünftige Generationen leben?                    

Neue Wege zu gehen, ist überfällig und dazu gehören neue Sichtweisen, Visualisierungen und Darstellungsformen, die geeignet sind, aufzurütteln, Augen zu öffnen, zum Nachdenken anzuregen, zum Mitwirken zu motivieren und Zusammenhänge zu erkennen. Synergien zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Forschungsvorhaben, die sich sowohl den globalen/kolonialen als auch den lokalen Themen widmen, müssen genutzt werden, um wirkungsvolle, nachhaltige Impulse zu geben und visionäre Erkenntnisse zu formulieren. Dazu braucht es neue Förderstrukturen, die künstlerisch-ästhetische Ansätze in alle gesellschaftlichen Bereiche integrieren. Für die Etablierung dieser Netzwerke ist eine unbedingte Unterstützung und eine auskömmliche Förderung notwendig – jetzt!!!

Marianne Wagner | Kuratorin für Gegenwartskunst LWL-Museum für Kunst und Kultur | Westfälisches Landesmuseum | Münster

Der ökonomisch privilegierte Globale Norden folgt weitestgehend der Auffassung, keine andere Option als die des Wachstums zu haben. Doch Wachstum ist endlich, Prozesse sind aus dem Gleichgewicht geraten, bauen auf sozialer Ungleichheit und einer Ausbeutung der Umwelt auf. Dies macht es erforderlich, bestehende Pfade zu verlassen, sich bewusst von angewöhnten und als selbstverständlich betrachteten Maximen zu lösen und den Glaubenssatz vom Immer-mehr und Immer-weiter zur Diskussion zu stellen. 

Innerhalb der Kunstproduktion ist die Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlichen Transformation und dem Verhältnis des Menschen zur Natur deutlich sichtbar geworden - auch Förderprogramme und Ausstellungsthemen machen dies vermehrt sichtbar. Damit wird die Dringlichkeit offensichtlich, auch innerhalb der Institutionen umzudenken und Nachhaltigkeit politisch zu verankern: in Abläufen, im Umgang mit Ressourcen, in Themensetzungen und Vermittlungspraxen, der Kulturvermarktung und dem Veranstaltungsbereich oder der Raumnutzung. Der Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Instrument, wenn es darum geht diesen Wandel auch institutionell zu verankern und bürokratische Hürden für die Umsetzung konkreter Maßnahmen abzubauen.

Claudia Rinke | Schriftstellerin und Drehbuchautorin | Hamburg

Wir leben in einer Zeit komplexer Herausforderungen - vom Klimawandel bis zu Pandemien. Wir wissen noch nicht, wie die Lösungen genau aussehen werden. Vielen Menschen ist jedoch bewusst, dass wir weitreichende Veränderungen in unseren Denk- und Verhaltensmustern vornehmen müssen. Die Zeit für "business as usual" ist abgelaufen. Künstler:innen schaffen täglich Neues; es ist gerade das Wesen der Kunst neue (Ausdrucks-)formen für Inspirationen und Impulse jenseits des Bekannten zu finden. Künstler:innen können daher Wegweiser:innen für Gesellschaften auf der Suche nach Lösungen sein. Ich habe 2021 in Hamburg an einem Cross Innovation Lab zum Thema 'Klima' mit Wissenschaftler:innen und Wirtschaftsunternehmen teilgenommen. Gerade diese zurzeit noch ungewöhnliche interdisziplinäre Zusammenarbeit hat in kurzer Zeit zu innovativen Lösungen geführt. Es ist vielversprechend, dass ein FÄN Künstler:innen stärkt und Disziplinen übergreifende Zusammenarbeit fördert. Neue Lösungen entstehen nicht zuletzt durch das Beschreiten neuer Wege.

Dr. Uta Atzpodien | Dramaturgin Kuratorin Autorin | Wuppertal

Als Einladung zum Innehalten inmitten der Beschleunigung unserer ökologisch, ökonomisch und sozialen Krise, diese Frage: Wie wollen wir leben und arbeiten? Um die Herausforderung als Chance zu nutzen kann nur ein gemeinsames Wahrnehmen, Erkennen, Erkunden, Gestalten weiterhelfen. Kunst und Kultur können hier kraftvoll inspirieren und anregen. Gemeinsam mit der Wissenschaft und anderen relevanten gesellschaftlichen Praktiken: Es gilt, Menschen in Ihrer Vielfalt einzuladen, sie in ihrer Selbstwirksamkeit und ihren Kompetenzen zu ermutigen und dabei gemeinsam achtsame und wirkungsvolle Wege zu finden. Dafür sind Rahmenbedingungen gefragt, Strukturen, Freiräume, die einen gemeinsamen Atem und das Übernehmen von Verantwortung erlauben. Nur so kann ein nachhaltiges, vernetztes, sich gegenseitig befruchtendes Arbeiten an der Zukunft möglich werden: Mutig mit der nachwachsenden Generation. Genau darin liegt die Chance eines transdisziplinären, mehr Kollaboration und Menschlichkeit ermöglichenden Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit.


Melina von Gagern | Schauspielerin Regisseurin Featureautorin | Berlin

Nachhaltigkeit kann auch im Ästhetischen nur interdisziplinär gedacht und erreicht werden. Denn es geht ja dabei genau um die Veränderung der (Arbeits- und Lebens-) Bedingungen, die über das Subjektive hinausgehen. Jedes Projekt, jeder Kampf, jede Lebensfrage ist auch eine Frage der Erweiterung des eigenen Horizonts und im Austausch von Wissenschaft und Ästhetik zu denken. Wie wichtig, einen Fänplatz zu gründen und die Sichtbarkeit des Zusammenwirkens von Ästhetischem und Nachhaltigem zu fördern.

Matthias Pees | Theaterkritiker designierter Intendant Berliner Festspiele Noch-Intendant Mousonturm | Frankfurt 

Den globalen Ausmaßen der ökologischen, politischen und ökonomischen Krisen der Gegenwart und Zukunft etwas entgegenzusetzen - darin liegt eine immense Aufgabe. Es bedarf neuer Förderinstrumente um zu neuen Ideen zu kommen und um Transformationsprozesse anzustoßen, weswegen ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit unbedingt wünschenswert ist. Dabei verweist der Begriff der Nachhaltigkeit auf sehr viel mehr Dimensionen als (nur) die ökologische. Kulturschaffende, Künstler*innen und Kulturinstitutionen sind mit der Herausforderung konfrontiert, jenseits thematischer Verhandlungen strukturelle und weitsichtige Transformationsprozesse anzustoßen und mitzugestalten. Um globale Krisen angemessen in den Blick nehmen zu können, bedarf es interdisziplinärer Ansätze, denen Raum, Zeit und vor allem Freiheit zur Forschung eingeräumt werden.

Dr. Armin Chodzinski | Humangeograph Performer Radiomacher | Hamburg und Ludwigshafen

Etwas das man in den letzten Jahrzehnten lernen musste, ist die Tatsache, dass es doch eine Alternativlosigkeit gibt. So sehr man mit dem Klang des Begriffes Nachhaltigkeit fremdeln mag, so sehr man sich auf Autonomie zurückziehen, Werke lieben und Verantwortungslosigkeit als Wert begreifen kann... es ist anders! Es ist falsch. Es gibt Notwendigkeiten. 

Förderpolitik und Marktgesetze verschwistern sich darin, Buzzwords zu nutzen die beruhigende Wirkung haben, aber folgenlos sind; folgenlos, weil ohne Inhalt, ohne Substanz, ohne Ernsthaftigkeit, ohne Überzeugung. Ja, es ist anstrengend. Ja, es hat noch keinen Glanz. Ja, es bedarf der Offenheit und des fortwährenden Perspektivwechsels. Und ja, es gebiert keine Stars und keine schillernden Events. Aber gerade deshalb ist jetzt der Moment einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit aufzulegen. Es ist ja nicht so, dass es andere Praxisformen nicht gäbe, dass der Willen zum Kollektiven, zum Gemeinsamen, zum Relevanten nicht vorhanden sei. Im Gegenteil: Es gärt und regt und denkt sich allerorts, strandet aber in der Regel an der Enge der Rahmen, die sich verzweifelt an Klarheiten klammern, die es letztlich nie gab. Es kann nicht darum gehen, neue Namen zu erfinden und Diskurse zu claimen. Es geht einfach und allein darum Unterschiedlichkeiten zu vertrauen, Praxis- und Handlungsformen zu erproben, sich zu begegnen und sich dem zu stellen, was uns alle umgibt: die eigenen Privilegien, eine fundamentale Krise und die Angst vor dem Morgen! Cry and Work!

Ilona Kálnoky | Künstlerin und Co-Gründerin des UM-Festivals für zeitgenössische Kunst, Musik und Literatur | Uckermark

Wir stehen vor neuen Aufgaben, um unsere Zukunft zu gestalten. Als Künstlerin ist es meine Aufgabe, gesellschaftlichen Wandel zu beobachten und zu transformieren. Kunst und Wissenschaft sind wichtige Partner*innen, um Fragen zu unserer Gesellschaft zu verstehen und zu vermitteln. Nur durch Lernen und Lehren kommen wir miteinander weiter. Dazu bedarf es Hilfe und Unterstützung in Form von Förderungen, um sich mit Projektpartner*innen wie Wissenschaftler*innen verknüpfen zu können. Durch meine Co-Gründung des UM Festivals und mit Workshops an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde | HNEE erfahre ich die Schwierigkeiten, Partner*innen für langfristige Projekte gewinnen zu können. Wir brauchen eine neue Förderstruktur. Der FÄN ist ein so logisches wie aktuelles Konzept, es gibt keine Frage nach WIE und OB er gegründet werden soll, sondern nur WANN.

Danielle Dutombé | Theatermacherin Kunstleben e.V. | Budapester Ensemble | Budapest

Mein Mann und ich sind Theatermacher und haben jahrelang auch in der Off - Theaterszene gearbeitet. Die Geldnot hatte uns schon in unseren Anfängen, also vor Langem dazu gebracht uns etwas einfallen zu lassen, wie wir unsere Produktionen selber und besser finanzieren können. Wir probten in stillgelegten Fabriken, Scheunen, landwirtschaftlichen Nebengebäuden von Bauern, schliefen dort sogar manchmal im Heu. Es tat uns leid so viele Gebäude ungenutzt zu sehen und verarbeiteten in unseren Theaterstücken auch schon damals Probleme wie Vernichtung und Ausbeutung in der Natur, Ressourcenvergeudung, Recycling. Immer wieder dachten wir darüber nach warum man nicht verschiedene Branchen aus den verschiedensten Berufen vereinen kann. Spartenübergreifende Kunst ist inzwischen Gang und Gebe, aber wo bleibt denn die branchenübergreifende Kunst, die Ästhetik und die Politik? Die Nachhaltigkeit der Industrie gepaart mit Kunst oder durch Kunst versinnbildlichter industrielle Nachhaltigkeit präsentieren?

Der Gedanke diese Dinge bzw. Disziplinen miteinander zu verbinden hat FÄN in seinem Programm und hat damit auch unsere volle Unterstützung. Es ist wahnsinnig wichtig zukunftsträchtig zu denken und FÄN seine Stimme zu geben!

Mia Emilia Löwener | Theaterwissenschaftlerin | Sommerblut Kulturfestival | Köln

Nachhaltigkeit und Kunst können nicht länger unabhängig voneinander gedacht werden. Nachhaltiges künstlerisches Arbeiten bedeutet, das künstlerische Werk nicht auf Kosten von natürlichen Ressourcen zu verwirklichen, eigene Kapazitäten realistisch einzuschätzen, entsprechende - d.h. auch finanzielle - Wertschätzung zu erhalten und Handlungsanstöße für den gesellschaftlichen Diskurs zu schaffen. Denn Kunst und Kultur bieten den Raum, Alternativen im Sinne unserer gemeinsamen Umwelt zu denken, zu realisieren und zu leben. Ich wünsche mir proaktives, bewusstes Schaffen, welches Grenzen neu denkt und überwindet. Ich hoffe darauf, dass der FÄN ein globales, vielfältiges, wertschätzendes und umweltbewusstes künstlerisches Denken, Schaffen und Handeln möglich macht!

Ricarda Ciontos | Kuratorin und Leitung NORDWIND | Berlin und Hamburg

Das Wort Nachhaltigkeit wird seit einiger Zeit im Kulturbetrieb mit fast inflationärer Regelmäßigkeit gebraucht, aber oft ohne Strukturen für deren Umsetzbarkeit geschaffen zu haben. Wie ermöglicht man internationale Kooperationen in einem Zeitalter da die analoge Präsenz in kürzesten Abständen und auf diversen Kontinenten weder erstrebenswert noch weiterhin vertretbar scheint? Vor allem Festivals mit einer internationalen Ausrichtung, müssen und sollen ihr Reiseverhalten und ihre daraus resultierenden Kooperationen auf die notwendigen klimafreundlicheren Maßnahmen umstellen, aber Modelle wie unter Berücksichtigung dieser dennoch ein notwendiger multinationaler Austausch machbar sein soll, der auch die lokale Kulturlandschaft prägt und erweitert, bleiben oft auf der Strecke. Und dies nicht zuletzt, da Expert*innen, die neue Wege der Kooperation und künstlerischer Umsetzung gehen, wenig zu Wort kommen. Um Ressourcen anders zu nutzen braucht es neben neuen programmatischen Ansätzen, auch Ideen, wie diese realisiert werden können. Der FÄN könnte genau solch eine Pool an Expert*innen unter einem Dach vereinen und innovativen Projekten eine sichtbare Plattform anbieten. Internationaler Austausch ist nicht zuletzt in Zeiten erstarkender nationaler Grenzen ein wichtiges Werkzeug, um neue Impulse in Zivilgesellschaft, Kultur wie Wissenschaft hineinzutragen, daher braucht es den FÄN, der sowohl inhaltlich-ästhetische als auch ökologisch-nachhaltige Ansätze berücksichtigt und neuen, mutigen Formaten den Weg ebnet.

Sally Below | Urbanistin und Kuratorin | Berlin und Mannheim

Der Ansatz weg vom Arbeiten in einzelnen Projekten, die einerseits immer einzigartig sein sollen, um gefördert zu werden, andererseits aber keine Anschlussmöglichkeiten zulassen, ist wunderbar. Denn der Verschleiß dabei ist groß und die Transferleistung oft klein. Gleichzeitig ist das Verbinden von Welten, die nur scheinbar wenig miteinander zu tun haben, genau der richtige Weg. Wir müssen das Ressortdenken überwinden, um unsere Welt besser und schöner zu machen. Dabei wünsche ich mir Forschungen, Kooperationen und Ergebnisse, die Ästhetik und Idylle nicht gleichsetzen, wie es derzeit häufig geschieht. Gerade in unseren Städten krachen Lebensstile aufeinander – beispielsweise auch in der Auseinandersetzung darüber, was Nachhaltigkeit eigentlich ist. Die Diskrepanz von Wirklichkeit, Nutzen und Inszenierung von Stadt und damit auch von dem, was zwischenmenschlich und gesellschaftlich gemeinsame Werte verhindert, wäre für mich ein Thema, das mit Kunst, Forschung, Wissenschaft und vielen Beitragenden mithilfe eines solchen Fonds für uns alle gewinnbringend behandelt werden könnte.

Achim Könneke | Kulturreferent Stadt Würzburg und 1. Vors. STADTKULTUR Netzwerk bayer. Städte e. V. | Würzburg

Die Etablierung eines Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit wäre ein entscheidender Schritt der qualitativen Ergänzung der vorhandenen Fördersysteme. Aus - überwiegend - guten Gründen ist unsere Förderlandschaft ebenso extrem ausdifferenziert wie alle Subsysteme unserer Gesellschaft einschließlich Politik und Verwaltung. Auf der einen Seite erfordert eine plural ausdifferenzierte Gesellschaft eine entsprechende Vielfalt der Strukturen. Auf der anderen Seite verfestigen diese Paralleluniversen mit ihren spezifischen Pfadabhängigkeiten und Codes passgenaues, also enges Sektoren-Denken und verhindern damit echte gesamtgesellschaftliche Kreativität. Die beginnende Große Transformation unserer Gesellschaft wird nur gelingen, wenn etablierte Mindsets und Pfadabhängigkeiten aufgebrochen werden. Der erforderliche Bewusstseins- und Kulturwandel braucht viel mehr Multiperspektivität, Perspektivenwechsel und Ko-Kreationen, um überhaupt neue Möglichkeitsräume für gelingende Zukünfte zu entwerfen. Bewusst sektoren-übergreifende Förderstrukturen wie ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit könnten, wenn sie neben und unabhängig von den traditionellen Strukturen etabliert würden, eine ideale Struktur sein, um Kunst als Forschung und Forschung als Kunst in Verbindung mit potenziell allen wissenschaftlichen Disziplinen den neuen Auftrieb zu ermöglichen, den wir dringend brauchen. Die bestehenden Bundesfonds Soziokultur oder Darstellende Künste beweisen, dass solch eine Einrichtung formal möglich ist.   

Myriam Holme | bildende Künstlerin und mit Philipp Morlock Initiatorin und künstlerische Leitung von Einraumhaus c/o und barac_Kunst_Labor_Soziales | Mannheim                                                       

Die Welt ist eine andere als sie vor der Pandemie war und so stellen sich die Fragen zu Autonomie und Heteronomie neu. Die Gesellschaft braucht Orte der Autonomie, aber mit Blick auf Inhalt, Verfahren und Methoden gleichsam Orte der Heteronomie. Im Hinblick auf eine digitalisierte, globalisierte Welt stellt sich die Frage inwiefern man, um produktiv, innovativ, nachhaltig und kreativ bleiben zu können, eine autonome Zone braucht, um das Arbeiten an und mit einem WIR zu definieren. Grenzen und Ränder durchlässig machen und nicht ausfransen lassen. Diese großen Aufgaben sind nur anzufangen, wenn das Thema der Nachhaltigkeit auch in Förderstrukturen fest verankert wird und Konzepte (eben nicht Projekte) als langfristig soziales und künstlerisches Engagement gefördert und unterstützt werden. Das Ziel sollte sein "wildes Wissen" zu ermöglichen. Wissen, das in freien aber eben auch unwahrscheinlichen Konstellationen des Interdisziplinären neue Wege finden kann, denn es wird als ein gemeinschaftlicher Prozess gelesen, der das Tun anfeuert und so Zukunft gestaltet. Der FÄN ist eine notwendige Forderung nach langfristigen Förder- und Denkstrukturen, die ein gesellschaftliches Handeln erst ermöglichen und ein "Neues" entstehen lassen kann.

Christoph Sieber | Kabarettist | Köln

Wir leben in Zeiten großer Unsicherheiten. Nicht nur die Corona-Pandemie und die drohende Klimakatastrophe, sondern vor allem auch die gesellschaftliche Spaltung in Gewinner und Verlierer zehren an der Hoffnung auf eine gute Zukunft. Immer deutlicher wird, dass es unsere Kinder einmal nicht besser haben werden als wir. Und die Politik gibt keinen Anlass zuversichtlich zu sein, dass sich daran etwas ändert. Die Politik hat sich darin verloren, das Machbare als das einzig Denkbare anzusehen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Künstler:innen ihre Stimme erheben. Denn sie waren es, die immer wieder das Unmögliche denkbar gemacht haben. Gerade die Spinner, die Verrückten, die Unangepassten waren es, die die bürgerliche Mitte aus der Reserve gelockt und die Reformen möglich gemacht haben. Kunst macht die Welt nicht besser, aber sie hält die Vision von einer besseren Welt aufrecht. Deshalb unterstütze ich die Idee eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit.

Sven Hartlep | Konzeptentwickler Kurator Schauspieler Regisseur | Halle

Um nachhaltige Denk-, Handlungs- und Verhaltensweise zu gewähren, braucht es Zeit und Möglichkeiten, um Innezuhalten, braucht es wesentliche Teile der Bevölkerung, braucht es Planungssicherheit zum Gestalten, braucht es neue Anstöße zum Denken, braucht es Freiheit, Lust und Weitsicht zum Diskutieren und Forschen, braucht es Kapazitäten für ein Zukunftslabor, braucht es einen interdisziplinären Austausch zwischen Kultur und Wissenschaft, braucht es jetzt vor allem den FONDS ÄSTHETIK UND NACHHALTIGKEIT.

Moritz Rinke | Dramatiker und Romanautor | Berlin
Vor kurzem fuhr ich am Palast von Recep Tayyip Erdogan in Ankara vorbei. Es gibt 1000 Zimmer auf 40.000 Quadratmeter der Palast wird von zwei Personen bewohnt, von Erdogan selbst und seiner Frau. Man hat sich in der türkischen Öffentlichkeit immer gefragt, was denn aus dem Palast werde, wenn Erdogan irgendwann einmal nicht mehr regiere oder lebe, (wobei ich mir vorstellen könnte, dass es in der Türkei bald bestimmt auch ein Gesetz geben wird, dass es verbietet, dass Erdogan nicht mehr regiert oder stirbt ...) Man schlug vor, die Universität Ankara könnte einziehen, aber die winkte ab, allein die Stromkosten seien so hoch, dass sie die Lehrkräfte nicht mehr bezahlen könnten, dann würde im Palast nur das Licht brennen, mehr nicht. Immer, wenn ich in Ankara bin und der Palast am Abend so voll erleuchtet und bestimmt auch gut klimatisiert dasteht, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge das neue "Museum des 20. Jahrhunderts" in Berlin, das 2026 fertiggestellt werden soll.
Jährlich mehrere Millionen Euro Betriebskosten soll es verschlingen, wie der Bundesrechnungshof kritisierte. "Ein bauphysikalischer Alptraum", "eine Energieschleuder" sagen Forscher, die Konzepte für "grüne Museen" entwickeln. Ein Satteldach, das sich nicht für Solarpaneele eignet; ein Gebäude ohne Wände, das einem Treibhaus gleiche und eine aufwendige Klimatisierung zur Erhaltung der Kunstwerke benötige. In Ankara stelle ich mir immer vor, dass die aufwendige Klimatisierung von Kunstwerken bestimmt schöner und sinnvoller ist, als die millionenschwere Klimatisierung der Erdogans. Aber Deutschland hat gerade eine Klimaregierung gewählt, die will sogar einen 'Green Culture Desk' einrichten – wie kann man dann in Berlin noch so ein Museum bauen?  Man rechne im Jahr mit 450 Kilowattstunden pro Quadratmeter Energieverbrauch, das wären dann wahnsinnigerweise viermal so viel wie bei Schinkels Museum aus dem 19. Jahrhundert! Schon jetzt liegt der Energieverbrauch bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bei etwa 70 Millionen Kilowatt-Stunden, das entspricht 30 000 Tonnen CO2 beziehungsweise 120 000 Flügen zwischen Zürich und London oder 150 Millionen gefahrenen Autobahnkilometern. Pro Jahr ...
Die Stiftung ist der Bauherr, aber die Einschätzung, das Museum sei ein "bauphysikalischer Alptraum", die kommt vom Leiter des Rathgen-Forschungslabors, das wiederum zur Stiftung gehört. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist also Bauherr eines Museums, das sie selbst für einen bauphysikalischen Alptraum hält? Wenn dieser Planet wegen des Klimawandels in hundert Jahren vielleicht nicht mehr von Menschen bevölkert werden kann, wer bedient dann eigentlich die Klimaanlagen in diesem Museum? Franz Kafka? Eigentlich müsste man mit Pauken und Trompeten jetzt zu diesem Museum ziehen. Genauso unabweisbar ist, dass wir einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit brauchen, um mit ausreichend Zeit, Antworten in einem neuen gemeinsamen mit den Wissenschaften zu finden und Alternativen zu erfinden, nicht nur im Denken, sondern auch dort, wo Entscheidungen, offenbar immer noch ohne Nachhaltigkeitswissenschaften, getroffen werden.

Sarah Lesch | Liedermacherin | Leipzig

In der Corona-Pandemie wurden Kunst- und Kulturschaffende abgeschrieben als unwirtschaftlich und systemirrelevant. Dabei sind es gerade Musik, Kunst, Film, die Menschen in Krisen durchhalten lassen, wo sie Halt finden. Die Stipendien- und Förderprogramme des Staates waren dabei ein erster finanzieller Anker. Doch das Konzept "Erschaffe ein innovatives Projekt, dann noch eines, überbiete andere, überbiete dich selbst, erschaffe etwas, was noch nie da war, immer und immer wieder – dann kriegst du Geld" kann keine Arbeits- und Existenzgrundlage für Künstler*innen bieten. Vor allem keine Grundlage für ergebnisoffenes Experimentieren und Kreativsein. Kapitalistische Strukturen kotzen mich an. Sie sind aus einem patriarchalen Machtsystem entstanden, in dem ich nicht mehr leben möchte. Es geht immer um ein Mehr. Mehr Reichweite, mehr Inhalt, kürzere Songs, mehr Kreativität, bessere Kreativität, maßloses Wachstum. Dieses System funktioniert nicht. Das zeigt eindeutig die Klimakrise, mit der wir uns unaufhaltsam auf den Abgrund zubewegen, uns selbst zerstören. Unsere Wegwerfgesellschaft produziert ständig Überfluss und nutzt bereits vorhandene Potenziale nicht. Deshalb unterstütze ich den Vorschlag des FÄN, mit künstlerischen Ressourcen sparsamer umzugehen. Über neue Fördersysteme auf Wiederaufführungen und künstlerische Langzeitprojekte zu setzen. Noch besser wäre es jedoch, bereits bestehende Förderinstrumente konsequent auf Nachhaltigkeit umzukrempeln. Um am Beispiel der Kultur das System umzudenken und Strukturen zu schaffen, die auf nachhaltigen Kreislaufprozessen basieren. Wo Ressourcen gespart und wiederverwendet werden.

erwin GeheimRat | digitaler Konzeptkünstler | unterwegs
Die Autor:innen des deutschen Grundgesetzes waren konzeptionell bereits einen Schritt weiter, als die Förderlandschaft im Bund und bei den Ländern es vermuten lässt. Mit Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG haben sie wohl nicht ohne Grund Kunst, Wissenschaft und Forschung mit einem identischen Freiheitsrecht ausgestattet, das übrigens nach Einordnungen des Bundesverfassungsgerichts nicht durch Einfachgesetze eingeschränkt werden darf. Es ist insofern konsequent, sich bei der Bewältigung der großen Aufgaben unserer Zeit der Ressourcen dieser drei Disziplinen auch im Verbund zu versichern. Hier kann der Begriff der Ästhetik, der im Zusammenhang noch einflussreicher Theorien verfassungsproblematisch* und somit belastet ist, in seiner Ausgangsformierung nach Alexander Gottlieb Baumgarten einen möglicherweise geeigneten Brückenschlag bilden. *Plädoyer für eine grundrechtskonforme Auslegung der Kunstfreiheit und des Kunstbegriffes, 2020

Lena Fließbach | Kuratorin und Autorin | Berlin
 Eine nachhaltige Zukunft bedarf eines grundlegenden Umdenkens und einer strukturellen Transformation. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN macht das interdisziplinäre Forschen möglich, das für eine solche Transformation notwendig ist. Ein FÄN ermöglicht, gemeinsam ins Handeln zu kommen und innovative Ansätze unabhängig von Disziplinen zu fördern. Für unsere Ausstellung "Zero Waste-Kunst und Wissen" im Museum der bildenden Künste Leipzig (2020) haben wir die gesamte Produktion in Bezug auf Nachhaltigkeit hinterfragt und den ökologischen Fußabdruck der Ausstellung transparent gemacht. Aus dieser Erfahrung kann ich sagen, dass die Künste sowie künstlerisch-wissenschaftliche Kooperationen es vermögen, sehr viele Menschen zu erreichen sowie zum Handeln zu bewegen. Um solche Initiativen zu ermöglichen, ist es jedoch notwendig, Forschungsprojekte und Zusammenschlüsse zu fördern, die sowohl wissenschaftliche und künstlerische Perspektiven, als auch die Erfahrungen von Nachhaltigkeitsinitiativen umfassen. Nicht nur um interdisziplinäre Forschung, sondern vor allem auch langfristige Kooperationen zu ermöglichen, braucht es einen FÄN. Kunst und Wissenschaften befruchten sich nicht nur gegenseitig, gemeinsam können sie Katalysator für gesellschaftliche Veränderungen sein.

Silvana Mammone | Multimediale Künstlerin | kooperiert z.Z.mit den Botanischen Gärten der Universitäten Bonn und Bochum
Häufig habe ich mit WissenschaftlerInnen gesprochen, die sich, ähnlich wie ich im Produktionsdruck der Künste, in den bestehenden Forschungs-Strukturen der Wissenschaft eingeschränkt fühlten. Ich bin Künstlerin geworden, um für immer zu lernen, um die Welt immer wieder neu zu entdecken und aus neuen Perspektiven zu betrachten, und um diesen Prozess schließlich mit anderen Menschen zu teilen. Die Vision eines FÄN begeistert mich! Ich stelle mir vor, wie er neue Räume schafft, in denen das Forschende in den Künsten und das Kreative in den Wissenschaften gefördert werden. Wie er Nährboden für das gemeinsame, stets neugierige Erkenntnisinteresse Beider ist. Wie Kunst und Wissenschaft ihre Einflussbereiche teilen, sodass sie sich gemeinsam in neue Sphären der Gesellschaft und Politik ausdehnen. Wie wir gemeinsam die gezwungene "Produktion" von Kunst in eine Entstehung und ein großzügiges sowie innovatives Teilen von Kunst verwandeln. Und dann lasst uns zusammen spielen! Es geht nicht nur darum, ein Problem zu lösen oder die Welt zu retten. Es geht auch darum, der Welt Hand in Hand und voller Begeisterung und Demut zu begegnen. Nur dann entsteht Veränderung auch von Innen heraus, ganzheitlich und ansteckend. Ich glaube, eine Überbrückung der disziplinären Grenzen, sowohl in den Wissenschaften und Künsten selbst, als auch zwischen ihnen, ist ein, wenn nicht der Schlüssel dazu. Nicht zuletzt begeistert mich der Gedanke an den FÄN als ein Netzwerk und eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stärkt und inspiriert.

Dr. h.c. Kristin Feireiss | Gründerin und Direktorin AEDES Galerie und Campus | Berlin 

Es ist ja mittlerweile allgemein bekannt: wir müssen neue, andere, ungewöhnliche Wege gehen, wenn wir ein würdiges und klimaverträgliches Leben für Alle auf der Erde im Einklang zwischen Mensch und Natur erreichen wollen. Dafür sollten wir alle schöpferischen Kräfte bündeln, die ein gemeinsames Forschen ermöglichen. Dafür scheint mir der FÄN ein notwendiges, ja überfälliges Instrument zu sein.

Thorsten Schlenger | Theaterregisseur | künstlerischer Leiter Theater unterm Dach | Berlin

Seit vielen Jahren leidet die Freie Szene unter einem Fördersystem, dass Künstler:innen in die Überproduktion und den Überbietungswettbewerb wirkungsloser Konzeptionsarbeit treibt. Die Förder- und Produktionsbedingungen in ihrer prekären, selbstausbeuterischen Form müssen endlich überwunden werden, denn sie führen in die Entfremdung der Künstler:innen von ihrem Publikum und ihrer Kunst. Dass die Vision des FÄN im Einklang mit den Forderungen der Freien Szene steht, liegt auf der Hand. Der Wunsch langlebige Formate zu entwickeln und jenseits von starren Genre-grenzen künstlerisch zu forschen, ist seit langem eine zentrale Forderung der Szene. Unser Beitrag als Künstler:innen ist es glokal, im Schulterschluss und in Vielfalt, andere Narrative zu erfinden, die uns auf dem Weg der notwendigen Transformationen hin zu einer nachhaltigen, freien und solidarischen Gesellschaftsform reflektieren. Jeder Kulturort, der sich als safe space für diese Entwicklung positioniert, schafft wie auch der FÄN eine notwendige Grundlage für eine Ästhetik der Nachhaltigkeit.


Dr. Bettina Knaup | freie Kuratorin und Autorin | arbeitet zur Zeit an einem (un)möglichen Residenz- und Kooperationsprojekt zwischen Müllinfrastrukturen und Kunstinstitutionen | Berlin

Das Feld künstlerischer Forschung und Produktion ist prädestiniert, um in Zeiten fundamentaler ökologischer und gesellschaftlicher Krisen den notwendigen Raum für kreatives Denken und experimentelles Handeln auszuloten. Künstler*innen erforschen seit Jahrzehnten ein anderes, nicht-anthropozentrisches Verhältnis zur Natur, sie experimentieren mit einem alternativen Materialwissen, oder erforschen Formen der Ko-habitation an den Rändern des Wissens angesichts schwer kalkulierbarer Veränderungsprozesse. Nicht zufällig beziehen sich daher auch viele Wissenschaftler*innen, die mit diesen Fragen befasst sind, immer wieder auf Künstler*innen als Inspirationsquelle, so zum Beispiel Donna Haraway, Bruno Latour, Jennifer Gabrys und viele andere. Die gängige Förderlogik und Produktionspraxis steht jedoch häufig einer wirklichen Wertschätzung des in den Künsten generierten Wissens und ihrer Methoden entgegen. Dies liegt nicht zuletzt an der Produkt- und Wachstumsorientierung oder auch zeitlichen Taktung vieler Förderprogramme, sowie der Orientierung an Genres und Disziplinen: ein förderwürdiges Projekt muss neu sein, darf noch nicht begonnen haben, muss dann aber auch in kurz getakteten Zeiträumen realisiert und beendet werden. Auch eine oft quantitativ ausgerichteten Evaluationslogik fördert die Produktion des immer Neuen in kurzen Abständen. Für langwierige, ergebnisoffene, sich langsam entfaltende Forschungsprozesse, für komplizierte fach- oder gar sektor-übergreifende Kooperationen und Methodentransfers, für Post-produktion, Nach-sorge, das Weiter-leben oder auch nur das angemessene Anhalten oder Beenden gibt es nur selten Geld und Zeit. Umso wichtiger sind neue Instrumente wie der Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit FÄN, der eben nicht nur kurzfristig ein Trendthema fördern, sondern strukturell andere Bedingungen erschaffen möchte, um das kritische künstlerische Potential für eine ökologische Transformation nicht nur kurzfristig sichtbar zu machen, sondern vor allem auch langfristig zu ermöglichen. Eine der vielen Künstler*innen die sich seit Jahrzehnten in engem Austausch mit Wissenschaftler*innen, Ingenieur*innen und Arbeiter*innen für eine ökologische Transformation einsetzt ist Mierle Laderman Ukeles. Sie hat schon 1969 den Begriff der Maintenance Art geprägt und war mehr als 40 Jahre artist in residence bei der New Yorker Müllabfuhr. Ihre Kooperationsanfragen an Vertreter*innen unterschiedlichster Industrien, Verwaltungen, Institutionen schloss sie häufig mit folgendem Satz, dem ich mich anschließen möchte: "I truly hope we can work something out – it’s so difficult when things are impossible! "

Ina Neubert | multimediale Künstlerin | Betreiberin der Keimzelle »die-box« | Berlin 

Das Spartendenken vereinsamt, isoliert und schränkt die Disziplinen ein. Erfolge werden errungen, aber in der Windstille des jeweiligen Elfenbeinturms fehlen die guten Fragen und Anregungen, die Herausforderungen und das andere Denken, das nicht nur den Markt füttert, sondern die Idee stärkt. Hierarchien zu ebenen, Ressourcen zu verknüpfen und das Wagnis des anderen Denkens einzugehen, es einzubeziehen in den Prozess, erlebe ich als Bedürfnis sowohl von Künstler*innen als auch von Wissenschaftler*innen. Wir wollen einander WAHRnehmen. Die trennende Einschränkung, dass die wissenschaftliche Methode nicht mit dem künstlerisch, kreativen Prozess vereinbar seien, ist gar nicht richtig. Im Gegenteil, wir profitieren von einander und die unterschiedlichen Denkweisen öffnen – besser als Johann Sebastian Bach hat das noch keiner zusammengefasst – Herz und Mund und Tat und Leben emotional, strukturell, menschlich, sinnlich. Nicht entweder Wissenschaft, oder Kunst, sondern und und und. Kunst und Wissenschaft gehören an einen Tisch. An den Wohnzimmertisch, den Küchentisch,  den Kantinentisch. Die Zurückverbindung von Kunst und Wissenschaft, ihre Fusion gelingt besonders gut in der Breite, im Keim, im Volk. Die trennenden Einschränkung aus der Schule MINT oder Kunst/Musik behindern das gemeinsame Denken und Fortschreiten – persönlich, gesellschaftlich und global. 



STIMMEN AUS WISSENSCHAFT UND NACHHALTIGKEIT UND DEM DAZWISCHEN

Prof. Dr. Klaus Töpfer | in Folge Umwelt- u. Bauminister a.D | Exekutivdirektor der UNEP | Gründungsdirektor IASS
Die ästhetische Dimension, also der Bereich von Ein- und Ausdruck, ist für den Einzelnen zentral, um sich in einer Gesellschaft zu situieren – sei es in der Abgrenzung, in der Zugehörigkeit, im Protest oder in der Teilhabe. Die Vielfalt von Eindruck und Ausdruck, die Vielfalt des symbolischen Raums unserer kulturellen Praktiken, wird von den Anforderungen großer gesellschaftlicher Teilsysteme wie Wirtschaft oder Politik oft an den Rand gedrückt oder zum Schweigen gebracht. Damit verstopfen wir nicht nur Quellen der Erneuerungskraft und des Lernens, derer wir im Zuge der vor uns liegenden Umbrüche dringend bedürfen. Wir bringen uns vielleicht auch um einen der wichtigsten, die gesellschaftlichen Teilbereiche übergreifenden Kommunikations- und Kooperationsraum. Gerade Kunst, so einsam sie bisweilen entsteht, ist oftmals ein Bezugspunkt für gemeinschaftlichen Diskurs, der wiederum gemeinschaftliches Handeln erst ermöglicht. Sie mit den Anliegen des Respekts vor planetaren Grenzen, der Gerechtigkeit und der Rücksichtnahme aufkommendes Menschheitsleben – mit denen sie es von Hause aus sowieso oft zu tun hat –, kurz: mit Nachhaltigkeit systematisch in Verbindung zu bringen: dies halte ich für eine sehr gute Idee. Eine entsprechende Förderstruktur, wie im FÄN anvisiert, würde diesen Anliegen ganz sicher zu größerer gesellschaftlicher Resonanz verhelfen.
 

Prof. Dr. Patrizia Nanz | ehem. Wissenschaftliche Direktorin IASS | jetzt Vizepräsidentin Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung | Berlin 

Auf "das Jahr der Nachhaltigkeit 2015" mit dem Pariser Klimaabkommen und der Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDGs) – beides zusammen ein greifbar werdender globaler "Gesellschaftsvertrag" für und in Nachhaltigkeit – folgen im Jahr darauf der Realitätscheck und Ernüchterungen in vermeintlich gleicher Intensität. Populismus und das Postfaktische, um die Problembeschreibung oberhalb der Einzelphänomene anzusiedeln, sind fundamentale Herausforderungen für jede Nachhaltigkeitsagenda. Nachhaltigkeit ist eine Agenda des Wandels – und sie trägt damit immer Verpflichtung auf eine zumindest teilweise offene Zukunft an uns heran, die keine einfachen Rezepte zulässt. Und sie muss wissensbasiert sein, weil sie im komplexen Abwägen, Verwerfen, Neu-Denken die treffende Problembeschreibung (kollektiv) herausschält und Lösungsangebote (nur kollektiv) erarbeiten muss. Jetzt muss und wird sich zeigen, ob der Erfolg der Nachhaltigkeitspolitik der vergangenen circa 30 Jahre tatsächlich belegen kann, dass sie keine Schönwetter- und auch keine rein normative Politik ist. Nachhaltigkeit schafft Handlungs-optionen: ökonomisch, soziale und sie fußt auf einer ökologischen Basis, die sich immer mehr in eine quasi "Ich-und-Du-Beziehung" mit uns Menschen transformiert. Weil aber auch die bestmögliche Nachhaltigkeitspolitik und -wissenschaft nicht alle “Sprachen“ sprechen kann – müssen sie doch entscheiden und verdichten, für einen nicht zur Gänze dem Lauf der Dinge anheim stellbaren Wandel hin zur Nachhaltigkeit allemal –, müssen diese Protagonisten der Nachhaltigkeitsagenda aus sich heraus Kooperationen mit weiteren Sinn- und Bedeutungszusammenhänge stiftenden und herausfordernden Partnern öffnen. 
Der Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit wäre eine herausragende und weit vorausdenkende Einrichtung, um Chancen zu erschließen, um sprechfähig(er) zu werden, wo uns die Sprache versagt und | oder in einem eingeengten Sprachhorizont von Analyse und Umsetzung nicht verfügbar ist. Ein solcher Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit“ scheint mir aber noch eine weitere ganz wesentliche Versicherung auf die Zukunft in sich zu bergen: in ihren auf Diversität und bisweilen Unvergleichbarkeit beruhenden universalistischen Dimensionen kann Ästhetik im interkulturellen Zusammenspiel uns aus dem sogenannten "Westen" auch dabei helfen, die universelle Reichweite von Nachhaltigkeit zu erfahren. Sie kann jene Beiträge zur Nachhaltigkeitsagenda gleichsam ex nihilo erschaffen, deren bisherige Nichterschließung durch unsere mehr oder weniger erfolgreiche Nachhaltigkeitspolitik und -wissenschaft uns den Ausgang aus unseren eigenen Denk- und Handlungsblockaden (noch) nicht finden lässt. 


Davide Brocchi | Soziologe und Transformationsmanager | Initiator "Tag des guten Lebens" | Köln

Heute leben wir in einer Zeit der "multiplen Krise" [Ulrich Brand]: Klimakrise, Finanzkrise, Krise der Demokratie, Flüchtlingskrise… Und das Konzept der Nachhaltigkeit ist ursprünglich ein "Kind der Krise" Nachhaltigkeit bedeutet zuerst die Kompetenz, Krisen handzuhaben, vorzubeugen oder erfolgreich zu überwinden - die Krisen als Chance zu nutzen. In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit ein Synonym von Resilienz, das heißt von Krisenresistenz und Widerstandsfähigkeit.
Welche Rolle kann dabei die Ästhetik spielen? Der Begriff kommt aus dem altgriechischen aísthēsis, das "Wahrnehmung", "Empfindung" bedeutet. Der Philosoph Wolfgang Welsch setzt diesem Begriff jenen der "Anästhetik" entgegen, der nicht zufällig wie Anästhesie klingt: Dabei wird die sinnliche Wahrnehmung abgeschaltet und die Empfindsamkeit gegenüber der Umwelt geht verloren, unter anderem um sich vor der Erfahrung des "Schmerzes" zu schützen. Wir können Krisen als Ergebnis eines gesellschaftlichen "anästhetischen Zustandes" verstehen: Wenn wir unsere ökologische, soziale und innere "Umwelt" nicht mehr wahrnehmen, weil wir zum Beispiel wie Autisten an mathematischen Wirtschaftsmodellen und Dogmen wie Wirtschaftswachstum festhalten, an alten Überzeugungen, Privilegien und Gewohnheiten, dann kommt es zur Krise. Nicht nur die freie Kunst, sondern auch eine freie kritische Presse und eine kritische Wissenschaft sind mit einem gesellschaftlichen Sinnenorgan vergleichbar. Sie helfen uns, den Kontakt zur "Wirklichkeit" aufrechtzuerhalten und damit schwere Krisen vorzubeugen. Gerade in solchen Zeiten brauchen wir deshalb ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit: Um gesunde gesellschaftliche Sinnorgane zu fördern, die die sichtbare wie unsichtbare Mauern der Wohlstandsinseln durchlöchern und unsere Wahrnehmungshorizonten erweitern. Je breiter die Wahrnehmungshorizonten sind, desto nachhaltiger die Entscheidungen einer Gesellschaft. 

Prof. Dr. Reinhard Loske | Professor für Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung Institut für Ökonomie | Präsident Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues  

Die Nachhaltigkeitsdebatte krankt oft daran, dass sie entweder abstrakt bleibt oder im bloßen Empirismus landet, wo es von Reduktionszielen und Effizienzindikatoren nur so wimmelt. Es geht aber nicht nur um Zahlen, sondern vor allem um ein Lebensgefühl, in dem Ethik und Ästhetik eine ebenso große Rolle spielen wie Politik und Technologie.

Prof. Dr. Gesine Schwan | Vorsitzende Sustainable Development Solutions Network Germany 

Nachhaltigkeit braucht Dialog und Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Partnern in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Kunst und Wissenschaft können und müssen sich dabei in selbstverändernder Weise einbringen – mit Empathie zuhörend und gleichzeitig emphatisch engagiert. Arbeit an Schnittstellen ist ohne Mittel und Experimentierräume kaum möglich. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte hier eine Bresche schlagen, wäre eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Eine Investition, die sich auszahlen wird.


Adolf Kloke-Lesch | Sustainable Development Solutions Network Germany | SDSN Germany 
Nachhaltigkeit kann immer nur nachhaltige Entwicklung sein, auf Zukunft gerichtete Bewegung und Begegnung der Einzelnen wie der Gesellschaften in der Welt: Sehnsüchtig zweifelnd, Grenzen erfahrend handelnd. Kaum vorstellbar, dass dies ohne eine Ästhetik nachhaltiger Entwicklung gelingen könnte. Eine Ästhetik, in der sich die Vielen lebendig und lebensfroh, demokratisch und streitend ausdrücken und erkennen. Eine Ästhetik, in der sich Gesellschaft, Wissenschaft und Politik und die Grenzen unseres Planeten begegnen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit hierfür bald Räume, Möglichkeiten und Vernetzungen schaffen könnte.

Prof. Dr. Dirk Messner | Präsident des Umweltbundesamtes | Dessau

Die Transformation zur Nachhaltigkeit ist ein vielschichtiger Veränderungsprozess. Wohlstand, das gute Leben aller Menschen, Lebensqualität müssen vom Verbrauch nicht-erneuerbarer Umweltressourcen und der Belastung und Überforderung von Ökosystemen entkoppelt werden. Im Anthropozän müssen wir als Menschen "Erdsystemverantwortung" übernehmen und erlernen. Damit das gelingt, müssen technische Infrastrukturen umgebaut und zukunftstaugliche technologische Innovationen vorangebracht werden.
Städte, Mobilität, Industrien, Energiesysteme gilt es neu zu erfinden. Investitionsströme müssen darauf ausgerichtet, Anreizsysteme umgebaut, Geschäftsmodelle rekonfiguriert, Studiengänge und Ausbildungen angepasst werden. Doch der Übergang zur Nachhaltigkeit, zu Entwicklungspfaden für bald 10 Milliarden Menschen in den Grenzen des Planeten, ist vor allem auch eine kulturell-zivilisatorische Herausforderung. Nachhaltigkeitsveränderungen sind auf kognitive Perspektivwechsel, normative Revolutionen, neue Weltbilder, weltumspannende Empathiefähigkeit und Kooperationsnetzwerke, Kreativität, Imagination, Zukunftszuversicht und Irritationen unserer etablierten Gewissheiten und Gewohnheiten angewiesen. "Follow the Science" wird da nicht ausreichen – Kunst und Kultur erschließt menschliche Potenziale, die über unsere kognitiven Fähigkeiten hinausgehen. Wissenschaft, Kultur, Kunst können sich ergänzen, herausfordern, unsere Veränderungspotenziale multiplizieren. In der Corona-Krise wird von Vielen eine Neuorientierung eingefordert: "Build back better". Damit sind wirtschaftliche Strukturveränderungen und Investitionsströme angesprochen. Aber, was oft vergessen wird, auch eine Ästhetik der Nachhaltigkeit, kulturelle Innovationen als Impulse für eine Erneuerung unserer Lebensgrundlagen, die Diversität und Kreativität, die aus den vielfältigen Kulturen der Welt emergiert.

Prof. Dr. Peter Adolphi | Geschäftsführer Akademie für nachhaltige Entwicklung a.D. | ANE Mecklenburg-Vorpommern

Solch ein Fonds ist überfällig! Der Nachhaltigkeitsdiskurs befindet sich in einer Sackgasse. Das rührt zum einen aus nach wie vor vorwiegend disziplinären Antworten auf komplexe Fragen, die folglich weder die innewohnende Unsicherheit noch die Ambivalenz hinreichend spiegeln. Zum anderen führt die kulturell verankerte Praxis der Kompromissfindung zu immer weiter steigendem Ressourcenverbrauch. Es ist also von zentraler Bedeutung, unsere gesellschaftliche Fragestellung so zu verändern, dass Antworten außerhalb der Sackgassen gefunden und auch gesellschaftlich akzeptiert werden können. Hierfür ist Nähe unerlässlich – Nähe zwischen individuell Erlebbarem und als abstrakt empfundener Gefahr. Solche Nähe erfordert eine umfassende Sensibilisierung. Die weitere Steigerung der allein wissensbasierten Szenarien scheint das Gegenteil davon zu bewirken, forciert eher die Flucht in die Trivialisierung. Insofern sehen wir den FÄN als geeignetes und zugleich wichtiges Instrument an, ein verbessertes Zusammenwirken von künstlerischen und wissenschaftlichen Sichten zu ermöglichen, um damit unser Bild von Nachhaltigkeit zu schärfen und gleichzeitig sehr viel mehr Menschen für diesen Anspruch zu gewinnen. Mit seiner Hilfe kann es gelingen, die gebotene Ungeduld mit Empathie getragener Ausdauer und Zuversicht zu verknüpfen, um hieraus tatsächlich Nachhaltiges zu erzeugen. In diesem Sinne möchte ich mich für Ihre Initiative bedanken und sichere Ihnen unsere Unterstützung zu.

Prof. Dr. Maja Göpel | Politökonomin Transformationsforscherin | Autorin | Berlin u.a.

Über 40 Jahre lief der Streit, ob wir nun Grenzen des Wachstums erleben werden oder nicht. Vertreter dieser Meinung wurden zu detaillierter Beweisführung angehalten und daraufhin wurde ihnen häufig Alarmismus oder Fortschrittszweifel vorgeworfen. Lösungen für mehr Wohlstand bei weniger Ressourcenverbrauch wurden primär innerhalb der Pfadabhängigkeiten des ökonomisch-technokratischen Paradigmas der Moderne gedacht und umgesetzt. Heute sind wir an dem Punkt, an dem die Hegemonie dieses Paradigmas in eindrucksvoller Weise implodiert und nicht nur die Prognosen der Computermodelle, sondern auch die direkte Wahrnehmung der Menschen in breiten Teilen der Gesellschaft ein "Weiter So" ignorant oder verzweifelt wirken lassen. An den primär populistischen Reaktionen auf diesen Vertrauensverlust bemerken wir nun schmerzlich, dass der Streit auf Ebene der Beweisführung so viel Energie gebunden hat, dass wenig dafür übrig war, den Imaginationsraum der möglichen Zukünfte über die Pfadabhängigkeiten hinaus aufzuspannen. Außerhalb der Box denken sollte dennoch zu Innovationen für die Box führen. Heute ist vielen klar: wir müssen die Box ändern. Ein formidabler Suchprozess, in dem Ästhetik einen Raum jenseits relativer Zahlen und konnotierter Worte bietet und damit Formen der (Rück)Besinnung und Verständnis ermöglicht, die Loslassen nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Befreiung erforschbar machen. 


Prof. Dr. Reinhold Leinfelder | AG Geobiologe und Anthropozänforschung | senior lecturer im Weiterbildungsmasterstudiengang Zukunftsforschung der FU Berlin | Gründungsdirektor Haus der Zukunft | Futurium Berlin

Unser täglicher Zugang zu dieser Welt läuft multimodal ab: Wissen, Emotionen, Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen werden nur zum Teil über Texte (Zeitungen, Bücher, wissenschaftliche Artikel), vor allem aber über audiovisuelle Zugänge aufgenommen bzw. generiert. Non-lineare, multimodale ästhetische Zugänge, wie Ausstellungen und andere vielfältige Kunstformen bis hin zu Wissenscomics stimulieren dabei nach-weisbar Reflexion und Diskurs zu Wissen und Emotionen, indem sie komplexes Denken, Visionsvermögen und im besten Falle auch eine Verbesserung der Urteilskraft einüben und damit unterstützen. In den Zeiten des Anthropozäns sollte Nachhaltigkeit mit neuen Narrativen und neuen Konzepten gedacht werden. Um vom heutigen konsum- und profitbasierten parasitären zu einem symbiotischen Verhalten der Menschen im Erdsystem zu kommen, ist es notwendig diese unsere Welt als das zu begreifen, was sie ist: eine Stiftung, von dessen Überschusserträgen die Menschheit gut, fair und generationengerecht leben kann, sofern sie das Stiftungskapital dabei unberührt lässt. Um eine anthropozäne Welt in diesem Sinne nachhaltig zu machen, muss diese Welt gleichermaßen ästhetisch sein, also so gestaltet werden, dass wir sie lieben können, gerne in und mit ihr leben und sie als unsere gemeinsame Heimat erkennen. Was könnte den Weg dorthin besser unterstützen, als eine Stiftung zur Ästhetik und Nachhaltigkeit, in der sich die Wissenschaften der Kunst und Ästhetik nicht nur als Vermittlungswerkzeug bedienen und sich umgekehrt die Künste nicht nur als Mahner, Katastrophen-visualisierer und ggf. auch Wissenschaftskritiker verstehen, sondern tatsächlich gemeinsam, also nicht nur multidisziplinär, sondern inter- und transdisziplinär zusammen-arbeiten. Wissenschaften, Kunst und Zivilgesellschaft können so verschiedene transformative Wege in ein ästhetisches und nachhaltiges Anthropozän konzipieren, diskutieren, visualisieren und auch exemplarisch ausprobieren, damit wir zunehmend verinnerlichen, mit dieser Welt achtsam umzugehen.

Dr. Nana Karlstetter | Ökonomin, Projektentwicklung Freie Software, Nachhaltigkeit | Brandenburg

Kunst ist die einzige Branche, deren hauptberuflicher Zweck es erlaubt im vollkommenen Freiraum zu erfinden und gestal-ten. Damit schafft sie unersetzbar wichtiges Wissen, von dem andere gesellschaftliche Bereiche und Prozesse profitieren. Darum kann Kunst nie unpolitisch sein. Wir brauchen Menschen, die sich trauen, hinzusehen. Wir als Menschheit brauchen den Grips und den Mut aus möglichst allen Bereichen, um das Blatt auf eine friedliche und gerechte Weise zu wenden. Und zwar brauchen wir dafür Kreativität, schnell, viel. Denn das Problem ist alles andere als trivial, weder was die heranrollenden biophysikalischen Katastrophen noch gesellschaftlichen Verwerfungen angeht. Für mich ist die Antwort ganz einfach: fragen wir die, die in diesem Bereich arbeiten: habt ihr genug Geld? Habt ihr genug Sicherheit? Immerhin ist euer Bereich einer der wichtigsten, um wirklich neue funktionierende Ansätze zu entwickeln. Wenn sie antworten, nee, eigentlich brauchen wir noch Geld, kriegen sie mehr Geld.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind | Wirtschaftswissenschaftler | jetzt Oberbürgermeister | Wuppertal

Zu verstehen, dass Kunst mit ihrem kreativen und kritischen Potenzial entscheidend dafür ist, dass Gesellschaften im Wandel aufmerksam bleiben, das ist der Kern einer "Zukunftskunst". Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor; schafft Konzentration auf Nicht-Beachtetes und sie stärkt den Möglichkeitssinn von Gesellschaften. Aber besonders sensibilisiert sie uns dafür, dass am Ende jede und jeder ein(e) "Zukunftskünstler/in" sein kann, die die Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft mit Kreativität und Experimentiermut angeht.

Prof. Dr. Dr. Barbara Adam | Zeitforscherin | Cardiff und Potsdam

 

An ode
to FÄN
 
The arts
are central 
for engagement
with sustainability
issues & climate change
as the Not Yet is invisible and
intangible, thus neither evidence- 
nor fact-based in a conventional sense
When science pronounces on future states
it projects any known past as probable future
through models & calculations, to varying degrees
of certainty thus is vulnerable to surprises and changes
From science the public expects clarity & factual certainty
Art operates in different domains of public expectation
We look to art to question and unsettle, to offer new
perspectives on the status quo, to touch our souls
To achieve key changes necessary for averting
impending  climate  change disasters needs
the coming together of the sciences & arts
to  encourage  collaborations between 
 the most brilliants minds to combine 
both their strengths & persuasive
powers to move mountains for
the collective good of Earth’s
fauna, flora and humanity
now & into open futures
and that needs the FÄN

 

© Barbara Adam, 220121


Prof. Dr. Uta von Winterfeld | Wuppertal Institut | Zukünftige Energie- und Industriesysteme | Wuppertal

Das Diktat der Kosteneffizienz sei dem Gesundheitssystem womöglich doch nicht so gut bekommen und in COVID-19-Zeiten von großem Nachteil, so eine der kritischen Stimmen im ersten Lockdown. Als sei das Gesundheitssystem nicht zukunfts- und schon gar nicht krisenfest, sondern im Gegenteil, selbst verletzlich geworden. Dieses Diktat herrscht auch in der Wissenschaft. Manchmal entsteht der Eindruck, als sollten die Ergebnisse schon vorliegen, bevor überhaupt nachgedacht werden kann. Und dem kritischen Gedanken bekommt mitunter weder der Wettbewerb im Akquise-Geschäft noch das double blind (vom Freud'schen Versprecher des double bind abgesehen findet sich eine nicht überraschende Zahl von Reviewer*innen im Bereich des ökonomischen Mainstreams) sonderlich gut. Wissenschaft tut sich nicht erst im Zeitalter ihrer Refinanzierbarkeit schwer mit 'Ästhetik'. Ja sie ist, sprachlich und künstlerisch, von vornherein nicht so angelegt. Darüber beschwert sich schon der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard in "Der Begriff Angst" 1844: "Daß auch die Wissenschaft ebenso vollständig wie die Poesie und die Kunst Stimmung voraussetzt, sowohl bei dem Produzierenden wie dem Rezipierenden, dass ein Fehler in der Modulation ebenso störend ist wie ein Fehler in der Entwicklung des Gedankens, hat man in unserer Zeit gänzlich vergessen, wo man ganz und gar die Innerlichkeit und die Bestimmung der Aneignung vergessen hat aus Freude über all die Herrlichkeit, die man zu besitzen meinte oder auf die man in seiner Begierde verzichtet hat wie der Hund, der den Schatten vorzog" (Rowohlt Ausgabe 1964, S. 17).
Die Geschichte mit dem Hund ist im Kontext von Nachhaltigkeit und 'Tierwohl' nicht aufrechtzuerhalten. Aber die Geschichte mit der Stimmung kann ein bedeutsamer Anhaltspunkt sein: Wissenschaft und Natur brauchen Atem. Die verwertungsgetriebene Effizienz schadet ihnen nicht nur, sondern bringt Krisen und auch COVID-19 mit hervor. Im empathischen Nachspüren, in der Sensibilität für Atmosphärisches und in einer Sprache, die des ästhetischen Genusses nicht ganz und gar entbehrt, klingt Zukunftsmusik an. Hilfreich wäre womöglich, wenn der kreative Gedanke sich nicht gleich Innovation nennen müsste.

Deutsches Komitee für Nachhaltigkeitsforschung in Future Earth | Hamburg

Globale Nachhaltigkeit ist ein großes Ziel, das ein Umdenken in vielen Bereichen erfordert. Wissenschaft und Kunst waren nie wirklich getrennt. Sie sind zusammen mit der Literatur Teil unserer Kultur, ergänzen sich gegenseitig und könnten durch die Vielzahl der die Gesellschaft betreffenden Fragen im Kontext der globalen Nachhaltigkeit wieder stärker zusammenfinden – zur Schaffung von Aufmerksamkeit, zur Reflexion, für ein Umdenken. Die Ziele des Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit stehen in engem Zusammenhang mit den Zielen des Deutschen Komitees für Nachhaltigkeitsforschung in Future Earth. Forschung im Kontext der globalen Nachhaltigkeit bedeutet: Kooperation zwischen Forschungsorganisationen um Ressourcen effizient einzusetzen, Unterstützung der fächerübergreifenden Forschung (im Dialog mit der Gesellschaft) um mögliche Entwicklungspfade besser zu verstehen, und Internationalisierung, da wir alle auch in den kleinsten Dingen häufig global Handeln – meist unbewusst. Die Kunst als Medium für neue Perspektiven zur Stärkung des Bewusstseins über Herausforderungen national und international, zur Reflexion menschlichen Handelns und für den Ausdruck möglicher Zukünfte ist daher ein spannender Partner der Wissenschaft. Insbesondere mit dem Anspruch ein Umdenken in der Gesellschaft zu bewirken, da ein "weiter wie bisher" nicht im Sinne der globalen Nachhaltigkeit ist. Erste Beispiele diese Verbindung zu stärken finden sich bereits in Aktivitäten zum Thema "Anthropozän", in Kooperationen mit Kunsthochschulen in Verbundforschungsprojekten (z.B. "Future Ocean", IRI THESys), in Projekten wie WissensARTen oder auch im Rahmen von "Future Earth", das verstärkt auf Visualisierung setzt. Auch das "mitmachen" der Zivilgesellschaft findet immer mehr Zuspruch in der Wissenschaft (z.B. "Citizen Science Strategie Deutschland"). Die Schaffung des Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit möchten wir unterstützen, da der Erfolg der SDGs nicht allein durch Erkenntnisgewinn zu erreichen sein wird, sondern die Gesellschaft einen maßgeblichen Beitrag leisten muss. Die engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst liegt daher auf der Hand.

Barbara Unmüßig | Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung 

2015 hat die UNO 17 Nachhaltigkeitsziele benannt, um das Soziale mit Umweltgerechtigkeit zu verknüpfen, in den planetaren Grenzen zu leben und dabei Ungleichheit und Armut zu überwinden. Nachhaltigkeitsziele, Klimaziele: der Mensch ist leider zum zentralen Einflussfaktor des Planeten geworden. Kein Winkel der Erde bleibt von den menschlichen Eingriffen ins Erdsystem verschont. Dreiviertel der eisfreien Erdoberfläche sind von Menschen in irgendeiner Weise beeinflusst. Verschiedene Landnutzungen zerstören großflächig Ökosysteme. Das Klima und der Stickstoffkreislauf haben sich für immer verändert. Bei der Versauerung der Ozeane stehen wir kurz davor, die natürliche Grenze zu überschreiten. Es entstehen irreversible Schäden, die die Bewohnbarkeit der Erde maßgeblich einschränken und verändern. Die Klimakatastrophe ist der mächtigste Ausdruck davon. Die nötige soziale und ökologische Transformation braucht nicht nur radikale Reduktionen von Produktion und Konsum; sie braucht bewusstes Leben und neue Ideen zum gesellschaftlichen Zusammenleben und eine Ästhetik, die emanzipatorisch und befreiend wirkt. Der angedachte Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ist ein Plädoyer dafür, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft in ihrem Forschen und Handeln stärker aufeinander zu beziehen. Er könnte damit ein wichtiger Motor im Transformationsprozess hin zu Kulturen der Nachhaltigkeit werden.

Prof. Dr. Rolf Sachsse | Designgeschichte und Theorie | Kurator und Autor | Bonn

Wer rund vier Jahrzehnte lang Design unterrichtet hat, nutzt die Begriffe Ästhetik und Nachhaltigkeit täglich dutzendfach, und doch fehlt ein Dach für die sehr diversen Anstrengungen, die sich unter diesen Worten versammeln können. Die gesellschaftliche Notwendigkeit ist längst erwiesen, wie kleine Beispiele aus der Praxis belegen mögen: Forschungsinstitute für Nanotechnologie und Künstliche Intelligenz melden sich in der Kunsthochschule, weil sie dringend Designer*innen für ihre eigenen Problemlösungen benötigen – "Wie entwirft man einen Schalter auf Atomgröße?" etwa, oder "Wie platziert man selbstregulierende Sensoren in Abwasser- und Bewässerungssystemen?“ Selbstverständlich müssen industrielle und Outdoor-Textilien, Möbel, auch ganze Häuser so entworfen werden, dass sie sich rückstandsfrei entsorgen lassen; das geht alles über das eher einfache Prinzip des 'cradle to cradle' und seiner Leasing-Ökonomie hinaus. Ebenso wenig, wie Kunst sich allein im Schaffen von objekthaften Werken realisiert, ist Design das Aufhübschen von industriellen Produkten. Kunst wie Design sind an Prozesse gebunden, die im Ende offen sind, die sich größere und kleine Umwege leisten können müssen, einen langen Atem brauchen und nicht alle Nase lang durch Erfolgskontrollen oder einer kurzfristigen Pflicht zu Neuanträgen an der eigentlich gestalterischen Arbeit gehindert werden. Ein Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit, der sich als Dach über ergebnisoffene, langfristige Projekte spannt, wäre da sicher eine große Hilfe.

Dr. Sarah Maria Schönbauer | MCTS, TU München | Wissenschaftliche Mitarbeiterin BMBF Forschungsverbund 'Plastik in der Umwelt' | Erwin Schrödinger Fellow Österreich

Gerade in Zeiten des sozialen Umbruchs, in Zeiten einer sich verändernden sozialen und ökologischen Ordnung, ist nachhaltige künstlerische Arbeit unabdingbar. Daher möchte ich die Einrichtung eines interdisziplinär ausgerichteten Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit (FÄN) mit voller Kraft unterstützen. Dieser Fonds würde helfen mehrere Möglichkeitsräume zu eröffnen: Zuweilen noch drastischer wie in der wissenschaftlichen Lebenswelt, haben sich in der Kunstwelt kurzzeitige und individualisierende Förder- und damit verbunden Arbeitspraxen etabliert. Etliche Studien in der Wissenschafts- und Hochschulforschung haben für die Wissenschaftswelt bereits gezeigt, dass kurzzeitige Projektförderungen Einfluss auf die empirische Auseinandersetzung mit einem Forschungsobjekt haben. Zum Beispiel werden bevorzugt Projekte mit vermeintlich sicherem Ausgang bevorzugt durchgeführt und gefördert. Dieser epistemische Einfluss kann durchaus auf die Kunstwelt übersetzt werden um zu fragen: wie können Projekte und künstlerische Auseinandersetzungen innerhalb zeitlich extrem befristeter Rahmungen durchgeführt werden und was kann in solchen Zeiträumen überhaupt nachhaltig bearbeitet werden? Bessere Förderbedingungen für künstlerisches Arbeiten würden also Möglichkeitsräume für nachhaltigere künstlerische Auseinandersetzungen schaffen. Desweiteren würden solche Möglichkeitsräume auch inter- und multidisziplinäre Wissensbestände fördern. Gerade inter- und multidisziplinäre Arbeiten bietet enormes Reflexions-potential. Unterschiedliche Wissensformen können in solchen Arbeitsprozessen nachhaltig, innovativ und kritisch zusammengedacht und erarbeitet werden.
Kurz: in Zeiten des sozialen und ökologischen Umbruchs braucht es nachhaltige Strukturen, in denen kollaborative Reflexionsräume überhaupt erst möglich gemacht werden um diesen vielfältigen Umbrüchen gerecht zu werden. Ein FÄN würde solche Reflexionsräume durch die explizite Förderung künstlerischer Arbeit und inter- und multidisziplinärer Kollaborationen schaffen.

Dr. Sven Bergmann | Kulturanthropologe | Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte | Koordinator Bereich Schiff und Umwelt

Innovation gilt nach wie vor als das Credo der Förderlandschaft. Ein Fokus auf Instandhaltung und Care-Arbeit hat darin kaum einen Platz, das können im Zweifelsfall andere tun, aber bitte möglichst unauffällig. Die derzeitige Krise durch eine globale Pandemie zeigt diese Widersprüche, das Nichtkümmern um die sozialen wie technischen Infrastrukturen und die daraus resultierende sozial-ökologische Krise deutlicher denn je. Doch als Reaktion werden eher absurde Förderprogramme der maximalen Konkurrenz aufgelegt, gleichzeitig aber Universitäten, Bildungs- und Kulturinstitutionen die Kernhaushalte gekürzt. Wissenschaftliche und künstlerische Wissensproduktion waren und sind wichtige Orte der Analyse, Kritik und Reflexion, die diesen Entwicklungen aber nicht außerhalb stehen. Ähnlich der globalen Erwärmung setzt die permanente Produktion des gesellschaftlichen Burnouts (schneller, härter, lauter – mit einer viel realeren Drohung von No Future) durch prekäre Arbeitsverhältnisse in Wissenschaft und dem Kulturbetrieb kurzfristig Hitze frei, um dann schnell wieder zu verpuffen oder ihre Ergebnisse in den Untiefen eines Cloud-Speichers zu versenken. Damit Nachhaltigkeit nicht wie meistens eine hohle Phrase bliebe, ginge es darum, wieder Infrastrukturen und Programme zu stärken, die dauerhaft an einem Gegenstand arbeiten können, "permanent field sites", die durch jahrelange Forschung, Kollaboration und Experiment alternative Potenziale bilden. Dekoloniale, inklusive, energiesparende sowie transdisziplinäre Kollaborationen zwischen Wissenschaft und Kunst bräuchten genau solch eine Förderung wie den FÄN – Bähm!

Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge | Entwicklungs- und Wissenssoziologin | Direktorin Deutsches Institut für Entwicklungspolitik | DIE

Wenn das Erzählen von Wissenschaft eine weltgestaltende Aktivität ist, wenn wissenschaftliche Narrative, die im Bereich der Populärkultur und des Wissenschaftsjournalismus erzählt werden, in die Diskurse, Logiken und Argumentationen einfließen, die im politischen Bereich vorgebracht werden, mit dem Ziel, politische Entscheidungen zu lenken, wenn die Tätigkeit des "Narrativierens von Wissenschaft" als ein Modus der Steuerung/Gestaltung der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit angesehen ist, dann findet nicht nur eine Rekontextualisierung der Ressortsilos und Genres statt, sondern dann können auch nachhaltige Narrative, gewonnen aus Forschungsergebnissen und Kunstereignissen zwischen globalem und lokalem Diskurs reisen und Ästhetik neu definieren. Ein Fond für Ästhetik und Nachhaltigkeit wird diese Bewegung befeuern können, weil eine transdisziplinäre Forschung, wo Akteur*innen aus Soziologie und Literaturwissenschaften, aber auch Naturwissenschaftler*innen, Künstler*innen und Schriftsteller*innen zusammenarbeiten, untersucht, wie Wissenschaft in Kunst dargestellt wird und Kunst in die Wissenschaft einfließt. Die kulturellen Dimensionen der Nachhaltigkeit und die Rolle der Kunst müssen in unseren Forschungstraditionen stärker in Betracht gezogen werden, ebenso inwiefern die Liaison zwischen Kunst und Wissenschaft zu einem anderen Verständnis zwischen Mensch und Natur beitragen kann.

Dr. Thomas Flierl | Bauhistoriker und Publizist | Senator für Wissenschaft, Forschung, Kultur a.D. | Berlin

Die Kräfte von Kunst und Wissenschaft neu bündeln und gemeinsam auf Zukunftsprojekte ausrichten. In praxisnahen Projekten neue Lebensweisen ausprobieren und als Gewinn an Qualität für Mensch und Natur demonstrieren. Anstelle von Geniekult und epheremen Ereignissen anpassungsfähige, individuell variierbare Wiederverwendungsprojekte für eine gelingende Transformation postindustrieller moderner Lebenswelten. Und dabei in kollaborativer Praxis neue Arbeitsverhältnisse etablieren. Wieder Interesse an Zukunft wecken. Altermodern. Bauhaus XX.0. Die Zeit läuft davon. Daher jetzt einmal richtig machen: ausreichend finanziert, unabhängig und kompetent.

Dr. Juliane Zellner | Theaterwissenschaftlerin und Urbanistin | Berlin

In jeder Krise lassen sich Chancen und Risiken beschreiben. Krisen sind Scheidewege, an denen sich – zugespitzt gesprochen – ganze Systeme dem eigenen Fortbestand oder Untergang entgegnen. Eine der zentralen Chancen der weltgeschichtlichen Phase, in der wir leben, ist die Möglichkeit der Besinnung auf Ganzheitlichkeit und zivilisatorisches Wissen. Als Theater-Wissenschaftlerin wünsche ich mir, dass Ganzheitlichkeit die Synthese der Natur- und Geisteswissenschaften, von Theorie und Praxis, von Abstraktion und Konkretion bedeutet; als Bürgerin eines Gemeinwesens, dass wir aus dem vorhandenen Wissen – auch und nicht zuletzt dem Wissen der Künste – schöpfen und für die Zukunft lernen. Ästhetik betrifft im Wortsinn die Entwicklung und Öffnung unserer Sinne. Ich finde, es ist an der Zeit, diese Entwicklung ganzheitlich anzubinden und nachhaltig zu gestalten: Eine Neue Kulturpolitik mit Förderinstrumenten wie dem FÄN wäre für diesen Weg unerlässlich.

Prof. Dr. Antje Boetius | Tiefsee- und Polarforscherin und Wissenschaftskommunikatorin | Direktorin Alfred-Wegener-Institut | Bremerhaven

Neulich hat mich der Gedanke überkommen, dass wir Menschen Wege gefunden haben Texte, Instrumente, Musik über Jahrtausende zu erhalten und weiterzugeben, aber es uns wahrscheinlich nicht gelingen wird, die schnell voranschreitende Zerstörung und den Verlust von Natur, Landschaften und Artenvielfalt zu verhindern. Der Gedanke tut weh. Woran liegt das aber? Fehlt es an Liebe, Lust, Freude, Genuss des anderen, nicht-menschlichen Lebens? An Empathie und an Wissen, dass wir uns und unseren Nachkommen fundamental schaden, wenn wir die Natur, die lebenserhaltenden globalen Gemeingüter wie Atmosphäre und Wasser nicht achten und wertschätzen? Um Antworten auf diese existenziellen Fragen zu finden und eine Haltung zu erarbeiten, sich selbst zum Handeln zu aktivieren, eine andere als die vorgezeichnete Zukunft zu gestalten, braucht es neue Formen der Zusammenarbeit, Perspektivwechsel, wollen Wissenschaft und Kunst frei und schrankenlos zusammen arbeiten können. Dazu sind Orte der Begegnung, Freiräume, Zeit und Mittel für Experimente vonnöten, und vor allem eine breite Unterstützung der kreativen Gewerke, denen die Pandemie so viel genommen hat.

Thomas Krüger | Präsident Bundeszentrale für politische Bildung Theologe Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung | Berlin und Bonn

Der Schreck bei dem Blick in den Abgrund lehrt uns, über das Momentum, über den Tag hinaus zu denken und zu wirken. Vor allem dann, wenn wir nicht abstürzen wollen. Kunst und Kultur haben das Potential Möglichkeitsräume zu kreieren und in ihnen das noch nicht Vorgestellte anschaulich zu machen. Die Virulenz erlangen Kunst und Kultur aber erst in den Prozessen der Aneignung durch Rezipierende. Sie schöpfen in Akten der Kollaboration Bedeutungen und sorgen dafür, dass sie nachhaltig wirken können und nicht zerplatzen wie Seifenblasen. Es gibt hinreichende Gründe, den Grenzen, die uns das Leben setzt, solche Möglichkeitsräume hinzuzufügen und damit in das Überleben zu investieren. Es ist deshalb eine gute Idee Nachhaltigkeit und Ästhetik zusammenzudenken. Sie läuft letztlich auf einen Gestaltungsanspruch hinaus: Eine andere Welt ist möglich. Warum also nicht ein Förderinstrument schaffen, diesem Aspekt Wind unter die Flügel zu blasen?

Matthias Schmuderer | Ingenieur und Energieunternehmer | Vorstand Deutscher Werkbund | Bayern

Ästhetik und Nachhaltigkeit — passt das zusammen, gehört das vielleicht sogar zusammen? Ja, das gehört zusammen, aber es wird leider noch nicht so praktiziert und gelebt. Das Projekt FÄN leistet einen enorm wichtigen Beitrag, das in die richtige Richtung zu verändern. Gerade im Bereich der ökologischen, aber auch der technischen Institutionen und Disziplinen, die sich ja als die Treiber und Förderer von Nachhaltigkeit verstehen, hat Ästhetik oft nur einen sehr niedrigen Stellenwert — nach dem Motto: "Hauptsache gesund". Warum wehren wir uns dagegen, dass Nachhaltigkeit ästhetisch sein kann, ja sogar sein muss, und auch Spaß und Freude machen kann? Nur so wird Nachhaltigkeit wirklich dauerhaft, aufgenommen in unsere Grundemotionen und verinnerlicht als selbstverständlicher Auftrag des Lebens. Die Kunst kann hier die entscheidende Ermöglicherin sein, Nachhaltigkeit als eine Herausforderung zu kommunizieren, die uns alle angeht, der wir uns alle stellen müssen und — das jedenfalls ist mein Optimismus — die wir meistern können und die einfach wie Atmen, Essen und Schlafen zu unserem Leben gehört. Das Projekt FÄN ist ein wunderbarer Ansatz, diese vermeintlich unterschiedlichen Themen (endlich) zu verbinden und als "Ästhetische Nachhaltigkeit" wirklich voran zu bringen.

Prof. Dr. Harald Heinrichs | Soziologe | Leuphana Universität Lüneburg

Für die nachhaltige Zukunftsgestaltung ist eine breite Partizipation und der Einbezug vielfältiger Erfahrungsdimensionen eine ebenso notwendige Bedingung wie die Fundierung gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen durch bestmögliches wissenschaftliches Wissen. Entsprechend wurden in den vergangenen zwanzig Jahren partizipative, inter- und transdisiplinäre Ansätze entwickelt und in Forschungs- und Praxisprojekten vielfach erfolgreich erprobt. Im Kern sind die Verfahren auf die Aushandlung von Werten, Interessen und Wissensansprüchen und einer darauf begründeten Lösungsorientierung fokussiert. Sinnlich-ästhetische Aspekte und (gespürte) Imaginationen werden jedoch oftmals vernachlässigt. In diesem Kontext bietet der vorgeschlagene "Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit | FÄN" die Möglichkeit, eine verbliebene, problematische Lücke zu schließen: Die allzu häufig getrennten Welten von Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Praxis aufzubrechen, um in ko-kreativen Prozessen neue Perspektiven und Handlungsoptionen zu erschließen. Kunst ist stark in der sinnlich spürbaren Reflexion und dem Anregen von Gedanken, Assoziationen und Gefühlen; Wissenschaft ist stark in der empirischen Analyse und theoriegeleiteten Interpretation; und Praxis sensibilisiert für die spezifischen Kontext-bedingungen. In einer Kunst-Wissenschaft-Kollaboration mit dem Künstler Walbrodt nennen wir das "AExpertirience": Aesthetics (Kunst), Expertise (Wissenschaft), Experience (Praxis). Bislang fällt eine so gedachte und praktizierte künstlerisch-wissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung und -praxis zwischen die institutionalisierten Stühle der Wissenschaftsförderung einerseits und der Kulturförderung andererseits. Der FÄN wäre eine disruptive Innovation und könnte einen nachhaltigen Unterschied machen für die zunehmend dringlichen kognitiv-rationalen und sinnlich-ästhetischen Such-, Lern- und Gestaltungsprozesse einer auf Lebensqualität gerichteten nachhaltigen Entwicklung.

Christine von Weizsäcker | Biologin | Mentorin für Frauenorganisationen weltweit | Kämpferin für die Integration von Ökologie, Demokratie und Nord-Süd-Gerechtigkeit | Emmendingen

Ich habe das Glück, viele herausragende Künstler:innen und Wissenschaftler:innen zu kennen. Was fällt mir bei ihnen auf? Sie haben den eigensinnigen Willen, ihre Talente zu leben, mit Liebe, Lust, Staunen, Freude und Leidenschaft für ihr Metier, doch auch Sorgfalt, Geduld, Ausdauer und Frustrationstoleranz. Die meisten können Kritik austeilen und einstecken. Kritik im besten Sinne von Aufmerksamkeit und Unterscheidungsfähigkeit. Auf diesem Nährboden gedeihen Kreativität, Imagination und Induktion. Letzteres ist der Begriff, mit dem die Wissenschaft das Wunder der neuen Sicht beschreibt. Wir brauchen eine Kultur, in der viele Werte und Ziele gemeinsam lebbar werden und die verschiedenen Talente der Künste, Wissenschaften und Bürger:innen für eine Kultur der Nachhaltigkeit gebündelt werden können. Wie sonst können Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Pandemien, Kriege, Armut, Hunger und die Verletzlichkeit unserer globalen Versorgungs- und Informationssysteme angegangen werden? Wir müssen über den Tellerrand schauen und brauchen Multidisziplinarität, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität. Die allenthalben in Projektanträgen beliebten Rufe nach Transformation, Innovation und neuen Narrativen können leicht zu Worthülsen verkommen. Dagegen hilft Nachhaltigkeitskultur-Schaffende aller Bereiche, Erfahrungshintergründe und Talente vereinigt euch! Ein Beitrag: FÄN.

Prof. Dr. Harald Welzer | Soziologe und Sozialpsychologe | Mitbegründer und Direktor der Stiftung Futurzwei | Berlin und Flensburg

Ein Fünftel des 21. Jahrhunderts ist schon vorbei, aber man hat in vielerlei Hinsicht das Gefühl, dass Politik und Wirtschaft im 20. Jahrhundert stecken und ihre Strategien, Präferenzen und Programme nicht an der Zukunft orientieren, sondern an der Vergangenheit. Das gilt jedenfalls für den Westen oder, wenn man will, für den globalen Norden, und das ist auch kein Wunder, denn die auf Wachstum gebauten Gesellschaften der westlichen Nachkriegszeit stellen sicher eines der erfolgreichsten Gesellschaftsmodelle überhaupt dar. Aber wie das so ist mit Erfolg: er ist eine Falle, wenn es um notwendige Veränderungen geht. Gerade die Erfolgreichen halten dann zu lange an den Konzepten fest, von denen sie profitiert haben, und übersehen die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Transformation. Sie hinken hinterher. Die zentrale Herausforderung für moderne Gesellschaften im 21. Jahrhundert ist es, ihr zivilisatorisches Modell von Freiheit, Recht und Demokratie auf ein anderes Naturverhältnis zu bauen. Niemand weiß bislang, wie das geht, aber gerade das bedeutet, dass wir Alle Teil eines kulturellen Projekts sind, in dem Lebensstile, Wertigkeiten, Präferenzen neu bestimmt werden müssen. Das heißt, dass die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft ausschließlich auf der Basis ökonomischer Parameter und wissenschaftlicher Daten nicht gelingen wird. Nachhaltigkeit umfasst unausweichlich auch die Ästhetik eines guten Lebens. Wir alle sind Teil einer notwendigen kulturellen Transformation, die erproben muss, wie wir durch das 21. Jahrhundert kommen können und dabei besser leben, bauen, denken können. Vier Fünftel dieses Jahrhunderts sind noch übrig, höchste Zeit also, die Herausforderung anzunehmen. Der Kunst als jener kulturellen Technik, die das Gegebene transzendieren und Zukünftiges vorscheinen lassen kann, kommt in dieser Herausforderung eine zentrale Rolle zu.

Dr. Christa Müller | Soziologin | Vorstand Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis | München

An der Schnittstelle von Ästhetik und Nachhaltigkeit werden immer mehr zivilgesellschaftliche Aktivitäten sichtbar, auch aus künstlerischen Milieus, die sich zunehmend für Natur interessieren, die das Selbermachen als neuen Freiraum für Community und Autonomie entdecken, die sich nichts mehr vorschreiben lassen wollen, weder die Stadtplanung noch die Bauanleitung für die Dinge des alltäglichen Bedarfs. Die Akteur:innen verbinden dabei politische, ökologische, ethische und künstlerisch ästhetische Ansprüche, die sich als Widerstand zum herrschenden Neoliberalismus verstehen lassen. Um sie zu unterstützen, ist ein Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit genau das Richtige!


Prof. Dr. Jürgen Renn | Wissenschaftshistoriker | Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin

Angesichts der massiven Auswirkungen menschlicher Eingriffe in die Umwelt des Planeten, sind die traditionellen Trennlinien zwischen Natur und Kultur problematisch geworden, da wir in einer "anthropologischen Natur" (Marx) leben, die aus diesen Eingriffen resultiert. Das Anthropozän fordert eine Pluralität des Wissens, einen Prozess, in dem neue Perspektiven auf das sich rasch verändernde Mensch-Erde System eröffnet werden. Dabei sind insbesondere auch neue Formen der Koproduktion kritischen Wissens erforderlich, wie sie z.B. in gemeinsamen Projekten des Hauses der Kulturen der Welt und der Max-Planck-Gesellschaft erprobt werden. Was wir dringend brauchen ist ein breites Bewusstsein für die Notwendigkeit und die Chancen von Nachhaltigkeit, und ein Bündnis zwischen Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft, das eingreifendes Denken und Gestalten im Sinne der Nachhaltigkeit ermutigt, fördert und zur Wirkung bringt. Es kommt dabei allerdings meines Erachtens gerade nicht auf eine verschworene "Kompliz:innenschaft" an, sondern auf eine offene Bündnisfähigkeit für und mit der Natur, die sich nicht zu verstecken braucht.

Dr. Marion Müller | Geschäftsführerin Einstein Stiftung | Berlin

Ästhetik und Nachhaltigkeit zusammen zu denken (und zu fördern!) ist nicht neu, aber wichtiger denn je. Leonardo da Vinci und Hermann von Helmholtz sind eindrückliche Beispiele der natürlichen und produktiven Symbiose von Kunst, Gestaltung und Wissenschaft. Die Art und Weise wie sie in ihren jeweiligen Epochen Modi des künstlerisch-gestalterischen und des naturwissenschaftlichen Wahrnehmens und Forschens im Interesse eines übergeordneten Erkenntnisgewinns miteinander in Beziehung bringen, macht die raison d’être und die Notwendigkeit einer übergreifenden Finanzierungsstruktur sinnfällig. Die Berliner Einstein Stiftung (fördert seit ihrer Gründung geistes- , natur- und künstlerische Forschung und Episteme gleichberechtigt und interdisziplinär in diversen Projektvorhaben und Initiativen. Sie realisiert in ihrem bescheidenen Wirkungskreis so bereits zentrale Postulate eines FÄN und befürwortet daher seine Gründung und Förderziele.

Dr. Anke Strauß | Transformationsforscherin | Wirtschafts- und Organisationswissenschaftlerin | Hochschule für Nachhaltige Entwicklung | Eberswalde

In dieser Zwischenzeit des "Nicht Mehr" und dem "Noch Nicht", in der wir uns befinden, brauchen wir mehr als faktenbasiertes Wissen um die komplexen Zusammenhänge und Koinzidenzen, die unser jetziges Leben ermöglichen und Zukünftiges bedrohen. Es braucht Möglichkeitsbewusstsein, welche darin fußt, dass Zukunft als grundlegend offen wahrgenommen wird statt einer Fortschreibung aktueller Trends.
Es braucht Gestaltungssinn, welcher dazu führt, sich aktiv für die Gestaltung der Zukunft einzusetzen, statt zukünftige Entwicklung als unabhängig wahrzunehmen. Und es braucht vor allem Vorstellungsvermögen, um wünschenswerte Zukunftsbilder zu entwickeln, die durch eine andere Motivation getragen werden als die der derzeitig dominanten Veränderungsvermeidung. Künstlerische Arbeiten sind von jeher bestimmt durch radikale Imagination und Experimenten mit alternativen Praxen. Ein Fonds, welcher diesen Reichtum mit anderen gesellschaftlichen Bereichen in transdisziplinären Kontakt bringt, hat nicht nur das Potential wieder breiter Vorstellungsvermögen, Gestaltungssinn und Möglichkeitsbewusstsein zu etablieren, er ist auch längst überfällig.

Prof. Dr. Rahel Jaeggi | Lehrstuhl für praktische Philosophie und Sozialphilosophie | Leitung Center for Humanities and Social Change | Humboldt Universität Berlin

Ich unterstütze die Forderung nach einem FÄN mit Nachdruck.

Prof. Dr. Silja Klepp | Geographisches Institut Universität Kiel

Künstlerische Forschung muss in Deutschland und anderswo mehr institutionalisiert und gefördert werden. Sie öffnet in Zeiten der sozial-ökologischen Krise Dialog- und Begegnungsräume für Menschen, die sonst nicht zusammenkommen. In meiner Zusammenarbeit mit Künstler:innen öffnen sich mir nicht nur neue Möglichkeiten der Forschungskommunikation, sondern auch neue Perspektiven und Fragen für meine Forschung. Diese anderen Perspektiven sind gerade in der Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung zentral und stehen auch im Mittelpunkt inter- und transdisziplinärer Verständigung.

Charles Landry | Städteforscher und Autor | Thinking, planning & acting culturally | berät in Berlin Kiel Mannheim | Bournes Green

2020 was a year of reckoning. It was a time to think afresh. Crises often provoke a reordering of priorities, deep reflection, and rethinking. The pandemic wake-up call triggered some healthy self-criticism while our collective hubris was humbled. It remined us that that now is the time for culture. Culture is who we are and creativity shapes what we can become thus the cultural perspective is a powerful and most insightful lens through which to look at the world. It helps explain what drives us and our motivations and why our economic and social life is as it is. By exploring the grain of culture opportunities and resources emerge as well as what the blockages and obstacles are. Here cities are seen not as machines or just inanimate clumps of buildings. A city is its people and so a complex living organism. It is primarily a cultural artefact, as even its built form is culturally conditioned.
Over the last thirty years the understanding of how the dynamics of city making works has changed. Now concepts like cultural resources, cultural mapping, cultural planning (or better: planning culturally), cultural literacy, and the cultural industries are in focus. They all share the search for the special, the unique, the distinctive.  Culture-led development then grounds the approach with a perspective that puts human experience at the center of how we design places. It involves having a culturally sensitive mindset and it helps create better places.

Dr. Christian Rauch | Physiker | Gründer und Direktor STATE | Berlin 

Die Umsetzung der großen systemischen Transformation hin zu einer nachhaltigeren und gerechteren Gesellschaft ist die größte Herausforderung unserer Zeit an deren Bewältigung uns zukünftige Generationen messen werden. Sie erfordert die breite und engagierte öffentliche Teilhabe und Mut im Erdenken und Erproben neuer Ideen und Impulse - über etablierte Grenzen von Disziplinen und (Wissens-) Kulturen hinweg. Wie nie zuvor sind die Kunst und Wissenschaften, als zentrale Impulsgeber unserer Gesellschaft, gefragt hierzu - gemeinsam - beizutragen um neue ganzheitliche Ansätze zu entwickeln. Um für kollektive Experimente zwischen Kunst und Wissenschaft nachhaltige Räume zu schaffen, brauchen wir dringend neue Förderinstrumente und -strukturen, die langfristiges und tiefgreifendes interdisziplinäres Forschen, Denken und Handeln motivieren und vielversprechenden Ansätzen die Möglichkeit geben zu wachsen und zu gedeihen. Daher unterstütze ich den Aufruf zur Gründung eines neuen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, der aktueller und dringender kaum sein könnte, um wichtige neue Möglichkeitsräume zwischen Kunst, Wissenschaft und Nachhaltigkeit zu eröffnen!

Dr. Katharina Beyerl | (Umwelt-)Psychologin  Geographin Nachhaltigkeitswissenschaftlerin | IASS  Potsdam

Nachhaltige Entwicklung wird nach wie vor vielfach gedacht als Dreiklang aus sozial, ökologisch und ökonomisch. Die kulturelle Dimension wird meist in der sozialen irgendwo verwoben, ohne explizit Erwähnung zu finden. Dabei ist die Kunst eine unserer menschlichen Existenz inhärente Kommunikationsform. Offen danach befragt, was Menschen in Deutschland während der Corona-Pandemie am meisten vermisst haben, teilten sich in einer repräsentativen Befragung Kulturveranstaltungen und das Reisen den zweiten Platz nach sozialen Kontakten. Kultur ist essenziell, wird dennoch zumeist als schmückendes Beiwerk, als Luxus, als Extra verstanden. Wenn wir jedoch die dringend notwendige sozial-ökologische Transformation gemeinsam umsetzen wollen, können wir nicht auf Kunst und Kultur verzichten. Wir brauchen diese Form der Kommunikation und des Ausdrucks, des sicht-, hör-, fühl-, erleb- und wahrnehmbar Machens. Daher sollten Kunst und Kultur besser in die Förderlandschaft der transformativen Nachhaltigkeitsforschung integriert sein. Daher braucht es einen FÄN.

Wilhelm Krull | langjähriger Generalsekretär der VolkswagenStiftung | Gründungsdirektor The New Institute | Hamburg 

Eine neue Gestaltungsidee, eine grundlegende Erkenntnis oder eine Erfindung beginnen oftmals damit, dass wir die Dinge anders sehen. So als würden sie plötzlich in neuem Licht erscheinen oder gar mit fremden Augen wahrgenommen. Neugier und Risikobereitschaft gepaart mit dem Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen, Grenzen zu überschreiten und unbekanntes Terrain zu erkunden, der Offenheit, Überraschendes, Erstaunliches oder Nochnichtsichtbares zu erschließen, und dem Vertrauen in die jeweiligen Kräfte und Kompetenzen bei der ergebnisoffenen Suche nach neuen Einsichten bilden die wichtigsten Voraussetzungen für das Erreichen von wissenschaftlichen und künstlerischen Durchbrüchen, die wir für die Bewältigung der vor uns liegenden sozioökonomisch-ökologischen Herausforderungen dringender denn je benötigen. Dafür sind integrativ perspektivierte, langfristig angelegte Kooperationsformen jenseits kurzatmiger Projekte zu entwickeln, mittels deren Förderung FÄN unseren Möglichkeitssinn in Richtung Zukunft stark machen könnte.

Prof. Dr. Christina von Braun | Kulturtheoretikerin | Autorin Filmemacherin Feministin | Humboldt Universität zu Berlin

Es gab und gibt Kulturen, die sich den Erhalt, die Überlebensfähigkeit der Natur zum Ziel setzen, als Teil ihres kulturellen Selbstverständnisses begreifen. Unsere Kultur – die Kultur der Industriegesellschaften – dagegen ist bestrebt, die Natur zu domestizieren, zu verbessern, sie in Kultur zu verwandeln. Die Folgen kennen wir – Pandemien, Hungersnöte, Zivilisationskrankheiten. Diese Entwicklung werden weder Ökonomie noch Politik aufhalten, solange sich der Begriff der Kultur nicht verändert hat. Kultur muss keine Dampfmaschine sein, sie kann sich auch als Spiegelbild der Natur verstehen, ihre Vielfalt und schier unerschöpfliche Energie zum Leitbild erklären. Um einen anderen Kulturbegriff zu leben, ist es nicht nötig, in prähistorische Verhältnisse zurückzukehren; es wäre schon viel gewonnen, wenn erstrebtes und erworbenes Wissen dem Zweck dient, der klugen Natur mit Bescheidenheit zu begegnen.

Prof. Detlev Ganten | Pharmakologe | Gründungspräsident des World Health Summit | Scientists für Future | davor: Vorsitzender Helmholtz Gemeinschaft | Vorstandsvorsitzender der Charité-Universitätsmedizin | Berlin

Kunst, Ästhetik und Wissenschaft sind Geschwisterpaare, die im Träumen, im Forschen, in der Kommunikation und im Handeln untrennbar zusammengehören. Nur gemeinsam sind sie in der Lage, die komplexen Gesetzmäßigkeiten, die Schönheiten der Harmonie in der Natur zu verstehen, zu beschreiben und für die Gesellschaft verständlich zu machen. Das geschieht zum Beispiel durch einfache, schöne Formeln oder durch ästhetisch überzeugende Bilder. Das wirklich Innovative in der Wissenschaft hat zu Beginn keine Basis im Bekannten, es ist neu.
Die Beschreibung des Neuen aber braucht Bilder, die nur der Künstler im Wissenschaftler und der für das Neue empfindsame Künstler kommunizieren kann. Ein aktuelles und dringendes Beispiel sind ganz konkret die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die 17 Sustainable Development Goals. Sie basieren auf komplexer wissenschaftlicher Erkenntnis, die nur interdisziplinär erarbeitet werden konnte. Nur wenn wir uns dafür einsetzen, werden wir langfristig das Leben auf der Erde erhalten können. Eine besondere Anstrengung über bekannte Routinen hinaus ist notwendig, die Gesellschaft zu mobilisieren, Verständnis zu erreichen und praktisches Handeln zu stimulieren. Die transdisziplinäre Zusammenarbeit von allen Kräften der Gesellschaft, voran aber Wissenschaft, Kunst, Kultur, Wirtschaft und Politik ist notwendig. Die Einrichtung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit wäre ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel | Soziologin Politikwissenschaftlerin Sozialpsychologin | Stiftung Aufmüpfige Frauen | Dortmund

Das Anliegen von FÄN - Raus aus den Echokammern - teile ich mit feministischer Empathie und sehe Verbindungen zur Stiftung Aufmüpfige Frauen, die seit 2006 eben solche Frauen auszeichnet. Aufmüpfigkeit ist ein lebensweltlicher Begriff. Er spricht einen Zwischenraum, ja eine Zwischenwelt an mit der kritischen Vorstellung, dass Vieles anders sein sollte, womit Menschen in Kunst und Wissenschaft, Politik und Wirtschaft konkurrenzhaft konfrontiert sind. Ein bisschen Größenwahn steht jeder Frau. Der FÄN will Strukturen verändern, die Versäulung der Sparten und Disziplinen aufbrechen und eingeschliffene Grenzen überwinden. Darin weiß ich mich dem FÄN verbunden.

Prof. Dr. Gesa Ziemer | Kulturtheoretikerin | akademische Leitung UNITAC Vereinte Nationen | Direktorin des City Science Lab HafenCity Universität | HCU Hamburg

Ob wir es schaffen, unsere Zukunft nachhaltiger zu gestalten, wird sich maßgeblich in den großen Städten dieser Welt zeigen. Aktuell zählen wir mehr als 30 Megastädte mit über 10 Mio Einwohner_innen. Neue Mobilität, zirkuläre Ökonomien, Resilienz, Datensouveränität, neue Arbeit - die Themen sind vielfältig. Städte sind komplexe Organisationen, teilweise hochtechnologisiert, teilweise mit einem hohen Anteil von Menschen in informellen Siedlungen. Um nachhaltig agieren zu können, ist nicht der Wettbewerb wichtig, sondern unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Dafür gibt es viele Begriffe: Kollaboration, Kooperation, Kompliz_innenschaft, Allianzbildung, Kokreation ... Die Kunst spielt dabei eine zentrale Rolle, denn Künstler_innen sind oft Expert_innen von Zusammenarbeit. Im Kontext Stadt forschen sie genau wie wir Wissenschaftler_innen - oft partizipativ. Künstlerische Forschung, forschende Kunst: Die Welt kann nur davon profitieren, die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft als Beitrag zur Nachhaltigkeit zu verstehen.

Prof. Dr. Lucia Reisch | Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin | El-Erian Professor of Behavioural Economics and Public Policy | Cambridge, UK 

Wenn man möchte, dass Menschen ihr Verhalten verändern, ist es natürlich sinnvoll und richtig zu erklären, zu überzeugen, zu argumentieren und zu bilden (also, den kognitiven Pfad zu wählen). Es ist außerdem hilfreich, die nachhaltige Entscheidung zur naheliegenderen zu machen (Architektur der Wahl) und nachhaltiges Produzieren und Konsumieren zur attraktiveren Option zu machen: einfach und unkompliziert, attraktiv und formschön, Teil eines Gemeinschaftsprojekts, das Zugehörigkeit und soziale Belohnung verspricht, zum passenden Zeitpunkt angeboten (Nudging). Um uns "Gewohnheitstiere" aber wirklich und dauerhaft aus unserer Komfortzone herauszulocken, braucht es unbedingt ein drittes Element: Emotionen, Gefühle, Freude und Furcht, ein tiefes Verständnis jenseits des bloß Kognitiven, das Gefühl, Teil der Natur zu sein, Empathie, Zugehörigkeit, den Wunsch die Kostbarkeit des Planeten zu schützen. Ohne Emotionen ist der menschliche Wille letztlich ein zahnloser Tiger. Die Künste haben die Kraft, uns zu überraschen, uns herauszufordern, uns zu verbinden; uns wirklich sehen, verstehen, fühlen zu lassen. Darum unterstütze ich diese Initiative.

Prof. Dr. Joachim von Braun | Präsident der päpstlichen Akademie der Wissenschaften | Professor für wirtschaftlichen und technologischen Wandel | Universität Bonn 

Wie uns Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus lehrt, "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Kunst hilft uns die Grenzen unserer wahrgenommenen Welten zu erweitern, insbesondere da unsere Welt bedroht ist, planetar und lokal, über Grenzen hinausschauend. Wissenschaft tritt ebenfalls an, über wahrgenommene Grenzen unserer Welten hinauszuschauen, z.B. Physik ins subatomare und in den Kosmos, in Klima- und Systemforschung, in Bio-Chemie zu Genetik, in der Verhaltensforschung. Wissenschaft und Kunst sind keine Gegensätze. Aber zu selten suchen beide den Dialog zur Problemlösung durch künstlerische Forschung, Kunst auch als Forschung verstehend. Dabei können beide der Wahrheitsfindung dienen und dem Umlenken aus fatalen Trajektorien, wie Umweltzerstörung, Hunger, Pandemien. Kunst dient Wissenschaft auch dann, wenn sie diese kritisch betrachtet und damit anregt und Wissenschaft dient auch Kunst, wenn sie diese kritisch analysiert. Aber Wissenschaft und Kunst sollten sich nicht nur gegenseitig instrumentalisieren, sondern starkes kollektives Handeln für Nachhaltigkeit versuchen. FÄN macht Hoffnung!

Prof. Dr. Christa Liedtke | Biologin | Wuppertal-Institut | Folkwang Universität der Künste | Co-Vorsitzende der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030

Veränderung geschieht immer und überall - sie gehört zum Alltag und Leben. Nur ist sie oft nicht offensichtlich, sondern vielfältig in den Dingen und Ausdrücken der Welt - manchmal schleichend, manchmal verdeckt, manchmal konturenhaft, manchmal hereinbrechend umwälzend, manchmal rasend oder irgendetwas dazwischen, oft ungerecht gerecht oder gerecht ungerecht, aus der Balance. Sich auseinandersetzen mit den Dingen und Nicht-Dinglichem, deren Interaktion und Entwicklung ist die Voraussetzung für gewollte oder ungewollte Gestaltung unserer Umwelt. Kunst und Kultur ist Kern und Bild dieser lebendigen Auseinandersetzung von Konstruktion, Rekonstruktion und Destruktion bis hin zur Demontage, möglicherweise Zerstörung und gleichzeitig Schöpfung. Beide - Kunst und Forschung leben von dieser offensiven Auseinandersetzung mit der Welt - ob sie einander hemmen oder fördern ist immer auch offen.

Prof. Dr. Ulrich Brand | Politikwissenschaftler | Diskurs. Das Wissenschaftsnetz | Universität Wien 

Die sich zuspitzende multiple Krise fordert uns alle heraus. Interdisziplinäre und transdisziplinäre Perspektiven und Praktiken werden zentral sein, um sie gerecht und dauerhaft zu bearbeiten. Doch die Wettbewerbslogik und Versäulung in Kunst und Wissenschaft sind Teil einer Gesellschaft, die kurzfristig und oft gerade nicht nachhaltig denkt und handelt. Daher ist die Initiative für einen FÄN angemessen, weil damit mittel- und längerfristig strukturierte Räume des Austauschs und des gemeinsamen Handelns geschaffen werden können. Kunst und Wissenschaft können gerade in intensiverer Kooperation zeigen, dass sozial-ökologische Transformationen durchaus konfliktiv, enorme Kreativität und Lernprozesse dringend notwendig sind. Eine ganz besondere Herausforderung ist dabei die internationale Dimension – auf der inhaltlichen wie auch auf der organisatorischen Ebene. Das ist eine Voraussetzung, um die dominante und bisher breit akzeptierte "imperiale Lebensweise" in eine solidarische Lebensweise zu transformieren.

Dr. Karl-Eugen Huthmacher | Jurist | ehem. Leiter Abteilung "Zukunftsvorsorge - Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit" BMBF | Vorstand Germanwatch e.V. | Bonn
Nachhaltigkeit ist umfassend. Sie erfasst alle Lebensbereiche: Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Politik, Verwaltung und vernetzt idealerweise alles mit allem. Ob und wie eine Gesellschaft ihren Weg zu einem nachhaltigen Miteinander findet, hängt davon ab, welchen Beitrag die gesellschaftlichen AkteurInnen zu dem Suchprozess leisten und wie es ihnen gelingt, in dem damit verbundenen permanenten Aushandlungsprozess, Zukunft offen zu halten. Wissen, Ideen, Kreativität, Bilder, Emotionen, Provokationen und Vertrauen sind wichtige Treiber in diesem Prozess. Wissenschaft, Kunst und Kultur fungieren als unverzichtbare und sich ergänzende Erinnerer und Motivatoren dieses Suchprozesses. Beide werden in Ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit dringender denn je gebraucht. 

Helfried Carl | Diplomat | Partner am "Innovation in Politics Institut" | Wien
Während sich die Wissenschaft mit der Auslotung des Tatsächlichen beschäftigt, lotet die Kunst Schattierungen von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten aus. Um die multiplen Krisen unseres Planeten zu bewältigen, sind große Transformationen nötig. Für die Politik stellt ein konstruktiver und öffentlicher Dialog zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Produktivkräften eine wichtige Bereicherung dar. Dieser wird an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt, um bessere Entscheidungen für unsere Gesellschaft zu treffen.

Prof. Dr. Karin Lochte | Biologin und Ozeanographin | ehem. Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung | Deutsche Allianz Meeresforschung
Die globalen Wandlungen in der Welt können nur wenige Menschen über Statistik, Graphiken oder Modelle, die die 'Sprache' der Wissenschaft sind, begreifen. Persönliche Erfahrungen und emotionale Erlebnisse sind andere Dimension des Begreifens, die erst das Bild der Menschen über 'ihre' Welt formen und die durch die Arbeit der Kulturschaffenden erreicht wird. Daher: "Nur was man liebt das schützt man auch!“ Diesen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichem Verstehen haben Künstler:innen und Wissenschaftler:innen schon seit einiger Zeit aufgegriffen, um die Notwendigkeit nachhaltig zu leben sowohl faktisch als auch emotional begreifbar zu machen. Es braucht lange Beobachtungsreihen, um zu erkennen, wo wir herkommen, und abzuleiten, wo wir hingehen. Dies gilt sowohl für den globalen Wandel als auch für die kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft. Die Raum- und Zeitskalen der Veränderungen sind so groß, dass das individuelle Verständnis es nicht erfassen kann. Daher ist es schon erstaunlich, dass die zumeist kaum merkbaren Signale der Umweltveränderung (Menschen reagieren zumeist nur auf Katastrophen) uns bewegt haben, Nachhaltigkeit als einen zentralen Zukunftsgedanken aufzugreifen. Ich bin überzeugt, dass wir in eine andere Zukunft gehen, eine Art Renaissance des Weltverstehens, die uns frei machen muss von den überkommenen Doktrinen des stetigen Wachstums. Um einen solchen Neuanfang zu wagen, brauchen wir alle Kräfte. Die Kulturschaffenden, die ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Neuorientierung sind, haben berechtigten Anspruch auf eine entsprechende und langfristige Unterstützung.

Prof. Dr.-Ing. Vera Meyer | Professorin für Angewandte und Molekulare Mikrobiologie und Künstlerin | Berlin

Wie wollen wir Wandel und Zukunft gestalten, die die planetaren Grenzen respektieren als auch soziale, ökonomische und politische Faktoren berücksichtigen? Wie tragen wir Verantwortung für die Zukunft der Erde? In dem wir transdisziplinär denken und transdisziplinär arbeiten. In dem wir die Kreativitätsmotoren Wissenschaft und Kunst als auch die Menschen vor Ort zusammen bringen und hierbei sicherstellen, dass alle mit ihren Perspektiven auf das Hier und Jetzt als auch auf das Morgen gehört werden. Denn nur gemeinsam kann man das große Ganze erfassen. Ich versuche als Grenzgängerin zwischen Wissenschaft und Kunst eine solche transdisziplinäre Synthese. Im Labor, im Atelier, im Miteinander mit Kolleg:innen aus den Wissenschaften und den Künsten, mit Studierenden, mit Interessierten aus der Zivilgesellschaft. Und erlebe dabei, wieviel gestalterische Kraft sowie kluge Transformationsideen durch Offenheit und Kooperation über vielfältige Fachdisziplinen hinweg freigesetzt werden können. Mit einer unbändigen Begeisterung aller Beteiligten. Sie spüren, dass ihr gemeinsam Gehörtwerden sie an einer nachhaltigen Zukunft gestalten lässt, die eine Zukunft für alle hat!

Prof. Dr. Ingeborg Reichle | Medientheoretikerin | Gründungsdirektorin der Abteilung Cross-Disciplinary Strategies | Universität für angewandte Kunst | Wien
Globale Herausforderungen, wie der Klimawandel, der Kollaps ganzer Ökosysteme oder der langsame Zerfall demokratischer Systeme und rechtsstaatlicher Strukturen in Zeiten des digitalen Wandels berühren viele Facetten der menschlichen Existenz und können nicht von einzelnen Disziplinen bewältigt werden. Die Anforderungen an ein disziplinenübergreifendes Bildungssystem stehen jedoch konträr zu den sozialen und administrativen Konturen moderner wissenschaftlicher Disziplinen und deren Teilsysteme, die einen hohe Spezialisierungsgrad aufweisen. Die Gründung eines Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit könnte die Bereitwilligkeit zum Dialog zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft und damit das Finden einer gemeinsamen verstehbaren Sprache befördern, indem er partizipative Erfahrungsräume für eine disziplinenübergreifende Annäherung schafft, die sich der geistigen Gefangenschaft aufgrund der Perspektivierung der eigenen Disziplin entzieht. Einzelne Akteur:innen aus Kunst und Wissenschaft haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder Brücken gebaut, nun gilt es jedoch zur Bewältigung der für unsere Gesellschaften im höchsten Maße disruptiven Herausforderungen eine institutionelle Rahmung zu schaffen, die den technisch-naturwissenschaftlich orientierten Fächern eine vertiefende ästhetisch-gesellschaftliche Dimension hinzufügt und auf der anderen Seite den kunst- und geistes-wissenschaftlichen Fächern technisch-wissenschaftliche Kompetenzen vermittelt. Folgt man der Studie "Branches from the Same Tree: The Integration of the Humanities and Arts with Sciences, Engineering, and Medicine in Higher Education", die von der US-amerikanischen Wissenschaftsakademie 2018 vorgelegt wurde, so sind sich die Vertreter:innen von Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen darüber im höchsten Maße einig, dass neben fachlicher Kompetenz vor allem disziplinenübergreifende Problemlösungsfähigkeiten, die Fähigkeit zur Adaption und zum Umgang mit Komplexität und Ungewissheit als zukunftsweisend beschrieben werden können und diese Fähigkeiten insbesondere durch die Auseinandersetzung und Begegnung mit Kunst und künstlerischen Strategien befördert werden. 


Regula Lüscher | Architektin Senatsbaudirektorin a.D. | Ambassador Bauhaus der Erde | Berlin und Winterthur

Kunst und Wissenschaft können gewisse Dinge gleich gut, wie zum Beispiel das Voranschreiten ins Ungewisse, unvoreingenommen, offen, neugierig. Immer sich treiben lassend von den gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen. Ohne Vorwegnahme einer Lösung, sondern genau im Gegenteil: fragend, suchend und findend. Die Sprache und die Mittel auf diesem Weg können jedoch nicht unterschiedlicher sein. WUNDERBAR! Die Kunst kann Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, darstellen, und zwar so, dass sie die Menschen berühren, erschüttern, bewegen, aufwecken. Was auch immer. Die Sprache der Wissenschaft ist eine andere. Die Zerstörung unserer Welt ist weit, sehr weit fortgeschritten. Wenn wir das Blatt noch umkehren wollen müssen wir uns radikal ändern. Dafür braucht es radikale Ideen, radikale Projekte, radikale Erlebnisse, die langfristig auf die Menschen einwirken können. 

Als Stadtplanerin, Architektin und Politikerin habe ich erfahren, dass die Herausforderungen der nachhaltigen Stadtentwicklung nur transdisziplinär zu meistern sind. Immer, wenn wirklich etwas Entscheidendes in der Stadtplanung geschah, waren Kunst und Kultur mitinvolviert! Als eine der Botschafter:innen der Bewegung "Neues Bauhaus der Erde" bin ich überzeugt, dass wir nur interdisziplinär erfolgreich sein können im Kampf gegen den Klimawandel. Die Tradition des "Bauhaus" aufnehmend, muss "das Neue" interdisziplinär erarbeitet werden und letztlich ästhetischen Ansprüchen genügen. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Diese Emotionalität muss immer Teil der Lösung sein, sonst gehen die Menschen nicht die radikal neuen Wege. Der FÄN schließt eine wichtige Lücke und ermöglicht die Hinwendung zu einer prozessualen und interdisziplinären Kultur und Wissenschaftspraxis.

Siegfried Dengler | Architekt und Stadtplaner | Nürnberg 

Für Menschen, die wie ich operativ tätig sind und versuchen in ihrem Wirkungskreis Dinge voranzubringen, wäre gerade der FÄN das passende Instrument, notwendige Impulse der integrierten Stadtentwicklung zu setzen. Genau dort, wo der FÄN ansetzt, gibt es einen toten Punkt den es zu überwinden gilt. Wie Ihr alle hoffentlich wisst, Stadt = Kultur!

Dr. Maria Reinisch | Geschäftsführerin Vereinigung deutscher Wissenschaftler | "Mit Emotionen und Kunst für Wissenschaft begeistern" | Berlin 

Wissenschaft und Politik alleine reichen nicht um die Menschen zu erreichen. Kunst mit ihrem kreativen Potential und ihrer emotionalen Sprache kann helfen, die großen Herausforderungen vor denen wir stehen für die Mitmenschen verständlich zu machen und zum "anders handeln" anregen. Egal ob Biodiversitätsverlust, Klimawandel, Digitalisierung oder Pandemien – eine Verknüpfung zwischen Kunst – Gesellschaft – Wissenschaft – hilft eine Sprache zu finden und Brücken zu bauen. Der notwendige Perspektivwechsel, der Menschen einlädt kreativ mitzudenken und mitzumachen kann zeigen wie viel Spaß die neuen Wege machen. Der FÄN wäre dazu ein wichtiges Instrument.

Dr. Michael Otto | Aufsichtsratsvorsitz Otto Group | Michael Otto Stiftung für Umweltschutz | Hamburg
... freue ich mich, in Form dieses kurzen Statements wenigstens als "Fern-Teilnehmer" meine Stimme in die Diskussion einfließen lassen zu können. Denn es geht um zwei Dinge, die mir beide persönlich sehr am Herzen liegen. Es geht um Kunst, und es geht um den nachhaltigen, verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen dieser Welt. Aber mehr noch: Es geht um die lange überfällige Zusammenführung dieser beiden Bereiche, die ich sehr begrüße. Denn wir alle wissen, wie schwierig es ist, das komplexe, abstrakte Thema Nachhaltigkeit begreiflich zu machen. Dabei liegt die Lösung gewiss nicht in der Menge der Informationen, die wir zur Verfügung haben. Wir stehen eigentlich vor drei Herausforderungen. Erstens: Dienachhaltigkeitsrelevanten Zusammenhänge in unserer Welt zu verstehen. Zweitens: Die eigenen Handlungsoptionen vor diesem Hintergrund zu erkennen. Und drittens (das ist die wohl größte Herausforderung): Tatsächlich auch entsprechend unserer Handlungsmöglichkeiten zu handeln! Bei allen drei Herausforderungen können die kreativen Herangehensweisen der Künstler, wenn sie denn das Thema richtig durchdrungen haben, einen maßgeblichen Beitrag leisten. Sie können erstens die vielen Fragen und Facetten, die mit dem Thema Nachhaltigkeit zusammen hängen, veranschaulichen und konkret erfahrbar machen. Sie können zweitens Wege aufzeigen, Lösungsszenarien und Identifikationsmuster schaffen. Drittens können sie schließlich Betroffenheit und Bewunderung auslösen, uns inspirieren, Handlungsimpulse geben und unsere Herzen erreichen. In einem Wort: Sie können uns den Weg vom Wissen zum Handeln weisen. Hierin liegt die große Chance, die ich in der Verbindung von Ästhetik und Nachhaltigkeit sehe.

Philipp Hoppe | Architekt »Lehmlabor« | Köln
Um die Klimaziele zu erreichen, brauchen wir dringend eine Bauwende – weg vom unnötigen Verbrauch von Ressourcen, hin zur Wahrung des Bestandes, zu Zirkularität, zur Verwendung natürlicher Baustoffe. Dafür spielt die Ästhetik eine wichtige Rolle. Denn, wie etwa der Bund Deutscher Architekten anmerkt, werden auch im Bereich des Bauens ökologische Verhaltensweisen umso mehr akzeptiert und praktiziert, je stärker sie sinnlich wahrnehmbar sind.
 Der Baustoff Lehm bietet dafür ein enormes Potenzial, weil er Nachhaltigkeit und Ästhetik eindrucksvoll vereint. Dafür entscheidend ist seine Wasserlöslichkeit, die oft als Schwachpunkt missverstanden wird. Zum einen ermöglicht sie dem Lehm einen fast idealtypischen Stoffkreislauf: er kann meist vor Ort gewonnen, einfach zu Gebäuden geschichtet, gestampft, gegossen, unendlich oft wiederverwendet, und später einmal bedenkenlos wieder dem Boden zugeführt werden. Zum anderen entsteht an Lehmfassaden mitunter eine geringe, aber spürbare Erosion – eine leichte Rauheit der Oberfläche, die dieser eine besondere Anmutung verleiht. Die durch die Erosion hervorgehobene, Stofflichlichkeit des Lehms lässt sich – wie etwa im japanischen Wabi-Sabi oder der Arte Povera – als ästhetischer Mehrwert begreifen, während der Erosionsprozess als Teil des natürlichen Materialkreislaufs erlebbar wird.
Im Gegensatz zu vielen modernen, hochgezüchteten Baumaterialien, die schlecht altern und am Ende nicht nur eine geringe Dauerhaftigkeit, sondern ebenso fragwürdige ästhetische Qualität aufweisen, sind Lehmbauten in der Regel äußerst langlebig und gewinnen mit der Zeit nur an Reiz. Diesen Stärken des Lehms, wie auch anderer natürlicher Baustoffe, sollten wir mehr Beachtung schenken. Der FÄN könnte dem Weiterforschen mit anderen Disziplinen einen wichtigen Raum öffnen.

Andreas Rieger | Architekt BDA Dresden und Lübben | Spreewald
Alle wissen, welche Aufgaben die Menschheit im Zeitalter des Anthropozäns hat, oder: eigentlich hätte. Wir Menschen wissen viel und tun wenig jenseits der Befriedigung unserer Wünsche, Begierden und Triebe. Das ist schon alles seit langem erklärt, hinreichend wissenschaftlich erforscht und publiziert. Erkenntnis und Wissen ändern offensichtlich wenig an der Zerstörung der Lebensgrundlagen aller Menschen und sehr vieler Lebewesen auf unserem einsamen Planeten und den damit verbundenen Folgen. Können wir das ändern? Und wie können wir tatsächlich handeln, jetzt und morgen, nicht erst übermorgen? Wie wollen, können und werden wir leben in einer vom Menschen überbeanspruchten Welt? Welche Fragen und Aufgaben sind hierfür im Ganzen wie im Einzelnen zu bewältigen und zu beantworten? Und können wir diese hochkomplexen Herausforderungen überhaupt angehen, ohne dabei unterzugehen? Das ist die Fragestellung des New European Bauhaus, initiiert von John Schellnhuber und Ursula von der Leyen. Um den entstandenen Knoten des Handelns im Bau- und Siedlungswesen zu durchschlagen, bedarf es offensichtlich eines kulturellen und emotionalen Ansatzes, der unsere Wünsche, Begierden und Triebe ernst nimmt, ohne die Bedürfnisse und Notwendigkeiten zu ignorieren. Kunst und Kultur nutzt unsere menschlichen Eigenschaften, um die genannten Herausforderungen im Alltag unseres beruflichen und privaten Lebens tatsächlich zu bewältigen. Die Lösungen werden dabei so vielfältig, individuell und widersprüchlich sein wie das reale Leben mit ihren vielfältigen Lebensweisen. Wollen wir das angehen, braucht es ein wirksames und flexibles Werkzeug mit einem offenen Instrumentenkasten. Der Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit kann dies leisten.

Laura Krautkrämer | Freie Journalistin und Kommunikationsberaterin | Frankfurt/Main

Wenn wir es mit der Nachhaltigkeit ernst meinen, brauchen wir nicht nur Mut zur Entschleunigung und Neugierde auf das, was jenseits der üblichen Sensations-Spiralen entstehen könnte. Wir brauchen auch den interdisziplinären Schulterschluss, mehr Um-die-Ecke-Denken und Begegnungen auf Augenhöhe, um tragfähige Bilder und Ideen für die Welt von morgen zu entwickeln. Ein Fonds für Nachhaltigkeit und Ästhetik könnte dafür wichtige Impulse geben.

Jörg Sommer | Schriftsteller und Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Umweltstiftung | Berlin
Die sozial-ökologische Transformation unserer Gesellschaft ist eine Mammut-Aufgabe, die alles verändert: Die Art, wie wir arbeiten, lernen, Sozial- und Altersvorsorge betreiben, gesellschaftliche Konsense herstellen, wie wir Wohlstand definieren und das Wachstumsparadigma überwinden. Es geht darum, ein 'Gutes Leben für alle' sicherzustellen - und das innerhalb der unverhandelbaren ökologischen Grenzen und nicht auf Kosten kommender Generationen. Die Dimension dieses Kulturwandels beginnen wir gerade erst zu ahnen. Und gerade in einer solchen, frühen, experimentellen, ja oft holistischen Phase kommen die innovativsten, mutigsten, revolutionärsten Gedanken immer aus dem Kreis der Kulturschaffenden. Dafür braucht Kultur aber Raum und Ressourcen. Und wir alle deshalb einen wirksam ausgestatteten Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit.

Beate Engelhorn | Architektin  | künstlerische Leiterin Haus der Architektur Graz | Graz und Berlin
Wir befinden uns mitten in einer Phase des Umbruchs. Die Herausforderungen der Klimakrise und die Erfahrungen aus der Zeit der Pandemie fordern unsere Gesellschaft heraus neue Strategien für die Zukunft zu erarbeiten. Das betrifft alle Bereiche unserer Kultur, des Zusammenlebens, der Entwicklung der Städte ebenso wie die der Regionen und Landschaften. Gerade in dieser Zeit brauchen wir transdisziplinäres Denken als Innovationsmotor, um neue Lösungsansätze für die aktuellen Herausforderungen zu finden. Technik, Wissenschaft und Forschung brauchen die Kunst und ihre "Freiheit im Geist". Nicht nur als "Ideengeber" sondern auch als Reflexion der technisch entwickelten Projekte, um ihre möglichen Auswirkungen auf unsere Lebenswelt zu überprüfen. Die Zeit drängt. Eine Bündelung aller Kräfte ist daher mehr als geboten!

Prof. Dr. Heike Walk | Transformation und Governance | Hochschule für nachhaltige Entwicklung | Eberswalde
Für die anstehenden Transformationsprozesse benötigen wir sowohl ein systemisches Nachhaltigkeitsverständnis, das interdisziplinäres Forschen und Handeln unterstützt als auch eine emotionale Berührung der Menschen. Durch die Verbindung von Kunst und Wissenschaft können wir kritische Reflexionen und transformative Visionen mit emotionalen Inspirationen zusammenbringen. Wir brauchen systemisch denkende Menschen, die kritisch und kreativ denken können und wir brauchen verschiedene Formen des Experimentierens. Hierbei spielen künstlerische Formate eine große Rolle, denn sie berühren die Menschen und können dadurch Nachhaltigkeitstransformationen auf breiter Ebene vorantreiben.

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker | Ehrenpräsident des Club of Rome

In den "sozialen Medien" ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Hass und Schwachsinn zehnmal höher als die von Vernunft und Kultur. Soll dieser Zustand das Merkmal unserer Kultur bleiben? Die Ästhetik und die Nachhaltigkeit sind eine Art Gegenprogramm. Hierfür sollte man sich engagieren. Die Idee eines Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit gefällt mir!

Prof. Dr. Pierre Ibisch | Ökologe und Naturschutzwissenschaftler | Centre for Econics and Ecosystem Management & Biosphere Reserves Institute Hochschule für nachhaltige Entwicklung | Eberswalde 

Wir haben uns Homo sapiens genannt, und glauben an unsere Ratio, unsere Vernunftbegabung und an die Existenz von Weisheit. Das ist in Ordnung, nur leider blenden wir die andere Seite unserer Natur aus – die emotionale. Wir Menschen sind soziale Wesen mit einer ausgeprägten Kooperativität, mit der Befähigung, zu lieben und uns zu sorgen, ums uns selbst, um andere und selbst diejenigen, die wir noch nicht kennen (können). Wir haben unsere Rationalität entfaltet und damit nicht nur Gutes angerichtet. Wir ignorieren zugleich die emotionalen Kräfte, die uns antreiben und oftmals erklären, warum wir nicht vom Wissen zum Handeln kommen. Also müssen wir wohl unsere umfassende Menschlichkeit annehmen und sie entfalten. Humanismus bedeutet, an das Gute im Menschen zu glauben und anderen zu helfen es zu entwickeln. Das Gute aber ist nicht immer rational. Wenn wir aber nicht nur vom Wissen aus zum guten Handeln, ja, zum Guten Leben gelangen können, dann muss auch die Emotio ein Ausgangspunkt sein. Ratio und Emotio als gemeinsame Grundlage eines zeitgemäßen Humanismus, der Natur einschließlich unserer ökologischen Abhängigkeit und Beschränktheit vollauf anerkennt: das Fundament eines Ökohumanismus. Mit mehr oder weniger systematisch erarbeitetem Wissen können Wissenschaftler:innen zum Guten Leben und zum Guten Zusammenleben beitragen, aber erst Kultur im Allgemeinen sowie Kunst im Speziellen machen uns wahrhaft menschlich. Die herkömmliche wirtschaftliche Entwicklung und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen generieren einiges Schönes - aber auf Kosten einer sich brachial ausbreitenden Hässlichkeit. So zerstören sie zudem Empfindsamkeit, Empfindungen, einen Teil unserer Menschlichkeit und unsere Motivation. Ästhetik und Nachhaltigkeit – wer könnte bezweifeln, dass sie unbedingt zusammengehören?! Es soll einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit gegen die Versäulung des Wissens und gegen das Verwissen geben? Wunderbar.

Prof. Dr. Magdalena Taube | Macromedia Hochschule und Mit-Herausgeberin der Berliner Gazette | Berlin

Eine nachhaltige Kulturförderung muss mehr beinhalten als eine weitere Check-Box beim nächsten Förderantrag. Sie muss es ernst meinen mit dem Vernetzen von Ideen, Inhalten und Menschen. Sie muss darauf bestehen, dass "Modellhaftigkeit" und "Singularität" von Projekten keine entpolitisierten Kriterien sind. Die Idee des "Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit" politisiert die Kulturförderpolitik, es ist höchste Zeit!

Michael Müller | Staatssekretär a.D. | Bundesvorsitzender NaturFreunde Deutschlands | Düsseldorf

Der Widerspruch zwischen unserem Wissen über die Zukunftsgefahren und unserem Handeln ist organisierte Verantwortungslosigkeit. Ohne eine Kulturwende, zu der wir neue Anstöße und eine offene Kreativität brauchen, ist Nachhaltigkeit nicht zu erreichen. Nachhaltigkeit bleibt ein inhaltsleeres Plastikwort, wenn es nicht zu einer Kulturrevolution kommt. und neu:  die Koalitionsvereinbarung bleibt im gestern. Es fehlt jeder intellektuelle Überbau. Der FÄN könnte ein gutes Gegenmoment sein.

Prof. Dr. Harrasser | Kulturwissenschaftlerin und Vizerektorin Forschung | Kunstuniversität Linz

Mehrere Personen, die dazu entschlossen sind, als Gesellschaft aufzutreten. Das scheint mir eine tragfähige Definition des Politischen unter gouvernementalen Vorzeichen zu sein. Begreift man „Gesellschaft“ nämlich mit Walter Benjamin oder Jacques Derrida als eine soziale Relation, die stets im Kommen begriffen ist, sich also nie realisiert, sondern gerade in ihrer Selbstbefragung besteht, wäre Politik ein seltenes Ereignis, das darin besteht, dass eine Gruppe sich konstituiert, als etwas in die Öffentlichkeit geht, mit dem Anspruch das Gegebene hinter sich zu lassen, etwas anderes sein zu wollen: eine andere soziale Form, eine bis dahin unbekannte Zusammensetzung von Akteuren, eine neue Form der Kommunikation, die neue Verkörperungen von Beziehungen vorantreibt. In solchen Konstellationen nimmt die Kunst eine zentrale Systemstelle ein, begreift sie sich doch in der Moderne gegenläufig zur pragmatischen Definition von Politik als "Kunst des Möglichen" (Otto von Bismarck), als ein Verfahren zur Exploration des nur Halbgewussten, des Kontingenten, mehr als Ahnungsvermögen, denn als Technik zur Zielerreichung.

Dr. Wolfgang Sachs | Autor und ehemaliger Forschungsleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie | Berlin und Rom

Von dem Volksbegehren Artenvielfalt - Bienen retten in Bayern bis zur Bewegung Extinction Rebellion, überall kann man beobachten, dass Menschen umweltbewegt werden, weil sie sich in ihren Sinnen beschnitten, verletzt, ja beleidigt fühlen.Es sind weder Kosten-Nutzen-Rechnungen von Umweltschäden noch Hochrechnungen über Artenverlust, die sie in Wallung bringen, sondern eher die Ahnung von einer hässlichen Welt, die uns der sogenannte Fortschritt bringt. Denn so flüchtig auch das Schöne ist, sein Gegenteil ist leicht zu fixieren: das Öde, das Bedrohliche, das Zerstörerische. Genau davon fühlen sich die UmweltfreundInnen ins Herz getroffen. Sie opponieren gegen Flächenversiegelung, weil sie die vielfältige Landschaft schätzen, gegen Kohleabbau, weil sie die Klimagefahren fürchten, gegen Mega-Ställe, weil sie die Tiere als Lebewesen ernst nehmen. Und jetzt gegen Agrargifte, weil sie den Reichtum an Arten als lebensdienlich anerkennen. Überall sind die menschlichen Sinne, vor allem der Sehsinn, ein untergründiges Motiv: die Umweltbewegung ist fundamental aus einem ästhetischen Protest heraus entstanden. Aus diesem Grund werbe ich für einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit, damit die praktische Erfahrung in die öffentliche Debatte und künstlerischer Gestaltung rückt.

Anny Hartmann | Diplom-Volkswirtin und politische Kabarettistin | Kassel
Ein Plädoyer für das gemeinsame Forschen von Kunst und Wissenschaft - das fällt mir leicht. Denn ohne die (Vor-)Arbeit der Wissenschaftler*innen, könnte ich meinen Beruf als politische Kabarettistin gar nicht ausüben - oder zumindest nicht in der Qualität. Für meine abendfüllende Programme betreibe ich immer viel Recherche - und zwar mit den Texten, die von Wissenschaftler*innen und/oder Journalist*innen veröffentlicht wurden. Nur so kann ich meinem hohen Aufklärungsanspruch gerecht werden. Mit meiner (Vortrags-)Kunst bringe ich dann Wissen(schaft) zu den Menschen, welche diese Texte vielleicht nicht lesen würden. Für mich ist also völlig klar: ohne Wissenschaft keine Kunst! Mehr Austausch zwischen den Disziplinen kann nur ein Gewinn für alle sein/werden.

Prof. Dr. Ingo Uhlig | Kulturwissenschaftler Germanist | Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) Martin-Luther-Universität | Halle-Wittenberg 

Vielleicht müssen die Kunst, die Architektur, die Planung, das Design, kurz: alle GestalterInnen die Fluchtlinien der Transformation in unsere gegenwärtige Welt einzeichnen. Wenn es einen Spürsinn, einen für die Vielen lebbaren Entwurf der Zukunft gibt, dann wahrscheinlich hier. Das heißt nicht, dass ein Masterplan oder die Leitdisziplin der Transformation ausgerufen werden. Es geht darum das Spektrum zu erweitern: Für die Momente inspirierter und gelingender Kollaboration von Technik, Gestaltung, Theorie und Politik. Wir sollten alle unsere jeweiligen Künste so gut es nur geht beherrschen. Die Zukunft aber macht uns unausweichlich naiv. Dieses Quantum Mut braucht sie, sonst passiert sie nicht.

Dr. Alena Wagnerova | Biologin und Autorin | Saarbrücken und Prag                 
Die Komplexität von Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik aus isolierten "Sandkästen" zu befreien, und wiederherzustellen, dass sich Einzelne in ihrer Arbeit anschauen, unterstützen, kritisieren und ihre Erkenntnisse austauschen, scheint mir heute eine der dringendsten und aktuellsten Aufgaben zu sein. Denn durch die große Spezialisierung vor allem der wissenschaftlichen Fächer mit ihrem zeitlich beschränkten Soll, ist einiges auf der Strecke geblieben, was für unsere Existenz auf der Erde grundsätzlich ist: die Ästhetik als Bestandteil der Ethik, die Frage nach dem Menschen und seiner Zugehörigkeit zur Natur, der Wille zur Akzeptanz, die Bescheidenheit der eigenen Existenz und  Nachhaltigkeit als Jedermanns Verantwortung zu begreifen. Der FÄN könnte schon diesen gemeinsamen ''Sandkasten'' wollen und realisieren, sollte aber keineswegs ein Amt werden.

Prof. Dr. Rainer Grießhammer | Chemiker | Senior Advisor Öko-Institut | Nachhaltige Produkte | Transformationen | Freiburg

Nachhaltige Entwicklung umfasst die vier Dimensionen Ökologie, Soziales, Ökonomie und Kultur, damit auch Kunst, Ästhetik, Ethik, Werte und Lebensstile. Gedanklich und in der Praxis wird die hohe Bedeutung von "Entwicklung" vernachlässigt, obwohl bei der Konzeption des Leitbilds Nachhaltiger Entwicklung im Brundtland-Report gerade Innovationen hervorgehoben werden. Es geht also vor allem um "Zukunftskunst" (Schneidewind). Und die ist nur in Kooperationen und transdisziplinär zwischen Kunst, Wissenschaft, Technik und Politik zu erreichen. Da in diesem Zusammenhang Kunst und Kultur finanziell vernachlässigt werden, ist die Forderung nach einem "Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit" folgerichtig.

Peter Weiß beschreibt in seinem Buch "Ästhetik des Widerstands" einen (namenlosen) Arbeiter, der die Kultur braucht, um die Welt zu verstehen und verändern zu können. In unserer extrem schnelllebigen, technikgetriebenen Welt brauchen aber wir alle die Kultur und Ästhetik, um die Welt zu verstehen und die Zukunft gestalten zu können. Kunst und Ästhetik müssen dabei ihre Reduktion als "Religionsersatz für das Bildungsbürgertum" (Brandstätter) überwinden, die großen Linien zu nachhaltigen Transformationen aufzeigen, und sich auch in die Niederungen der Praxis begeben. Das bedeutet harte Dialoge, aber auch die Fähigkeit zur Selbstkritik. So hat die Unwirtlichkeit vieler Städte ihren Ursprung in der Charta von Athen mit dem Leitbild der autogerechten (!) Stadt. Aber wie sehen "Städte für Menschen" (Jan Gehl) oder die "Stadt der kurzen Wege" aus? (....)Wie kann es sein,(..) dass Designer supergroße Wohnküchen, gigantische Wellnessbäder und riesige Sofalandschaften entwerfen und damit die Pro-Kopf-Nutzung von Wohnraum (1960: 20 qm/Person; heute 48 qm/Person) weiter vorantreiben? Dass die Computerspiele überwiegend waffenstrotzende Aggressionen bedienen, während wir fassungslos den Ukraine-Krieg verfolgen? Noch weit mehr Fragen drängen sich auf - genug Arbeit für einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit!

Wilfried Wang | Architekt | Berlin

Noch meinen die meisten von uns, dass man durch institutionelle Änderungen, oder Änderungen in Lebensgewohnheiten wie auch im Kunstbereich, einen entscheidenden Beitrag zur Nachhaltigkeitswende leisten kann. Dem ist schon längst nicht mehr so. Es verbleiben nur noch maximal 10 Jahre, eigentlich nur noch 3 Jahre, wenn wir gemeinsam die Ziele des Pariser Abkommens einhalten wollen. Aber die Trägheit eben der Kultur im weitesten Sinne, besonders klar erkennbar anhand der Besiedelung der Umwelt, zeigt, dass nicht nur das Wohnen und die Gewohnheiten, sondern insbesondere die tief verankerten und weit verbreiteten Wünsche nach einem Wohnen "in der Natur" nicht in diesen 10 Jahren grundlegend verändert werden können. Weder die russische Vergewaltigung der Ukraine noch die COVID Pandemie haben es geschafft, entsprechend mittelfristige und langfristige Änderungen in den Gewohnheiten, in den Komfortmaßstäben der westlichen Welt zu initiieren. Im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass sich die meisten Menschen nichts sehnlicheres wünschen als die Rückkehr zur "Normalität" der Vorkrisenzeit. Soweit zu den Chancen überhaupt noch etwas Entscheidendes bewegen zu können.

Wenden wir uns also den Maßnahmen zu, die nach dem Eintritt in den unumkehrbaren Klimawandel notwendig werden: was muss in der Kultur verändert werden, damit wir mit dem dann unumkehrbaren, fortschreitenden Klimawandel koexistieren können? Zwei extreme Option: "Lean back, relax and enjoy the climate change" oder wir adaptieren unsere Lebensweisen und Gewohnheiten und versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Kultur müsste kollektiv ein Bewusstsein für die grundlegenden Veränderungen im Sinne der alten wie neuen Nachhaltigkeit schaffen, genauso, wie die Kultur in den letzten Jahrhunderten die globale, lineare Konsumkultur erschaffen hat: von den großen Erzählungen der Bildungsromane, über die seichten Filme, dem Neuigkeitswahn, der der Wegwerfindustrie zu ihren größten Erfolgen verhalf, bis hin zum Starkult des weißen Künstlers (eben meistens männlichen Geschlechts). Es müssten kollektive Visionen entwickelt werden, wie eine weiter anwachsende Zahl von Mitmenschen auf dieser Welt zivilisiert, d.h. in Frieden, leben können. Sind Künstler:ïnnen zu einer derartigen visionären "Parallelaktion" fähig? Um dies zu beweisen, braucht es den FÄN.